Es gab eine Zeit, in der war es einfach, Geschichten zu schreiben. Mein Kopf schwirrte quasi immer oben in den Wolken herum und oft, viel öfter sogar noch darüber, wo die Sonne immer scheint und die reale Welt nicht ganz so real bedrückend aussieht. Ich schrieb über Elfen, die in Tulpenblüten schlafen und erwachen, wenn sich die Blume im Frühling öffnet. Ich schrieb über Personen, die am Fluss wohnen und irgendwann aufbrechen, um das Leben zu wechseln, ich schrieb über zwei kleine Däumlinge, die auf einem Teichrosenblatt sitzen, die Beine ins Wasser hängen lassen und sich fragen, was am Seeufer hinter dem Horizont wohl sein mag. Die Geschichten, die ich schrieb, waren magisch, weil ich nicht nachdachte. Sie waren meine Tagträume und sie begleiteten mich in den Schlaf, wenn es Nacht wurde. Ich war nicht immer glücklich als Kind, aber ich hatte diesen Ort in meinem Kopf, Novaka, an den niemand herankam und an dem ich frei sein und fliegen konnte, wo immer ich hinwollte. In Novaka gab es nichts, was dauerhaft Schaden anrichten konnte und weder Missgunst noch Hass existierten dort. Novaka war mein Rückzugsort voller magischer Geschöpfe und Märchengeschichten und lange wurde mir gesagt, ich solle Autorin werden, ich hätte das Potenzial dazu.
Aber ich war nie sehr begeistert, wenn mir so etwas gesagt wurde. Ich wusste mit dem Lob nie richtig umzugehen und konnte mir überdies nicht vorstellen, es so weit zu bringen. Schließlich schrieb ich für mich, nicht für die anderen, und meine Figuren wiederholten sich, je mehr Zeug sich in meinen Notizbüchern sammelte.
Irgendwann verlor ich das Schreiben. Ich glaube, das nennt man Erwachsen-werden. Ich denke jetzt mehr nach, Novaka hat sich mir weitestgehend verschlossen. Manchmal kann ich ein Funkeln erhaschen oder einen kurzen Silberstreif davon sehen, aber wenn ich dann vor der goldenen Tür stehe ist sie fest verschlossen.
Ich glaube als Kind ist man sehr lange sehr unschuldig. Böse Dinge können geschehen, aber so lange Novaka mich beschützen konnte war es, als ob die bösen Dinge bloß um mich herum geschahen, mich kaum berührten, allerhöchstens streiften. Aber irgendwann ging die Energiezufuhr für Novaka kaputt und alle Lichter erloschen nach und nach. Der magische Wald mit dem See der Däumlinge, das Tulpenfeld und das Dorf der Wandermagier, all das lag plötzlich im Dunkeln und schlief ein.
Ab dem Zeitpunkt passierten die bösen Dinge nicht mehr nur um mich herum, sondern trafen mich, manchmal gezielt, manchmal zufällig. Novaka war nicht mehr da, um mich zu beschützen und langsam ging ich kaputt.
So vergaß ich Novaka beinahe vollständig.
Aber vor kurzem dann fand ich mich dann irgendwie auf einem gewundenen Pfad mitten in fremden Wald wieder, und als ich nach oben in die Baumkronen blickte erkannte ich das typische Glitzern der grünen Farbe. Ich wanderte querfeldein und kam an den See, wo eine meiner Däumlinge noch immer ganz verloren saß und mich nicht sehen konnte, weil sie so klein und ich so groß war. Alles wirkte stark verblasst und unbunt, aber irgendwer hatte die Energiezufuhr notdürftig geflickt und das leise Sirren, dass mich begleitete, schien durch den Boden zu vibrieren, als lägen die neuen Stromleitungen unter der Erde und nicht mehr in der Luft, wie es damals war.
Novaka bietet aktuell einen wirklich traurigen Anblick. Das Dorf der Wandermagier ist verlassen, das Tulpenfeld steht brach, der Fluss, in dem früher abertausend blaue Steine am Grund glitzerten, ist vertrocknet. Es sieht aus wie eine alte Welt, die den Krieg nicht überlebt hat.
Bloß: Wer hat dann die Leitungen repariert?
Ich sollte Flugblätter drucken lassen und per Flugzeug verschicken, die die gute Nachricht über ganz Novaka verbreiten und darüber hinaus:
ES GIBT WIEDER STROM! NICHT VIEL, ABER GENUG! KOMMT WIEDER HER!
Vielleicht mache ich das.
