Ein unvermeidbares Wiedersehen

19 2 3
                                        


Stille. Diese allumfassende Stille, die in der Kathedrale herrschte und jeden der sie betrat zur Ehrfurcht zwang. Dazu, einen Fuß vorsichtig vor den anderen zu den setzen, als wäre der Boden aus glattem Eis. Sich nur noch flüsternd zu unterhalten. Genau diese Stille war es, die Suriel an der Heiligen Stätte am meisten zu schätzen wusste. Kein Ort sonst war derart dazu geeignet, die innere Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

Er liebte diese Kirche, hütete sie gut und wusste, dass die höheren Mächte es sahen und es ihm vergüten würden. Niemand sonst arbeitete so hingebungsvoll in ihrem Namen. Niemand. Der Priester lächelte und seine Schritte waren beinahe lautlos, als er auf den Altar zuschritt. Es war Zeit für die Sext. Das Weiß der stuckverzierten Säulen leuchtete und die Personen in den Wand- und Deckengemälden schienen ihm zuzulächeln. Friede. Harmonie.

Die jäh zerstört wurde, als die schwere eisenbeschlagene Kirchentür gewaltsam aufgestoßen wurde und ein explosionsartiger Knall durch die Kathedrale hallte, gerade als Suriel die Hände faltete. Das Geräusch hallte von den Wänden wider wie hunderte Kanonenschüsse, die die Stätte der Ruhe in eine einzige Lärmquelle verwandelten. Dann schnelle, zielstrebige Schritte, das Donnern von Schuhabsätzen auf Mamorboden wie eine Salve weiterer Geschosse. Er wirbelte herum, sein Gesicht wutverzerrt, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann erkannte er die Person, die entschlossen auf ihn zukam, mit dem üblichen schnurgeraden Gang und hasserfülltem Blick. Suriels Lächeln kehrte zurück. Natürlich. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er hierher zurückkehrte. Er war noch nicht verloren.

„Guten Tag, Kieran. Es freut mich, dass wir uns wiedersehen."

Sein Gegenüber machte sich nicht die Mühe den Gruß zu erwidern, kam vor dem Altar zum stehen und knallte einen Stapel Papier auf die Tischfläche zwischen ihnen.

„Mich nicht", fauchte er, dann sauste sein Zeigerfinger auf das Papier, das er soeben abgelegt hatte. Suriel registrierte mit einem raschen Blick, dass es sich offenbar um eine Tageszeitung handelte, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Engel richtete, der vor seiner Opferstätte stand und ihn anfunkelte. 

„Sagen Sie mir, was das zu bedeuten hat", zischte dieser nun mit zusammengebissenen Zähnen als würde ihm das Sprechen Schmerzen bereiten. „Sind sie käuflich, Pater? Wirklich?"

Kieran beugte sich zu ihm herab und Andere wären vielleicht aufgrund seiner Größe zurückgewichen, doch Suriel fühlte sich nicht bedroht.

„Erklär mir doch bitte, wovon du sprichst."

Sein freundliches Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht. ‚Wie aufgemalt. Wie bei einer Puppe', dachte Kieran nicht zum ersten Mal und schauderte. ‚Warum ist mir das damals nicht aufgefallen?'

„Oh bitte", er lachte auf, ein bitteres Lachen, das vor Sarkasmus triefte. „Niemand außer Ihnen kann davon wissen. Schon gar kein Möchtegern-Journalist von diesem Schundblatt."

Er hatte die Zeitung aufgenommen und hielt sie dem Priester vor die Nase, dessen eisblaue Augen jetzt die Schlagzeile überflogen. Es handelte sich nicht um die offizielle Tageszeitung des Rats, die für das Leben im Himmel essenzielle Informationen enthielt, sondern ein Klatschblatt, das vielmehr Zwietracht unter den Engeln säte, aber sich aufgrund der reißerischen und durchaus unterhaltsamen Artikeln großer Beliebtheit erfreute. Auch wenn die Veröffentlichung dieser Zeitung nicht ganz regelkonform war, so war sie doch allgemein akzeptiert und von der Obrigkeit mit Ignoranz gesegnet. Suriel blinzelte, als er das Ende der Kolumne erreicht hatte und erwiderte dann unverwandt Kierans Blick.

„Du unterstellst mir, ausgerechnet mit der Redaktion des ‚Wolkenjägers' zusammenzuarbeiten?Was hätte ich davon?"

„Gute Frage. Wer außer Ihnen hätte sonst etwas davon, diese Geschichte nach 80 Jahren wieder auszugraben um mir das Leben schwer zu machen? Womöglich um alte Schuldgefühle zu wecken, damit ich an diesen verfluchten Ort zurückkehre?"

Seine rechte Hand beschrieb flüchtig einen Halbkreis als er auf die Wände um sie herum deutete.

Suriels Mundwinkel bogen sich noch etwas weiter nach oben.

„Oh, das habe ich nicht nötig. Ich weiß ganz sicher, dass du aus freien Stücken zurückkehren wirst." Er legte den Kopf schief. „Und du auch."

Kieran lachte erneut auf. „Einen Scheiß werde ich."

Endlich trat er ein paar Schritte zurück. „Ich bin durch mit der Kirche. Mit Ihnen. Aber das", er deutete auf das Blatt zwischen Ihnen und wich noch ein Stück zurück als wäre die Zeitung ein Sprengkörper, „ist unter Ihrem Niveau. Es ist Schwachsinn."

„Natürlich ist es das." Suriels betonte die Worte, als wolle er ein weinendes Kind beruhigen.„Wenn du ehrlich zu mir warst, und darauf vertraue ich, entspricht nichts davon der Wahrheit. Und du weißt, dass ich nicht lüge. Erst recht nicht für Geld."

„Aber wer dann?" Kieran versuchte offensichtlich seiner Stimme einen festen Klang zu geben, doch das Zittern darin blieb dem Priester nicht verborgen.

„Meine Unschuld wurde bewiesen. Der Rat hat mein Handeln als gerechtfertigt bestätigt. Aber in dem Artikel stehen Vorwürfe, die ich mir selbst gemacht habe. Gedanken und Gefühle, die ich nie ausgesprochen habe. Außer bei Ihnen." Seine Stimme kippte endgültig. „Die Gerüchte um Xaver und mich haben mich meinen Job gekostet. Wie viel soll ich noch verlieren?"

Suriel schüttelte geduldig den Kopf.

„Das sind haltlose Behauptungen. Flüchtiger Klatsch um das Titelblatt zu füllen und morgen wieder vergessen. Dir wird gar nichts geschehen."

„Außer noch mehr Getuschel in den Gängen. Noch mehr Menschen, die mir ausweichen und die Straßenseite wechseln. Weil sie jetzt glauben, ich wäre sogar ein zweifacher Mörder." Er schrie die letzten Worte und sie wurden von den hohen Wänden zurückgeworfen, vervielfacht. „Ich wäre ein schlechter Mensch hätte ich Nadja weiter leiden lassen. Sie war krank, verdammt. Sie hatte Schmerzen. Ich habe sie nicht getötet, ich habe bloß ihren Tod nicht weiter verzögert."

Suriel stand da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und wartete, dass der Wortschwall verebbte.

„Ich weiß das. Und du hast mein Wort, dass ich mich an meine Schweigepflicht halte."

Er klang aufrichtig und aus irgendeinem Grund machte es Kieran noch rasender. Er zerriss das Papier in seinen Händen und in der nächsten Sekunde standen die Fetzen in purpurnen Flammen und segelten nur noch als Asche zu Boden, was der Priester mit einem überraschten Blinzeln quittierte.

„Du bist stärker geworden."

Sein Lob erreichte den anderen Engel nicht, denn der wandte sich bereits zum Gehen.

„Sie können mich mal", knurrte er, trat gegen eine der Kirchenbänke, als wäre diese der Grund für all seinen Ärger. „Sie sehen mich hier nie wieder."

Der weißhaarige Engel lächelte. Er wusste, das es nicht stimmte. Ihre Wege würden sich wieder kreuzen, unvermeidbar. Er wusste, dass der Zweifel, den er in ihm gepflanzt hatte, immer noch keimte. Sie waren so kurz vor dem Erfolg gewesen. Bis ihn jemand vom Weg abgebracht hatte. Aber auch Rückschläge gehörten zu Gottes Plan. Er sah Kieran nach, der zum Ausgang schritt, ohne noch einmal zurückzublicken. Es war seine Prüfung. Er musste nur geduldig bleiben.

Der Priester wandte sich ab. Das Mittagsgebet war verspätet, er musste sich konzentrieren.

Ein lauter Knall, als die Tür zufiel. Dann wieder Stille.

You've reached the end of published parts.

⏰ Last updated: Sep 15, 2020 ⏰

Add this story to your Library to get notified about new parts!

Stille [Silvy]Where stories live. Discover now