"Teufelswerk, anders kann ich mir das nicht erklären "
Mrs Miller war schon immer so gewesen. Alt, verbittert und abergläubisch. Was auch immer ihr erzählt wurde, sie glaubte es. Somit wurden oftmals Lügenmärchen verbreitet, die so einfach zu entlarven waren wie die Tatsache das Schildkröten aus Eiern schlüpften gesetz war.
Mich persönlich würde es wundern wenn Mrs Miller überhaupt wusste was eine Schildkröte war. Schließlich kannte sie noch nicht einmal den Unterschied zwischen einer Katze und einem Hund, geschweige denn konnte sie ihre Eigene Brille und die von ihrer Haushälterin Madison unterscheiden. Das war wieder so eine Sache, die Mrs Miller zu einer unverfochtenen, tapferen, heldenhaften, man könnte auch sagen, einfach nur dummen Person machte. Madison war eine meiner besten Freundinnen. Sie war 26 Jahre alt, spindeldürr, dunkelbraunhaarig und überaus Liebenswert. Warum sie ausgerechnet bei Mrs Miller arbeiten musste verstand ich nicht so recht. Aber gut. Wenigstens war sie nicht allzu vernünftig und noch lange nicht so abergläubisch wie ihre Arbeitgeberin. Außerdem war sie meine erste und einzig richtige Freundin. Niemand sonst verstand mich wie sie. Mich, die streberische, selbstverliebte, nervige, in Gebüschen hockende Bella. Und ja. Ich saß gerade mitten in einem äußerst stacheligen Brombeerstrauch und beobachtete wie Mrs Miller sich mit dem Oberwachmeister Derbing hitzig unterhielt. Meine Haut brannte von den ganzen Kratzern die die abbekommen hatte. Aber das machte mir in diesem Moment nichts aus. Es war einfach zu lustig Mrs Miller in ihrer aufbrausenden Art zuzusehen wie sie den Wachtmeister zur Schnecke machte und dabei immer wieder mit ihrer abergläubischen Ader jedem kundtat. Sie hätte wohl niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet, das ich es war die ihr diese ganzen Scherereien bereitete.
Da war es von Vorteil das sie an "Teufelswerk " glaubte.
"Herr Wachtmeister, sie haben es doch gehört! Teufelswerk! Das ist die einzig logische Erklärung "
Das war Mrs Miller. Wie sie leibte und lebte. Alles was nur ansatzweise an Märchen und andere bizarre Geschichten grenzte war für sie LOGISCH. "Aber MyLady!"
Über den Wachtmeister konnte man einzig und allein sagen das er ein strickt an das Gesetz gebundener Mann war und wie ich fand, leicht zu durchschauen.
"Sie wollen mir doch nicht weiß machen, das dieses Missgeschick irgendein Hokuspokus sei, der keines Wegs durch Menschenhand ausgeübt wurde!"
"Selbstverständlich " gab Mrs Miller bissig zurück.
Ich musste innerlich grinsen als ich den empörten Blick seitens Mr Derbing sah.
" Was hast du nun schon wieder angestellt? "
Ich schreckte zurück. Madison musste sich wohl hinter mir angeschlichen haben. Ihre zerkratzen Unterarme bestätigten meinen Gedanken. "Was machst du den hier?" zischte ich äußerst erfreut über ihre Anwesenheit zurück. Madison antwortete nicht, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Grinsend sah sie duch die dornigen Äste hindurch zu den Streitenden auf. Sie trug noch immer ihre weiße Arbeitsschürze über der roten Bluse die schon ziemlich klägliche Löcher aufwies. Es war nicht das erste mal das wir Mrs Miller durch das Dornengebüsch hindurch beobachteten.
"Nun sag schon Bella! Ich will wissen worum es geht."
Obwohl Madison für Mrs Miller arbeitete und täglich ihren Müll vor die Tür brachte, war sie genauso erpicht darauf, wie ich Mrs Miller hinters Licht zu führen. "Rate!" ließ ich sie zappeln. Doch als ich sah wie sich ein ungeduldiger Blick in ihr Gesicht schlich verkündete ich meinen genialen morgendlichen Einfall. "Ca. vor einer Stunde hab ich den dort festgemacht. " Ich deutete auf einen kleinen Holzvorprung unter dem Dach von Mrs Millers Haus. Auf eben diesem trohnte ein altehrwürdiger Ohrensessel auf dem ein Schwarzer Rabe hockte.
Nun, eigentlich war es kein Rabe, sondern nur eine Skulptur, die täuschend echt aussah. Wen man die geheime Leiter nicht kannte über die man auf den Dachboden gelangen konnte, war es ein unmöglicher Gedanke, das ein Mensch dieses Werk vollbracht hatte. Aber ich kannte diese Leiter schon vom Kindesalter an.
"Wie hast du das den geschafft?"
Madisons erstaunter Blick sprach Bände. "Ich bin in aller Früh zu Qinnie und hab denn Sessel um sonst bekommen. Zuerst wollte ich nur den dort platzieren. Ich bin an der Außenleiter zum Dachboden hinauf. Aber dann hab ich die Skulptur der Rabenmutter in einem der Schränke entdeckt...." ließ ich den Satz offen stehen.
"Und Qinnie hat dir den Ohrensessel wirklich umsonst gegeben? "
Ich nickte. Qinnie war Inhaberin von Antiques&scrap. Und das war wohl Wortwörtlich gemeint, denn Qinnie besaß nicht nur alte Gegenstände, sondern auch äußerst nutzlose. Madison runzelte die Stirn.
"Qinnie gibt doch nie etwas umsonst her...."
Ertappt blickte ich zu Boden.
"Nun..." Ich zögerte "..womöglich hat Qinnie den Laden für kurze Zeit verlassen...."
Madisons Blick bohrte mir durch Mark und Bein.
"Du bist also heute Früh heimlich bei Qinnie eingestiegen, hast einen alten Ohrensessel geklaut. Dann hast du dich auf den Weg zu Mrs Miller gemacht und hast den Sessel mit der Skulptur einer Rabenmutter darauf auf den Dachvorsprung geschleppt, wie du das angestellt hast will ich gar nicht erst wissen." Madison blickte auf ihre Uhr. "Und es ist erst kurz vor Sechs Uhr morgens...."
Um ihre Aussage zu unterstreichen gähnte Madison laut. Ich nickte kleinlaut. Jetzt kam sicher wieder Madidons typische Schimpftirade. Aber diesmal täuschte ich mich. Madison begann zu lachen, laut und herzhaft. "Das musst du mir noch mal genau erzählen! " kicherte sie. Ich grinste. "Klar!"
Ich begann alle Einzelheiten zu erzählen. Obwohl Madison fast elf Jahre älter war als ich verstanden wir uns blendend!
Ich erzählte und erzählte, doch dabei merkten wir nicht wie es um uns herum immer leiser wurde... Mrs Miller und Wachtmeister Derbing hatten aufgehört zu diskutieren. Langsam drehten Madison und ich uns um. Wir blickten in ein fleischiges, altes Gesicht das schon mehrere Runzeln aufwies.
Mir Derbing sah uns selbstgefällig an. "Ihr wart das also!"
Ich und Madison waren wie erstarrt. Ich konnte nicht klar denken. Doch ein innerer Instinkt riet mir das es wohl an der Zeit war wegzulaufen. Also sprang ich auf und zerrte Madison hinter mir aus dem Gebüsch. Wir rannten quer Feldein. Immer dem Wind entgegen, weshalb wir nur schwer vorwärts kamen, aber Mr Derbing konnten wir dennoch abhängen. Vor einem großen Wald blieben wir außer Puste stehen. Ich hatte keine Ahnung wo wir hingerannt waren und Madison schaute sich auch unsicher um. Große Tannen standen am Waldrand, rings um uns herum weite Grasflächen, nur auf der Ferne konnte man Geräusche hören, die darauf hin deuteten das nicht in allzu weiter Ferne ein Marktplatz oder andere wirtschaftliche Betriebe, vielleicht sogar ein Hof oder Gasthaus, waren. Niemand von uns wagte es auszusprechen, aber wir hatten definitiv ein Problem!
1084 Wörter.
~ Das Cover des Buches hab ich selbst gestaltet! :) ~
