Prolog

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Das letzte, was sie sah, war die blöde Münze in ihrer Hand. Sie lag schwerer in ihrer Hand, als eine einfache Euro Münze sich anfühlen sollte. Sie spürte die Sandkörner an ihr, die ihr Bruder nie abgemacht hatte. Nicht Mal für diese Geste hatte er sich endlich mal etwas Mühe gegeben! Wenigstens die Scheiße an dem Ding hätte er abmachen können! Jetzt würde sie mit getrockneter Hundekacke an der Hand sterben! Na super! Aber apropos sterben...

Sollte sie jetzt nicht endlich tot sein? Sie hatte doch gerade ihren letzten Atemzug getätigt, oder? Sie atmete doch nicht mehr? War sie jetzt tot? Bitte sie sollte endlich einfach tot sein! Was, wenn sie jetzt für immer im Delirium schweben wird? War das das Delirium? Vielleicht war das hier das Ende? Vielleicht würde sie jetzt bis ans Ende ihrer Tage... Oh haha die waren ja schon gekommen! Würde sie jetzt bis ans Ende der Welt in ihrem Kopf gefangen sein? War das der Himmel oder die Hölle? Mit ihren Gedanken wäre es auf jeden Fall die Hölle! Aber warum sollte sie in die Hölle kommen? Wenn dann sollte ... in die Hölle kommen.

Er hatte schließlich seiner sterbenden großen Schwester ein mit Scheiße versautes Geldstück als Abschiedsgeschenk gegeben! Sie hatte das nicht verdient! Sie hatte das alles hier nicht verdient! Soll doch jemand anderes den blöden Tumor bekommen und daran verrecken!

Aber jetzt war es ja auch egal. Sie würde jetzt wohl für immer in der trostlosen, schwarzen Hölle schmoren. Sie hatte sich die Hölle etwas anders vorgestellt. Eigentlich ist sie ja nicht gläubisch aber sie dachte die Hölle hätte wenigstens ein paar mehr Farben... oder Formen. Aber einfach nur schwarz war echt langweilig. Wenigstens ein bisschen rot hier und ein bisschen Tod da und sie wäre zufrieden. Aber so? Sie konnte ja nicht mal etwas riechen oder hören! Als wenn ihre Ohren einfach weg wären! Okay theoretisch gesehen waren sie auch irgendwie weg... Oder war sie noch in ihrem Körper? Sie sollte aufhören darüber nachzudenken. Es führte sowieso zu nichts. Vielleicht war sie auch gar nicht tot und der ganzen Krebs-Scheiß war einfach nur ein Traum und sie würde gleich aufwachen, sich anziehen und endlich zu ihrer neuen Schule gehen, auf die sie diesen Sommer gewechselt wäre. Sie hatte schon alles geplant. Sie wollte mit ihn morgens zur Kita bringen, die im gleichen Gebäude, wie ihre Schule gewesen wäre und ihn nachmittags wieder abholen. Wenn ich gut drauf gewesen hätte, wäre für ihn sogar ein Eis drinnen gewesen. Aber das ging jetzt wohl nicht mehr. Sie wird ihm nie wieder ein Eis kaufen können.Nie wieder wird sie ihm durch die schwarzen Haare wuscheln können oder ihm die Fingernägel lakieren. Langsam schlich sich die Bedeutung vom Tod in ihr Sichtfeld und drohte sie zu überschwemmen.

Ein Gefühl, dass sie noch nie gefühlt hat, drohte sie aufzufressen. Eine Angst, die nicht auf unmittelbare Gefahr zurückzuführen war, sondern auf die Angst um ihre Familie, Freunde und vor allem ... Wie sollte er ohne sie zurechtkommen? Der Blick in seinen Augen, als er ihr die Münze gegeben hatte. Am liebsten würde sie vergessen, wie er sie angeguckt hatte. Aber gleichzeitig wollte sie für immer in Erinnerung behalten, wie er aussah, roch, und redete. Wenn eine schlimme Chemo hinter sich hatte, konnte er sie immer aufmuntern. Mit seinem süßen kleinen Mund, aus dem nur Gebrabbel rauskam, weil er noch nicht reden konnte, hat er jeden aufgemuntert. Sie war immer nur das arme Kind mit dem Tumor gewesen, dass aufgemuntert werden musste. Da hatte man gar keine Chance Freunde zu finden! Niemand weiß, wie er mit einer sterbenden fünfzehnjährigen umgehen soll. Selbs ihre Eltern haben sich nie richtig getraut mit ihr zu reden.

Ihre Eltern! Wie konnte sie nicht an sie denken? Ihre Eltern hatten ihr gerade für immer auf Wiedersehen gesagt! Dad wollte doch noch ein letztes Mal mit ihr in den Wald gehen, um die Eichhörnchen zu beobachten! Der Wald war so schön gewesen! Die frischen grünen Blätter im Frühling. Die vom Tau noch nassen Blätter. Der einzigartige Geruch des Waldes... Sie könnte schwören sie hörte das leise Gezwitscher der Vögel.

Beyond the deathWhere stories live. Discover now