Die Zugtüren öffnen sich und ich betrete mit einem großen Schritt den Bahnsteig. Es ist leerer als ich erwartet habe und ich nehme meine Maske ab und atme erst einmal die Großstadtluft ein. Sobald ich den Bahnhof verlasse kommen alte Erinnerungen hoch, von Begrüßungen und Abschieden von Tim, Dario, Dominik, Pepe, Fabian, Max, Sero und den anderen mit denen ich die letzten Gamescoms verbracht habe. Nur dieses Jahr wird es leider keine geben und trotzdem kann ich Tim wiedersehen, denn er hat mich einige Wochen zuvor spontan auf Discord eingeladen ihn mal wieder zu besuchen.
Ich habe ihm angeboten alleine zu seiner Wohnung zu laufen, damit er nicht den Stress hat wohl möglich Zuschauern zu begegnen. Es sind zwar nicht mehr die Zeiten, in denen Jugendliche extra nach Köln fahren in der Hoffnung YouTube Bekanntheiten zu treffen – das ist zum Glück seit ein paar Jahren nicht mehr der Fall – aber dennoch weiß ich, dass er in der Öffentlichkeit immer angespannt und nervös ist.
Langsam scheine ich den Fußweg vom Hauptbahnhof zu Tim mir merken zu können, denn nach einer Viertelstunde kann ich Google Maps wieder schließen.
Jedes Mal staune ich aufs Neue wie klein die Nachnamen der vereinzelt in dem Haus noch lebender YouTuber auf den Klingelschildern stehen, bis ich Bergmanns Nachname entdecke, welcher tatsächlich gar nicht Bergmann lautet. Ich klingel freudig und renne förmlich die Treppen hoch in den obersten Stock. An der Tür sehe ich ihn schon stehen, der eine Mensch – neben Dario – der mich immer wie ein Zwerg fühlen lässt durch seine krasse Körpergröße.
„Kleiner!" lächelt Tim mich an und verwuschelt meine Haare während ich ihn umarme. „Ich habe dich vermisst, Michi" sagt er nachdem er die Tür hinter mir geschlossen hat. „Ich dich auch!" grinse ich, aber merke sofort wie ich rot werde und drehe mich um und stelle meine Tasche ab. Ich gehe ohne etwas zu sagen die hölzerne Wendeltreppe hoch zu seinem derzeitig nur Wohnzimmer unter dem Dach, denn er ist wieder mit seinem Schreibtisch und Aufnahme-Equipment der Hitze gewichen und nach unten gezogen.
Ich erinnere mich an den Moment, als ich diese Treppe vor Jahren das erste Mal hochgegangen war, mich schüchtern hinter Pepe her geschlichen und versteckt habe um im nächsten Moment von all den anderen, die ich damals schon aus dem Teamspeak und von diversen Minecraft-Projekten kannte, super herzlich empfangen zu werden. Ich bin halt schon immer das kleine Küken der Truppe gewesen und werde es wahrscheinlich auch bleiben, obgleich ich mittlerweile volljährig bin.
Ich lasse mich auf die Couch fallen und Tim fragt, ob wir Pizza bestellen wollen. Nach einer langen Reise durch drei Bundesländer kann ich dazu wohl kaum nein sagen und wir bestellen per Lieferando zwei Pizzen von Tims Lieblingspizzeria in Köln.
„Und wie läuft's so? Immernoch froh darüber so früh nach dem Abi mit dem Studium angefangen zu haben?" fragt er mich neugierig. „Hätte mich jemand vorher gewarnt, dass die ersten beiden Semester wirklich nur aus Mathe bestehen, hätte ich mir vielleicht lieber ein Jahr Pause nach der Schule gegönnt. Ne, Spaß beiseite, es ist eigentlich ziemlich nice, zumindest weil wir keine Anwesenheitspflicht haben" antworte ich. Er lacht, „Bist du noch mit Leo zusammen? Du hast seit paar Tagen einen neuen Info Status bei WhatsApp... Nicht, dass ich dich stalke oder so, aber es ist mir und Dario nur gestern aufgefallen".Ich seufze und schaue weg.
„Oh sorry... Ich muss sagen, ich habe eh nie etwas von euch mitbekommen, obwohl ihr so lange zusammen wart, oder?" meint Bergmann. Ich schaue ihn verwundert an, „Ich hatte die ganze Zeit Profilbilder von uns drin?" - „Warte... Leo stand nicht für Leoni-" - „Leonard."
„Oh."
Ich schaue den Let's Player leicht genervt an.
„Verdammt, es tut mir so leid. Mein Schweigen kam wahrscheinlich völlig falsch rüber, Michi. Alles gut, Kleiner, wirklich. ... Danke."
Ich ignoriere seine verwirrende Aussage und frage wann unsere Pizzen voraussichtlich geliefert werden.
Eventuell fangen wir schon ohne unsere Pizzen den ersten Teil von Back To The Future an zu schauen. Wir stellen allerdings den Ton sehr leise und machen einen Wettbewerb daraus, wer am meisten Text auswendig mitsprechen kann. Aber natürlich ist Tim weit aus besser als ich.
Unser Essen wird mit leichter Verspätung geliefert und nachdem ich alles gegessen habe, merke ich, wie müde ich eigentlich bin. Das Nächste woran ich mich erinnere, ist, wie die Abschlusscredits des Films laufen und Bergi versucht mich hochzuheben. Der ganze Moment ist so unglaublich süß, dass ich versuche mir nicht anmerken zu lasse, dass ich wieder wach bin.
Ich spüre noch, dass ich auf etwas sehr weichem abgelegt und vorsichtig zugedeckt werde werde.
Am nächsten Morgen wache ich durch Sonnenstrahlen auf. In seinem Bett.
