Über Götter und Hodenkobolde

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Seid ihr schon einmal auf einer Wiese gelegen, habt in den Himmel gesehen und statt Wolken ein Häschen oder ein galoppierendes Pferd gesehen? Ach, was frage ich eigentlich, das hat jeder schonmal gemacht. Ich auch, nur das sich meine Wolken in keine niedlichen Tiere verwandelten, sondern immer in einen buckeligen alten Mann mit einem altertümlichen Mantel, der sich hinter ihm im Wind aufbauschte. Okay, gelegentlich hielt er auch einen Blitz in der Hand, den er siegessicher in den Himmel reckte. Was er aber immer hatte, waren zwei dicke, große Eier zwischen den kümmerlichen Beinen. Ich weiß nicht, wie ihr euch die Götter vorstellt, vermutlich überirdisch schön, athletisch und widerlich perfekt. Scheiße, vermutlich habt ihr damit recht. Ein Blick auf meine Großmutter genügte und ich bekam eine Ahnung davon, wie vollkommen sie sein mussten. Ihr weißes Haar schimmerte silbern im Sonnenlicht und floß ihr dick und in sanften Wellen über den Rücken. Manchmal hatte es im letzten Licht des Tages einen blauen Glanz. So blau wie das Meer um unsere Insel. Großmutter war die Göttin des Meeres gewesen, bis sie sich in einen Seefahrer verliebte. Meinen Opapa. Damit brach sie ihr heiligstes Gesetz. Zeus verbannte Großmutter und nahm ihr die Göttlichkeit. Menschen waren wir dennoch nicht.
Zeus. Ihm musste Großmutter seither dienen und mit ihr meine Mutter und ich. Ohne meinen Opapa, denn den hatte er wenige Sekunden, nachdem er die Insel betreten hatte, in einen Esel verwandelt. Einen Esel mit weichem, langem Fell. Kein Wunder also, dass ich statt niedlichen Häschen in den Wolkenbildern über uns Zeus sah, wie ich ihn mir als liebstes vorstellte. Als Hodenkobold.
»Du schmunzelst die Wolken an, Ciril. Da oben wirst du unser Abendessen aber nicht finden.« Ich senkte den Blick und sah zu Großmutter, die mir gegenüber auf der Erde vor dem Gemüsebeet kniete und Unkraut zwischen dem Möhrengrün aus der Erde zog. Dass ich lächelte viel mir erst auf, als sie es erwähnte und kaum hatte sie mich darauf hingewiesen, sackten meine Mundwinkel gen Boden. Sie seufzte. »Ich hätte nichts sagen sollen«, flüsterte Großmutter. »Du lächelst so selten.«
Ich schnaubte. »Es ist ja nicht so, dass wir hier viel zum Lachen haben oder etwas das uns glücklich macht.«
Sie stockte in ihrer Arbeit und sah mich mit gerunzelter Stirn an. Erde bedeckte ihre Hände, auf denen sich die ersten Altersfalten gebildet hatten. Ihre sonst so sauberen Fingernägel waren dunkel vom Schmutz. »Sei nicht undankbar, Ciril. Wir haben hier alles, was wir brauchen. Essen, ein Zuhause und ich habe dich und deine Mutter um mich.« Leiser fügte sie hinzu. »Und irgendwo auf dieser Insel sind dein Papa, deine Onkel, dein Bruder und unsere Liebsten. Ich spüre ihre Anwesenheit in jeder Sekunde in der ich wach bin.«
Ich hätte sie gern angeschrien und tat das in Gedanken auch. Meinen Zorn an ihr auszulassen kränkte Großmutter nur, änderte aber nichts an ihrer Meinung. Dieses Gespräch hatten wir schon so oft geführt. »Di lamentarsi frisst Männer auf«, sagte ich stattdessen viel zu ruhig für die Wut, die ich im Herzen spürte. Di Lamentarsi, das hieß in der Sprache meines Opapas »klagen«. So nannten wir die Insel, auf die der Hodenkobold meine Großmutter verbannt hatte, als sie gegen seinen Willen meinen Opapa geheiratet hatte. Alle Männer unserer Familie ereilte das selbe Schicksal. Meinen Zwillingsbruder Beppe hatte Zeus in einen puschelschwanzigen Angorahasen verwandelt, da war er erst wenige Minuten alt. Was das in meiner Mutter ausgelöst hatte, war grausam. Vielleicht war das auch der Grund dafür, warum mein Hirn keine Wolkenhäschen formen wollte. Es hoppelten tausende über unsere Insel und mit einem von ihnen war ich tatsächlich verwandt. Wenn ich also ein bisschen irre war, hatte ich einen guten Grund dafür und schuld an allem war der Hodenkobold.
»Er ist ein Esel, Großmutter. Einer von hundert anderen, die auf den Wiesen um uns grasen. Die Dienerinnen trinken ihre Milch und aus ihrem Fell spinnen wir das Garn für den Webstuhl.« Ich schüttelte mich. »Nicht umsonst essen und trinken wir nichts, was von den Tieren hier stammt.« Kein Tier auf der Insel durfte getötet werden. Großmutter hätte jede Dienerin die es wagte im Meer ertränkt. Dennoch starben sie an Krankheit oder dem Alter, auch wenn wir uns gut um sie kümmerten. Wir konnten nicht alle retten. Immer wenn ein Tier von uns ging, sah ich es in den Gesichtern meiner Mutter und Großmutter. Angst. Was wenn der Hase, der Esel, Ziegenbock oder das Schaf, das wir der Erde übergaben, einer unserer Liebsten war? Jeder von ihnen könnte mein Opapa, mein Papa, einer meiner Onkel oder mein Zwillingsbruder Beppe sein. Wir wussten es nicht. War das Glück? Nein, Glück sah anders aus. Wir saßen auf dieser Insel fest, deren richtigen Namen nur ein Gott aussprechen konnte, die aber nur derjenige auch wieder verlassen konnte, der ihn richtig aussprach. Finde den Fehler. Ja, Zeus war schon ein ganz schön gerissener Dreckskerl mit übergroßen Glocken. Und als wäre das nicht genug, war es die Aufgabe meiner Familie am Webstuhl der Götter zu spinnen. Jeden Tag, alle paar Stunden wechselten wir uns ab. Das permanente Klacken des Webstuhls folgte mir über die ganze Insel. Nur am Strand übertönte das Rauschen der Wellen, die sich im Sand brachen den Ton, der unser aller Leben bestimmte. Das Monster stand niemals still. Es quasselte mir Schlag auf Schlag die Ohren voll und erzählte dabei immer dieselbe Geschichte. Webe und bereue.

Einen Scheiß tat ich.

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