Im Schlafanzug und mit Einhorn-Hausschuhen schlurfe ich zum Briefkasten. Obwohl es sehr früh ist, flimmert die Luft schon vor Hitze. Der Schlüssel rasselt in meiner Hand und ich frage mich bestimmt zum hundertsten Mal, warum ich schon wach bin.
Ich hab doch Ferien und könnte so lange schlafen, aber nein, ich wache auf, bevor die Sonne aufgegangen ist. Daraufhin meinte meine Mum ich könnte ihr dann ja auch bei den Hausarbeiten helfen, den Müll rausbringen und so. Und weil sie gestern vergessen hat die Briefe reinzuholen, tue ich das jetzt. Toll.
Ich schließe den Briefkasten auf und entdecke tatsächlich ein paar Briefe. Das meiste sind Rechnungen und Werbung. Doch dann finde ich einen Umschlag, der an mich adressiert wurde. Ich stutze. Wer schreibt denn heutzutage noch Briefe? Ich jedenfalls nicht. Und ich frage mich wirklich, wer MIR einen Brief schreiben sollte.
Ich laufe, ein bisschen schneller als beim Hinweg, die Treppe zu unserer Wohnung hinauf und werfe die restlichen Umschläge auf den Küchentisch. Meinen behalte ich.
"Was hast du denn da, Heather?", fragt meine Mum mit einem seltsamen Unterton. "Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich jetzt deine Post klaue oder?", antworte ich mit einer Gegenfrage und einem sarkastischen Unterton. "Nein, ich wollte einfach nur wissen, was das ist", meint meine Mum und sieht mich dabei seltsam fürsorglich an.
Das ist mir zu viel für den frühen Morgen. Ich öffne den Brief und lese die ersten Zeilen:
'Liebe Heather Smith,
deine Schule hat entschieden, dass du dieses Jahr nach London in ein Internat, unsere Partnerschule, fliegen wirst.'
Hä? Fragend halte ich meiner Mum den Zettel hin. Sie liest ihn sich kurz durch und schaut mich wissend an. "Deine Schule hat doch diese Partnerschule in London. Jedes Jahr werden im Sommer ein paar Schüler dorthin geschickt und im Winter kommen einige aus London hierher", erklärt sie mir. "Aber ich habe mich doch gar nicht angemeldet", meine ich nach kurzem Überlegen. "Ja, wenn sich nicht genug Freiwillige melden, wird ausgelost", erzählt sie und sieht mich unverwandt an.
Ernsthaft? Wie unnötig? "Kann ich nicht sagen, dass ich lieber hierbleibe?", frage ich etwas genervt. Ich kann mir durchaus schönere Dinge vorstellen, als den Sommer in einem Internat in London zu verbringen, obwohl es natürlich auch schlimmere Situationen gäbe.
"Ich fürchte nein. Es wird ja ausgelost, wer fliegt. Also denke ich mal, dass das nicht so einfach geht. Aber wolltest du nicht schon immer nach London?", fragt sie nun. "Ja schon, aber eigentlich unter anderen Bedingungen", meine ich und seufze. "Aber sieh es doch mal so, du verbringst sechs wundervolle Wochen in London. Du lernst neue Leute kennen und du kommst vor allem mal aus diesem Ort hier raus. Das würde dir doch bestimmt gut tun", sagt sie und lächelt mich an.
Ich nicke schließlich und verziehe mich in meinem Zimmer. Ein bisschen komisch ist es schon, dass Mum so gelassen war. Normalerweise ist sie immer eine Person, die will, dass ich um halb acht abends Zuhause bin, auch in den Ferien und am Wochenende. Jetzt erlaubt sie mir einfach so nach London zu fliegen. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, ruft sie: "Der Direktor ist ein alter Freund von mir, also benimm dich! Und pack schon mal deine Sachen!"
Erneut nehme ich den Brief in die Hand und lese mir alles nochmal durch. Der Flieger geht schon heute Abend?! Wie soll ich das denn schaffen?!
Schnell laufe ich auf den Dachboden und hole meinen Koffer runter. Sofort fange ich an Sachen reinzuwerfen. Am Ende ist es eher ein Stopfen. Ich brauche bestimmt zehn Minuten, um den Reisverschluss zuzumachen. Ich checke noch einmal schnell die Packliste, die der offiziellen Einladung beilag. Nun müsste ich alles haben.
Mein Ticket bekomme ich am Flughafen, wenn ich mich mit den anderen glücklichen Auserwählten treffe. Mein Rucksack ist schnell gepackt und dann müssen wir auch schon los. Im Auto schreibe ich schnell noch den engsten Freunden, dass ich die nächste Zeit vermutlich nicht erreichbar sein werde und dann sind wir auch schon am Flughafen.
Genau in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich noch nie geflogen bin. Meine Eltern und ich sind immer mit dem Zug oder mit dem Schiff in den Urlaub gefahren. In seltenen Fällen auch mal mit dem Auto, aber geflogen bin ich noch nie. Allein schon bei dem Gedanken daran, bekomme ich Herzrasen.
Wir betreten die Eingangshalle und ich bin berauscht von den vielen Eindrücken, die gleichzeitig auf mich einströmen. Die Geräusche der Schalter. Die umher eilenden Menschen. Das Rattern der Koffer auf dem Boden. Die abhebenden Flugzeuge im Hintergrund. Alles ist wahnsinnig laut.
Meine Mum zieht mich in eine Richtung und ich folge ihr lautlos. Wir gehen auf eine Gruppe Teenager zu, unter denen ich auch einige erkenne. Eigentlich habe ich sie alle schon einmal gesehen, aber da ich zu den Beliebteren der Schule gehöre und die meisten aus der Gruppe eher Streber sind, kenne ich niemanden wirklich.
Plötzlich kommt Mr. Lockwood um eine Ecke und läuft schnurstracks auf uns zu. Er wedelt mit ein paar Zetteln, vermutlich unsere Tickets.
"Hey, ich bin Emily", tönt es auf einmal von der linken Seite. Ich drehe mich in die Richtung, aus der die Stimme kam und sehe direkt in das Gesicht eines Mädchens mit braunen Haaren und blauen Augen. Ich habe sie schon ein paarmal auf dem Schulhof gesehen, aber wir haben noch nie miteinander geredet.
"Hey, ich heiße Heather. Bist du freiwillig hier?", frage ich sie und grinse leicht. Während ich mich ein bisschen mit ihr unterhalte, verabschiede ich mich von meiner Mum, da Mr. Lockwood mit uns durch die Sicherheitskontrolle möchte. "Nein, gestern kam ein Brief, dass ich ausgewählt wurde. Meine Eltern mussten ihre gesamten Urlaubspläne umschmeißen", antwortet sie mit einem schiefen Grinsen.
Als wir durch die Sicherheitskontrolle gehen, kommt jemand außer Atem angerannt. Jemand, den ich kenne.
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Maybe Later
Romance„Willkommen in der Marymount International School!" ~ Heathers Leben ist eigentlich sehr simpel. Sie hatte einige Pläne für ihre Sommerferien, nichts besonderes, aber sie hatte sich darauf gefreut. Bis ein Brief von der Schule ihr Leben auf den Kopf...
