Kapitel 3

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Durch die Tür kommt ein Junge. Nein,  nicht ein Junge. Der Junge von heute Morgen steht da und sieht mich an.
,,So, dann stell dich doch mal vor." Der Lehrer lächelt den Neuen an.
,,Ist der nicht schon etwas zu alt für die 10. Klasse?" Cleo hat ihren Kopf zu mir gedreht.
,,Aber aussehen tut er zugegeben wirklich gut und du kennst ihn ja schon."
Ich höre wie er mit dunkler Stimme auf die Aufforderung des Lehrers antwortet ohne seinen Blick von mir abzuwenden.
,,Natürlich. Mein Name ist Soléy Night. Ich bin 18 Jahre alt und ... " 'Soléy macht eine kurze Pause.
,, ... Interessen habe ich keine bestimmten." Er sieht sich langsam im Klassenraum um. Sein Blick bleibt an Danny hängen. Es scheint fast so, als würden sie sich Blitze nur durch Augenkontakt zuwerfen. Kannten sie sich denn schon vorher? Danny dreht stöhnend den Kopf weg und Soléy geht in die andere Richtung schauend durch den Klassenraum in die letzte Reihe ans Fenster. An den Platz, der von Danny am weitesten weg ist, denn der sitzt in der ersten Reihe an der Tür. Man hört noch, dass Solèy seinen Stuhl vor und zurück schiebt, dann ein bisschen in seiner Tasche kramt und abschließend zur Ruhe kommt.
Von der Position her sitze ich recht mittig, deshalb kann ich mich unauffällig umdrehen und zu ihm sehen. Er schaut, den Kopf in seine Hand gestützt, aus dem Fenster. Ich habe noch nie einen so gleichgültigen Blick gesehen.
Starr und kalt.
Ich drehe mich zum Lehrer zurück. Der Unterricht geht eigentlich recht schnell vorbei. Wir reden über die Hausaufgaben und die Arbeit nächste Woche. Ich allerdings denke mehr über meinen 17. Geburtstag nach. Nach dem Klingeln hole ich schnell meine Brotdose heraus und beiße ein, zwei mal in mein Brot.
,,Hey, was denkst du von diesem Solèy, Luna?", fragt Cleo neugierig. Ich schaue sie verwundert an.
,,Was soll ich denn von ihm halten? Ich kenne ihn doch gar nicht."
,,Trotzdem, sag mal. Was ist dein Eindruck?" Jake schaut mich mit großen grünblauen Augen erwartungsvoll an.
,,Weiß nicht, er scheint etwas ruhig zu sein." Wir drei wenden uns vorsichtig zu ihm. Er sieht immer noch aus dem Fenster und beachtet uns nicht weiter. Wenn er uns denn überhaupt gesehen hat.
Der nächste Lehrer betritt das Klassenzimmer und legt seine Tasche neben den Pult. Alle Schüler stehen auf und begrüßen ihn. Der Lehrer setzt sich auf den Tisch und beginnt über den Unterricht zu reden.
Im Laufe der nächsten Stunden erkennt jeder Lehrer den neuen Schüler und fragt, wer er denn ist und ob es ihm hier gefällt. Soléy gibt jedes mal eine knappe Antwort und starrt wieder irgendwo in die Leere. Eine Stunde beobachte ich ihn. Es scheint, als würde er sich keinen Zentimeter bewegen, aber dann schaut er mich plötzlich mit dem Auge, das ich von der Seite sehen kann, an. Gleichgültigkeit. Pure Gleichgültigkeit. Als ich weg schaue und nach einem Moment wieder hinsehe, stehe ich in direktem Augenkontakt mit ihm. Er beobachtet mich eine Weile, dann sieht er wieder aus dem Fenster. Merkwürdiger Typ. Stur drehe ich mich wieder nach vorn.
Auch die letzte Stunde vergeht und das Klingeln erlöst die Klasse. Alle stehen auf, packen ihre Sachen und strömen in den überfüllten Flur. Ich begebe mich langsam zur Tür. Als ich in den Gang trete, steht Solèy an den Schließfächern und nimmt seine Tasche wieder auf den Rücken. Er bemerkt mich und schaut mich einen Moment lang an. Dann lacht er auf und wendet sich zum gehen. Ich will ihn gerade ansprechen und ihn fragen, ob es ihm hier gefällt, da stößt mich etwas von hinten. Ich drehe mich eilig um. Jake steht hinter mir und hat mir seine Hand auf die Schulter gelegt.
,,Sorry, hab dich nicht gesehen.", entschuldigt er sich.
,,Ach was, kein Problem." Trotz der Unterbrechung, möchte ich nochmal mit Soléy sprechen. Ich weiß, wie es ist, neu zu sein. Doch als ich mich wieder zu den Schließfächern richte, ist er bereits nicht mehr da. Sein Lachen kommt mir wieder in den  Sinn. Es war ein freundliches, nettes Lächeln, ganz im Gegenteil zu dem gedankenlosen Blick, den er hat. Vielleicht komme ich ja morgen dazu, ihn anzusprechen.
Jake steht immer noch neben mir und schaut auf mich herunter. Eine seiner dunklen Strähnen hängt ihm im Gesicht. Vielleicht kennt man das ja, dass etwas nervt, was überhaupt keine Bedeutung hat. Aus Reflex schiebe ich die Strähne nach hinten. Er sieht mich verwundert an. Seine Gesichtsfarbe ändert sich und er wird auf einmal ganz rot. Ich weiß schon seit einer Weile, dass er in mich verliebt ist. Er hat es mir letzten Monat nach der Schule gesagt. Es fällt mir aber zum Glück nicht schwer, ihn trotzdem ganz normal zu behandeln. Wir sind schon seit der 5. Klasse ziemlich gut befreundet.
Als ich der peinlichen Situation entkommen will, hält er mich am Handgelenk fest.
,,Sag mal, Luna...", fängt er an. Er schaut seitlich auf den Boden und sein Gesicht ist immer noch etwas errötet.
,,Hättest du nicht Lust, was mit mir zu unternehmen?" Um ehrlich zu sein, hatte ich bereits die Vermutung, dass so etwas kommen würde.
,,Jake, du weißt, ich sehe dich als meinen besten Freund. Ich könnte nie mit dir zusammen sein." Traurig sehe ich ihm in die Augen und beobachte, wie auch sein Blick langsam immer trüber wird, seine Augen immer noch zu Boden gerichtet. Es tut mir so unglaublich Leid für ihn, dass ich nicht dasselbe fühle.
Vorsichtig lege ich meine Hand auf seine Wange und gebe ihm auf die mir zugewannte Seite einen kleinen Kuss. Er schaut mich direkt an. Als ich lächle, lächelt er zurück und umarmt mich.
,,Danke.", flüstert er kaum hörbar. Ein bisschen verwirrt lege ich meine Arme um ihn.
,,Du wirst bestimmt ein Mädchen finden, dass noch besser zu dir passt.", muntere ich ihn leise auf. Ich löse die Umarmung und gehe Richtung Ausgang. Jake muss zum anderen Ausgang, also winken wir uns zum Abschied.
Der Flur ist inzwischen absolut leer. Keine Menschenseele. Ich drücke die Tür auf und springe im Zweitakt die Stufen vor dem Eingang runter. Bei meinem Fahrrad angekommen, öffne ich das Schloss und richte meine Tasche, damit sie mir während der Fahrt nicht schon wieder von der Schulter rutscht. Ich fahre aus dem Schultor raus und mache mich auf den Weg nach Hause. Unterwegs halte ich noch kurz bei einer Konditorei. Meinen Eltern eine kleine Überraschung mitzubringen, wird ihnen nicht schaden. Ich stelle mein Rad also gegen die Ladenwand und gehe durch die Tür. Die Klingel an der Tür ertönt und ein Kunde und die Besitzerin des Geschäfts wenden sich zu mir. Ich erschrecke ein bisschen, als ich Soléy erkenne.
,,Oh, hallo Soléy." Ich lächle freundlich.
,,Hallo.", antwortet Soléy, ebenfalls mit einem netten Lächeln.  Ich verliere mich einen Moment in seinen grünen Augen, aber dann ruft mich die Stimme einer Frau hinter der Theke zurück ins Jetzt.
,,Was kann ich für sie tun, junge Dame?" Ich schaue ein Stück nach rechts. Eine wartende Bedienung steht da und wartet auf meine Antwort. Ich bewege mich eilig zur Theke. Ich höre von meiner linken Seite ein amüsiertes Lachen.
,,Ich nehme drei Teilchen.", sage ich schnell.
,,Danke.", antwortet Soléy gerade der Verkäuferin.
,,Gerne. Beehren sie uns bald wieder." Das Klingeln der Tür verrät, dass sie aufgeht. Ein älterer Mann kommt rein und geht an Soléy vorbei, der freundlich grüßt und aus dem Laden tritt. Die Angestellte hält mir eine Tüte hin.
,,Bitte sehr.", sagt sie.
,,Vielen Dank." Ich lege schnell das Geld auf die Theke und nehme die Tüte. Ich  verabschiede mich und gehe aus der Tür. Vor dem Geschäft blicke ich mich nach Soléy um, aber er ist nirgends zu sehen. Wie kann das sein? So viel früher ist er doch gar nicht gegangen. Ich schüttel den Kopf. Was solls. Ich steige wieder auf mein Fahrrad und fahre nach Hause.
Zu Hause angekommen, stelle ich mein Fahrrad zurück in die Garage und gehe in den Flur, der zur Küche führt.
,,Wieder da!", rufe ich laut genug,  dass man es im ganzen Haus hört.    
,,Hab eine Überraschung."
,,Eine Überraschung ?" Mein Vater kommt die Treppe hinunter gesprintet. Ich halte die Tüte in die Luft und er bekommt glänzende Augen.
,,Schatz, komm schnell runter.  Luna hat uns was vom Bäcker mitgebracht.", schreit er Richtung Badezimmer. Ich höre den zustimmenden Ruf von Mama als Antwort. Sie kommt in die Küche und setzt sich zu mir und Papa an den Tisch.
,,Na? Wie war die Schule?", fragt sie.
,,Nichts besonderes... Wir haben nur einen neuen Schüler bekommen." Ich beiße ein Stück von meinem Teilchen ab. Meine Mutter schaut mich verwirrt an.
,,Sagtest du nicht, es wäre nichts in der Schule passiert?" Ich zucke mit den Schultern und kennzeichne ihr, dass es nichts wichtiges ist. Eine kurze Zeit lang unterhalten sich meine Eltern über die Arbeit meines Vaters. Dann kommen sie wieder auf das Thema Schule.
,,Wie ist dein neuer Mitschüler überhaupt und wie heißt er?" Mein Vater lächelt mich an.
,,Sein Name ist Solèy. Er ist, denke ich, ganz nett.", antworte ich mit vollem Mund.
,,Du denkst?" Meine Mutter schaut mich fragend an. ,,Hast du denn noch nicht mit ihm gesprochen?" Ich sehe von meinem Teilchen auf.
,,Nicht wirklich. Das einzige, was ich ihn habe sagen hören, war sein Vorstellen. Ach, und ein Hallo." Ich lecke einen meiner Finger nach dem anderen ab und stelle meinen Teller auf die Theke neben der Spüle.
,,Ich gehe nach oben. Habe leider noch Hausaufgaben zu machen." Wie ich sehe, habe ich genau den richtigen Moment erwischt. Meine Mutter hatte gerade den Mund geöffnet, um mir wahrscheinlich irgendeine Arbeit aufzutragen. Nicht, dass es sehr schlimm wäre, den Müll weg zu bringen oder so, aber ich bin zugegeben etwas faul, wenn es um sowas geht.
Ich laufe die Treppe hoch und gehe in mein Zimmer. Dort angekommen werfe ich meine Tasche aufs Bett und mich selbst hinterher. Ich starre die weiße Decke an. Ich fixiere meinen Blick auf einen schwarzen Punkt. Es könnte eine Fliege sein oder eben einfach nur ein Fleck. Ich atme einmal tief ein, dann stehe ich auf und setzte mich an den Schreibtisch, der direkt am Fenster steht. Als ich raus schaue, sehe ich einen Mann in einem schwarzen Anzug und Sonnenbrille vor dem Haus stehen.
Was soll denn eine Sonnenbrille bei bewölktem Himmel?
Ich habe fast das Gefühl, als würde er mich direkt ansehen. So als wüsste er, dass ich ihn beobachte. Doch dann dreht er sich einfach weg und geht.
Etwas verwundert schaue ich wieder auf das leere Blatt vor mir. Ich muss einen Deutsch-Aufsatz schreiben, aber ich bekomme nie den Anfang hin. Wenn ich erst mal drin bin, klappt es für gewöhnlich.
,,Schatz, ich bin kurz weg." Ich höre meinen Vater unten mit meiner Mutter sprechen.
,,Ja ok, bleib aber nicht zu lange weg, wenn wir schon heute Abend warm essen müssen. Ich hatte extra für euch gekocht." Ein wenig beleidigt, dass ihr Essen wieder verschoben wurde, antwortet sie. Ich höre, wie die Haustür zufällt. Als ich aus dem Fenster sehe, steigt Papa gerade in sein Auto. Ich seufze, bevor ich mich erneut zum Schreiben zwinge.
Nach ein paar  gefühlten Stunden habe ich endlich einen annehmbaren Text geschrieben und packe ihn in meine Tasche. Auf meinen Ellbogen gestützt, sehe ich wieder aus dem Fenster. Erschrocken stelle ich fest, dass der Mann von eben wieder dasteht. Seine Sonnenbrille spiegelt das Licht und blendet mich. Für einen Moment bin ich blind und im nächsten ist er schon aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich gehe ins Bad und ziehe mir schnell eine herumliegende, weite Hose an. Zurück in meinem Zimmer erkenne ich, dass seltsamerweise Solèy vor meinem Haus steht.

Engel der NachtWhere stories live. Discover now