Kapitel 1: Entführt

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Auf leisen Zehen pirschte sie sich an das Reh an. Es blickte unruhig umher und schnaubte ängstlich. Eine falsche Bewegung und es wäre weg. Leise spannte sie ihren Bogen. Die Sehne schnitt ihr in die Finger. Doch das war ihr egal. Sie hatte Hunger. Konzentriert zielte sie und atmete ruhig. Mit dem Ausatmen ließ sie die Sehne los. Zischend schoss der Pfeil an ihr vorbei. Und traf das Reh mitten ins Herz. Sofort kippte es auf den laubbedeckten Waldboden.
"Nun musst du nicht mehr leiden", murmelte sie, nahm es über ihre Schulter und ging tiefer in den Wald hinein. Sie musste durch dichtes Gestrüpp, vorbei an den 4 Eichen, bis sie schließlich hinter großen Brombeerbüschen ihre kleine Hütte erblickte. 
Angekommen entflammte sie ein Feuer. In der Zwischenzeit zog sie sich ihre Felljacke über und zerlegte das Reh. Kurze Zeit später hörte sie lautes Hufgetrampel, dass immer näher kam. Schnell versteckte sie sich mit gespanntem Bogen im Gebüsch. Nach wenigen Sekunden kamen schon die Reiter. Es waren Reiter des Königs. Das erkannte sie an dem goldenen Wappen auf ihren Helmen. Es war ein leuchtend roter Phönix auf einem schwarzen Ast sitzend. Eine Zeit lang war es ganz still. Nur ihr Atem war zu hören. Plötzlich wurde ihr von hinten ein Tuch an Nase und Mund gedrückt und ihr wurde schwarz vor Augen.

Vorsichtig öffnete sie die Augen. Sie befand sich in einem dunklen Raum ohne Fenster. Im Raum befanden sich nur eine Pritsche und ein kleiner Tisch. Auf dem Boden stand ein Becher Wasser und ein Brot. Vorsichtig schaute sie durch den kleinen Schlitz, der in die Tür eingebaut war. Vor ihrer Tür standen zwei Wachen. "Hallo? Wissen Sie, wo ich hier bin?", fragte sie. Doch sie antworteten ihr nicht, sondern schauten nur weiter stumm geradeaus.
Wenige Minuten, nachdem sie sich zurück auf die Pritsche gesetzt hatte, traten 2 Männer in den Raum ein. Der eine trug eine braune Brigantine und Lederstiefel, der andere eine goldene Rüstung und einen weiten Umhang. Er war der ältere von den beiden. "Wie man sieht, seit ihr aufgewacht. Würdet ihr uns jetzt nach oben begleiten? ", sagte er. Stumm ging sie dem Mann in der goldenen Rüstung hinterher, während der andere sie unsanft nach vorne stieß. Sie liefen über einen großen Hof, in dem sich viele Menschen tummelten. "Der Schlosshof", dachte sie. Dann gelangten sie über eine lange Treppe in einen großen Raum. Der Raum war mit vielen Ritterrüstungen bestückt und die Wand zum Hof war eine Glasscheibe. Am Ende stand ein großer Trohn, auf dem ein alter Mann mit rotem Gewand saß. Mit ausdrucksvoller Miene sagte er: "Ihr seid aufgewacht, wie schön. Wie ihr sicherlich bemerkt habt, befindet ihr euch in einem Schloss, genauergesagt im Schloss von Charné. Meine Wenigkeit trägt den Titel des Königs." Überheblichkeit war wohl sein Lebensmotto. "Der Mann in der goldenen Rüstung ist mein höchster Befehlshaber der Armee, Claudius Engardes. Nun, du wunderst dich sicher, warum du hier bist. Es ist so... Das Land braucht eine gute Verteidigung für den bevorstehenden Krieg. Und du eignest dich nun mal perfekt dafür. Du wirst der Leibgarde beitreten und das Land und sein Volk beschützen. Der Junge neben dir ist unser bester Schwertkämpfer des Landes, in Ausbildung. Sein Name ist Milan. Er wird ab jetzt dein ständiger Begleiter sein. Zeig ihr ihr Gemach!" Mit einer Handbewegung deutete er auf die Tür. Schnell packte Milan ihren Arm und zog sie hinaus. Auf dem Weg dachte sie nach. "Ich habe doch eh nichts mehr zu verlieren, also kann ich auch bleiben. Außerdem, ein Bett und warme Mahlzeiten klingen gar nicht so schlecht." Nach einer Weile kamen sie an eine kleine Kammer. "Hier wirst du schlafen. Meine ist direkt neben dir. Ruh dich ein wenig aus." Mit einem grimmigen Gesicht ging er in seine Kammer.
Vorsichtig öffnete sie die braune Holztür. In der Kammer standen nur ein Bett und ein kleiner Holztisch. Es roch nach verfaultem Fisch. "Da war es ja im Kerker besser", dachte sie und schlich sich aus ihrem Zimmer. Dann erkundete sie das Schloss. Es gab einen Trohnsaal, 2 Esszimmer, mehrere Studierzimmer und sehr, sehr viele Schlafzimmer. Am Ende ihrer Entdeckungsmission erreichte sie einen großen Balkon, von dem man auf den Wald hinter dem Schloss schauen konnte. Freudig sog sie die frische Luft ein.

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