Der dunkelgrüne Stoff von Jolies Kleid drehte sich aufbauschend. Die lackierten Fingernägel schlossen sich um Antoines Hand, der sie vor wenigen Minuten zum Tanz aufgefordert hatte. Einen Tanz, den sie nicht zu Ende führen werden. Monsieur Claudette stand in der Ecke des Ballsaals und hielt sein Champagnerglas verkrampft in der Hand, niemand schien zu bemerken, dass er es abstellte, bevor er auf seine tickende Taschenuhr sah und den Schweißfilm, der sich an seinem Haaransatz gebildet hatte, entfernte. Zur selben Zeit schritt Manon de Chevrier die kalte, steinerne Treppe hinauf. Sie ging schnell, aber war dennoch bedacht, nicht auf ihrem Absatz der verspielten High Heels umzuknicken oder auf den feinen Leinen des dunkelblauen Stoffes auszurutschen. Eine Bemühung, die sich noch als überflüssig herausstellen wird. Die Hausherren, die Crayons, haben zu einem Spendenball eingeladen, um die Unterdrückung der Minderheiten in China zu untergraben. Plötzlich entstand eine Stille unter der kunstvoll bemalten Decke, die unheilvolles verheißen sollte. Eine Stille, die zu Kälte und Atemlosigkeit führte, bevor es passieren sollte. Es, dass dafür sorgte, dass Jolie und Antoine ihren Walzer beendeten, Monsieur Claudette sein Taschentuch fallen lies und Manon de Chevrier den Absatz ihres Schuhs verlor, der mit einem dezenten knack abbrach. Ein Schrei durchschnitt die Stille und ließ eine noch größere zurück, die wieder rum von dem dumpfen widerhallenden Geräusch unterbrochen wurde, welches entstand, als Juliette Crayons Körper von der Empore stürzte. Ihre sorgsam zu einer Frisur gebundenen Haare hatten sich gelöst und lagen in ihrem Gesicht und auf dem Mahagoniparkett, welches vor 50 Jahren renoviert worden war. Die grünen Augen waren weit aufgerissen, doch auf den roten Lippen lag der Hauch eines Lächelns. Ernest, die zweite Geige, betrat den Ballsaal und hinter ihm folgten Wassertropfen, die langsam an seinem linken Ärmel herabliefen. Diese sollten sich noch als wichtig herausstellen, doch niemand schien Notiz von der durchsichtigen Flüssigkeit zu nehmen. Niemand, abgesehen von Monsieur Claudette, der als Einziger nicht auf den lilafarbenen Bluterguss starrte, der sich gut sichtbar an Juliettes Schulter gebildet hatte. Louis Crayons, Juliettes Mann, stand Bestürzung ins Gesicht geschrieben, denn er wusste, dass seine Frau den Knutschfleck nicht von ihm hatte. Sie waren auch früher schon nie das Paar gewesen, welches Wert auf Zärtlichkeiten legte. Unter den Gästen fand es keiner verwunderlich, dass Monsieur Crayons nicht sehr angetan vom Tod seiner Frau war, denn jeder wusste, dass sich das Ehepaar schon vor Jahren entfremdet hatte, aber eine Scheidung das Ansehen gefährden würde. Daher lebten die beiden ihre Leben aneinander vorbei und keiner war mehr für den anderen wichtig. Wie bei einem Wertgegenstand, der mal bedeutend war, aber über die Zeit hinweg so an Wert verloren hatte, dass man ihn nicht einmal mehr ansehen wollte. Dennoch hatten sich die beiden ewige Treue geschworen, doch offenbar hatte einer der beiden den Schwur gebrochen. Diese Tatsache traf Monsieur Crayons so tief, dass er sich setzen musste. Der Abend war schon fortgeschritten und der Mond leuchtete schon hell über Marseille. Die Wolken hingen tief und schienen fast das Dach des Herrenhauses zu streifen. Im Inneren des Hauses hatte sich gerade der Zwischenfall abgespielt und es lag eine andauernde Starre in der Luft, von der sich noch keiner der Beteiligten erholt hatte. Als Ernest einen Blick auf die tote Juliette warf, wurde sein Gesicht aschfahl und Monsieur Claudette blickte ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Argwohn an. Ernest schien diesen Blick jedoch nicht bemerkt zu haben. Dem taubstummen Monsieur Claudette fiel der Hauch einer Chanel NO 18 Note auf, die mit Ernest mitschwang. Ein Parfüm, welches die Crayons durch ihre Ehe begleitete, dennoch nahm Louis Crayons den Duft nicht wahr und Monsieur Claudette wurde von Minute zu Minute nervöser. Noch bevor die Polizei das Herrenhaus betreten hatte, fiel Monsieur Claudette aufgrund eines Herzkaspers um. Dabei war er der Einzige, der wusste was passiert war.
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Eine Sammlung - Kurzgeschichten, Philosophien und Poesie
PoetryEine Ansammlung von Kurzgeschichten, Philosophien und Poesie: • Unterbrochene Walzer • Orchester mit Herz und Seele • Ich möchte tun, was Regen tut. • Sich begegnende Blicke • Regenwanderung
