Mittwoch, 18. August
Es gibt Begegnungen, die vergisst man nach wenigen Minuten.
Und dann gibt es diese eine.
Die, bei der man erst Jahre später versteht, dass genau dort alles angefangen hat.
Wenn ich damals gewusst hätte, wie sehr dieser eine Blick mein Leben verändern würde hätte ich wahrscheinlich weggesehen.
Doch das tat ich nicht.
Irgendwann im Jahr 2017 saß ich im Französischunterricht. Damals war mein Leben noch normal. Ich saß neben meiner besten Freundin Rania, die wie immer ununterbrochen redete, während ich ihr nur mit einem halben Ohr zuhörte.
Aus irgendeinem Grund drehte ich mich um.
Und genau da fing alles an.
Er schaute mich an – nein, er durchbohrte mich regelrecht mit seinen dunkelbraunen Augen. Seine schwarzen Haare fielen ihm locker ins Gesicht. Er war groß, leicht gebräunt und hatte eine sportliche Statur.
Sein Blick ließ mich nicht mehr los.
Er sah mich an, als hätte er jedes einzelne Wort gehört, das wir gesagt hatten. In seinen Augen lag etwas Dominantes, etwas Geheimnisvolles. Ich hielt seinem Blick nur wenige Sekunden stand, bevor ich schnell wegsah.
Die gesamte Unterrichtsstunde konnte ich an nichts anderes mehr denken.
Als es klingelte, standen meine Freunde und ich auf und gingen gemeinsam in die Pause. Wir unterhielten uns über irgendwelche belanglosen Dinge und setzten uns auf eine Bank, um etwas zu essen.
Plötzlich tauchte mein bester Freund Rohan auf – zusammen mit dem Jungen aus meinem Französischkurs.
Rohan setzte sich neben mich und legte seinen Arm um meine Schultern.
„Na, wie geht's dir?", fragte ich.
Während wir redeten, bemerkte ich, wie Rania mit dem Jungen sprach.
„Übrigens", sagte sie lächelnd, „Chenillé ist richtig gut in Französisch. Sie spricht die Sprache sogar fließend. Falls du mal Hilfe bei den Hausaufgaben brauchst, kannst du sie ruhig fragen."
Ich schaute erst Rania, dann ihn an.
„Klar", sagte ich grinsend. „Ich bin sehr hilfsbereit."
Plötzlich blickten mich alle an.
„Das hoffe ich doch", antwortete er mit einem kleinen Lächeln.
Bevor ich etwas erwidern konnte, klingelte es bereits zur nächsten Stunde.
Auf dem Weg zurück ins Schulgebäude grinste Rohan mich an.
„Seit wann bist du denn so frech geworden?"
„Ich? Ich bin doch total nett", erwiderte ich provokant.
Nach der letzten Stunde liefen wir gemeinsam zur Bushaltestelle. Etwa fünf Minuten später kam der Bus. Er war wie immer überfüllt.
Nach der fünften, sechsten und siebten Haltestelle stiegen nach und nach meine Freunde aus. Schließlich war ich allein.
Aus irgendeinem Grund drehte ich mich um.
Und da stand er.
Der Junge aus meinem Französischkurs.
Er war wirklich groß – bestimmt um die 1,90 Meter.
Plötzlich wurde ich nervös. Eigentlich passte das überhaupt nicht zu mir.
Ich konnte den Blick einfach nicht von ihm lösen. Unsere Augen trafen sich, und für einen Moment schien alles um uns herum stillzustehen.
Augenkontakt ist wirklich gefährlich, dachte ich. Viel zu gefährlich.
Schließlich sah ich weg.
Erst da bemerkte ich, dass ich aussteigen musste.
Ich verließ den Bus und lief in mein Viertel. Aus Gewohnheit drehte ich mich noch einmal um.
Da sah ich ihn.
Er war ebenfalls ausgestiegen.
Ich erschrak.
Er schmunzelte nur.
Sofort drehte ich mich wieder nach vorne.
Oh Gott... wie peinlich war das denn bitte?
Zu Hause angekommen schloss ich die Haustür auf.
„Hey, mein Schatz", begrüßte mich meine Mum. „Wie war die Schule?"
„Wie immer", antwortete ich seufzend.
Ich zog meine Schuhe aus und ging direkt in mein Zimmer.
Als Erstes öffnete ich Instagram. Danach ging ich auf Rohans Profil und schaute mir seine Follower an.
Und tatsächlich.
Da war er.
Emil.
Sein Profil war sogar öffentlich.
Ich klickte mich durch seine Bilder.
Okay... ich muss zugeben, er sieht echt verdammt gut aus.
Verloren in meinen Gedanken bemerkte ich gar nicht, dass meine Mum mich schon seit einigen Minuten rief.
„Chenillé, viens manger et appelle tes frères et sœurs!"
(Chenillé, komm essen und ruf deine Brüder und Schwestern!)
Also setzten wir uns gemeinsam an den Esstisch. Jeder erzählte von seinem Tag.
Meine Mum strich mir sanft über die Haare.
„Hey, Baby. Du bist heute so still."
„Ja... ich bin heute einfach nicht so gesprächig."
Ihr fragt euch jetzt vielleicht, warum ich meiner Mutter gegenüber so kühl wirke.
Keine Sorge.
Das werdet ihr schon bald erfahren.
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Nur eine kleine Berührung
PoetryManche Begegnungen verändern alles. Nicht laut. Nicht sofort. Sondern mit einer einzigen, kleinen Berührung. Doch was passiert, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide mehr verbergen, als sie zeigen? Vielleicht sind manche Geschichten von A...
