Schon oft hatte ich mir gedacht, dass mein Leben eine einzige Blamage war. Es gab einfach schon zu viele Erlebnisse, die ich am liebsten aus meiner Erinnerung gelöscht hätte. Und damit meinte ich nicht nur meine zahlreichen, peinlichen - und erfolglosen - Versuche, Jungs anzusprechen (Hand aufs Herz: es ging nie über das bloße Kurz-in-die-Augen-schauen-und-dabei-rot-anlaufen hinaus) oder die vielen Male, als meine Stimme mitten in wichtigen Vorträgen einfach ihren Geist aufgab und mich hilflos stammelnd und nach Worten ringend vor einer großen Menschenmenge im Stich ließ. Nein, das waren wirklich noch eine der harmloseren Erinnerungen. Neben diesen unangenehmen Momenten gab es noch so viele mehr, die ich liebend gerne mit einem simplen Knopfdruck aus meinem Gehirn entfernt hätte... Doch was ich damals nicht verstanden hatte, war, dass Erinnerungen - egal, ob glückliche, witzige, peinliche oder traurige - weitaus wertvoller waren, als man es sich nur vorstellen konnte. All diese Erfahrungen und Erlebnisse tragen letztlich zu unserer Persönlichkeit bei und formen uns zu der Person, die wir heute sind. Doch was würde passieren, wenn unsere Erinnerungen wirklich gelöscht werden könnten? Wenn wir peinliche und traurige Momente einfach ausradieren könnten? Wären wir dann ein anderer Mensch?
Mein Name ist Josephine Morgan und mein Leben, das ich vorher als eher unspektakulär - und ja, manchmal auch etwas eigenartig - bezeichnet hätte, hat sich innerhalb der letzten Stunden schlagartig verändert. Jetzt wünschte ich mir nur noch mein altes langweiliges Leben zurück, in dem ich als fleißige Studentin hauptsächlich mit der Uni zu tun hatte und ab und zu Mario Kart oder andere Videospiele mit meinen beiden besten Freundinnen Lynn und Alissa auf der Nintendo Switch spielte. Natürlich kamen da noch die Abende hinzu, an denen wir uns entschieden hatten, in Bars zu gehen und Typen kennen zu lernen, wobei wir alle Drei nie wirklich Erfolg hatten, was eine weitere Sache darstellte, die uns verband. Doch als ich an diesem Tag aufgewacht war, musste ich ziemlich schnell feststellen, dass all dies der Vergangenheit angehören würde. Ich erwartete, dass ich am 6. April 2018, einem Freitag, aufwachen und meinem gewohnten Tagesablauf nachgehen würde. Allerdings startete ich nicht in diesen Tag im April. Ein Blick auf den Sperrbildschirm auf meinem Handy machte deutlich, dass es stattdessen bereits Oktober war. Genauer gesagt war heute der 6. Oktober 2018. Daraufhin ging ich in meinen Gedanken langsam die Jahresmonate durch und zählte gleichzeitig die Anzahl derjenigen Monate mit, die zwischen April und Oktober lagen. Dabei spielte sich in meinem Kopf das Kinderlied »Die Jahresuhr« von Rolf Zuckowski ab.
»Januar, Februar, März, April
Die Jahresuhr steht niemals still.«
April. Das war der Monat, der meinen Erinnerungen zufolge eigentlich jetzt sein sollte. Ich sang hastig im Kopf weiter.
»Mai, Juni, Juli, August
Weckt in uns allen die Lebenslust
September, Oktober, ...«
Als ich bei dem Monat angekommen war, der auf meinem Handydisplay angezeigt wurde, stockte mir der Atem. Das eigentlich fröhliche Kinderlied verwandelte sich für mich schlagartig in einen schrecklichen Albtraum. Es waren tatsächlich sechs Monate vergangen. Schnell wiederholte ich das Lied in meinen Gedanken und zählte nochmals mit, um sicher zu gehen, dass ich mich wirklich nicht verzählt hatte. Aber es bestand kein Zweifel. Zählte man den »angebrochenen« April und Oktober als einen Monat, waren es wahrhaftig sechs Stück! Ich konnte mich also an keinen einzigen Tag im restlichen April, Mai, Juni, Juli, August, September und anfänglichen Oktober erinnern. Ein ganzes halbes Jahr, an das mir jegliche Erinnerungen fehlten, so als ob diese Zeit einfach nicht existiert hätte! Mir war bewusst, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Nicht stimmen konnte. Kein gesunder Mensch würde sechs Monate einfach »verschlafen«. Leider musste ich auch schnell feststellen, dass kein Zweifel daran bestand, dass ich wirklich im Oktober »gelandet« war. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass schon längst eine neue Jahreszeit begonnen hatte. Da ich im fünften Stock eines Hochhauses wohnte, welches direkt an einen großen Stadtpark angrenzte, konnte ich die vielen roten, gelben und braunen Blätter erkennen, die bereits von mehreren Bäumen gefallen waren und nicht leugnen ließen, dass schon Herbst war. Das satte Grün der Bäume und der Wiesen, welches ich noch »am Tag zuvor« wahrnehmen konnte, als ich im April aus dem Fenster in den Park sah, war verschwunden. Somit konnte das Datum, das auf meinem Handy angezeigt wurde, kein Irrtum sein. Als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich wirklich sechs Monate später aufgewacht war, bekam ich Angst. Was war in dieser Zeit geschehen? Hatte ich mein Leben etwa weitergelebt, ohne es zu wissen? Ich atmete tief ein und aus und versuchte, mich zu erinnern. Was hatte ich gemacht, bevor ich »gestern« eingeschlafen war? Doch da war nichts Ungewöhnliches. Ich konnte mich an den 5. April erinnern, als wäre es wirklich gestern gewesen. An diesem Tag hatte ich am Abend ein Fest in meiner Stadt besucht: Ich dachte an die vielen Fahrgeschäfte, das Riesenrad und das Wahrsager-Zelt des Jahrmarkts, der jedes Jahr im Frühling in Harvburg stattfand. Doch es gab in meiner Erinnerung keinen einzigen Hinweis auf einen Zeitpunkt zwischen dem 5. April und dem 6. Oktober. Es fühlte sich so an, als hätte die Zeit einfach einen Sprung gemacht. Mit zitternden Händen entsperrte ich mein Handy und checkte meine Chatverläufe. Ich musste herausfinden, was passiert war. Schnell wählte ich den letzten Chat aus und mir fiel vor Schreck das Smartphone aus der Hand. Denn die Person, mit der ich gestern geschrieben hatte, kannte ich nicht. Sie war als »Julian« eingespeichert und ich hatte mit ihr am 5. Oktober gechattet. Also das Gestern in der Wirklichkeit. Geschockt hob ich mein Handy wieder auf und überflog hastig den Chat.
BẠN ĐANG ĐỌC
Lost Memories
Viễn tưởngDie 19-jährige Josephine lebt ein unaufgeregtes Studentenleben in der Kleinstadt Harvburg. Zu ihren wenigen sozialen Kontakten zählen dabei ihre beiden besten Freundinnen Lynn und Alissa, welche somit für sie die wichtigsten Menschen in ihrem Leben...
