Der Ofen piepte. Cynthia öffnete seine Tür und nahm ein frisches heißes Blech Kekse heraus. Für einen Moment sog sie den süßen Duft ein, dann schloss sie die Tür und nahm das Blech mit.
Es war ein normaler Samstagmorgen in der Bäckerei. Die Stammkunden waren bereits durch und hatten alles gekauft, was sie zum Frühstück brauchten, ein oder zwei neue Gesichter waren auch dabei gewesen, doch niemand war heute unfreundlich oder ungeduldig gewesen, daher war sie in ziemlich guter Stimmung, als sie die Auslage mit den frischen Keksen befüllte. Mit Bedacht und System platzierte sie einen nach dem anderen, stellte sicher, dass sie appetitlich aussahen, als plötzlich die Türklingel erklang und eine Kundin das Geschäft betrat. Der kleine Raum füllte sich sogleich mit einem Duft nach frischem Pflaumenkuchen. Das Parfüm der Kundin? Cynthia folgte ihren Bewegungen aus dem Augenwinkel, leerte jedoch weiterhin das Backblech. „Guten Morgen!", grüßte eine sehr warme und angenehm tiefe Stimme. Cynthia sah auf und war für einen Moment wie paralysiert. ‚Oh Himmel', dachte sie. Auf der anderen Seite des Tresens stand die wohl hübscheste junge Frau, die sie je gesehen hatte. Ihre großen Augen waren dunkelbraun, ihre Haut erinnerte an die Schokolade die in der Bäckerei benutzt wurde, abgesehen von den leichten Sommersprossen um ihre Nase, und ihre krausen dunklen Haare waren auf einer Seite zu kleinen festen Zöpfen geflochten. Auf der anderen Seite war ihr Haar von silbrigen Strähnchen durchzogen, die schon seit einer Weile herausgewachsen waren. Sie trug eine lilafarbene Sportjacke, schwarze Leggings und Sneaker, die noch brandneu aussahen. Cynthia konnte fühlen, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Ihr Gesicht war immer etwas rötlich, doch sie war sich sicher, dass es jetzt tiefrot war. „Morgen", antwortete sie, „was darf es denn sein?" Ihre durchdringenden blauen Augen fixierten ihr Gegenüber. „Ähmmm..." Der Blick der Frau streifte über die Backwaren in der Auslage und der Rückwand des Raumes. „I hätte gerne vier helle Brötchen und eine gemischte Tüte Kekse, bitte!", antwortete sie und lächelte. „Sicher", murmelte Cynthia, „die Kekse sind frisch aus dem Ofen und noch warm." Das Lächeln der Frau wurde noch breiter und sie nickte, dann kramte sie in ihrer Jackentasche nach ihrer Geldbörse, während Cynthia die Brötchen in eine Papiertüte packte. Dann zählte sie die richtige Anzahl verschiedener Kekse ab, steckte sie in eine dieser niedlichen Plastiktüten auf der „handgemachte Kekse" stand, verschloss diese und legte beide Tüten auf den Tresen. „Darf es noch etwas sein?", fragte sie mit monotoner Stimme und lenkte ihren Blick wieder auf die Kundin. „Nein, das wars, danke!", antwortete diese freundlich. „Das wären dann 4,60€, bitte", sagte Cynthia nachdem sie alles in die Kasse eingetippt hatte. Eigentlich konnte sie die Preise sehr leicht im Kopf ausrechnen, doch manchmal beschwerten sich die Kunden darüber, daher benutzte sie immer die Kasse - außerdem war ihr gerade etwas schwindelig. Die Frau reichte ihr einen Fünf-Euro-Schein mit den Worten: „Stimmt so!" „Danke, einen schönen Tag noch", antwortete Cynthia fast schon roboterhaft. Dabei mochte sie die Arbeit in der Bäckerei, sie konnte es nur nicht richtig zeigen. Die Frau nahm die Tüten vom Tresen und wünschte ihr ein wunderschönes Wochenende, dann drehte sie sich um und ging auf die Tür zu. Ihre Schuhe quietschten beim Gehen auf dem Fliesenboden. Cynthia folgte ihr mit den Augen während sie dachte: ‚Oh Herr, warum führst du mich in Versuchung? Womit habe ich das verdient?'
Sie versuchte sich mit ihrer Arbeit abzulenken, doch die bösen Gedanken ließen sie nicht in Ruhe. Sie dachte die ganze Zeit an die schöne Frau - als sie den Boden schrubbte, als sie den Abwasch machte, als sie die Öfen säuberte. Das Bild dieser großen braunen Augen ging ihr nicht aus dem Kopf. „Hey Babe!", rief jemand hinter ihr und riss sie aus ihren Gedanken. Sie zuckte erschrocken zusammen, drehte sich um, fand nach dem kurzen Schock jedoch sofort wieder zu sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie musterte die Gestalt vor ihr von oben bis unten. Ein Mann etwas älter als sie stand neben der Holztreppe, die in den nächsten Stock führte. Er war durchschnittlich groß und hatte wohl in letzter Zeit etwas zugenommen, sein Shirt saß etwas eng um den Bauch herum. Sein Haar war rabenschwarz und unordentlich, so als wäre er gerade erst aufgestanden, und er hatte sich ein paar Tage nicht rasiert. Seine graublauen Augen wurden von aufgequollenen Tränensäcken und tiefen Augenringen umrahmt. „Ich habe dir doch oft genug gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst, Luis. Außerdem hast du schon wieder verschlafen, ich musste - schon wieder - alles alleine machen." Er zuckte die Schultern. „Sorry, Cyn." Sie funkelte ihn an. „Mein Name ist Cynthia, vielleicht hättest du den Anstand, dich bis zum Ende durchzukämpfen." „Aber natürlich, Cinnamon, Liebling!", lachte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie ließ es zu, drehte jedoch missmutig den Kopf weg, was Luis wohl nicht bemerkte. „Irgendwas Interessantes heute?", fragte Luis, während er unter dem Türrahmen durchlief, der die Backstube vom Verkaufsbereich trennte. Er schnappte sich eines der übrig gebliebenen Croissants aus der Auslage und biss hinein. „Hast du dir die Hände gewaschen?", fragte Cinnamon forsch. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn jemand außer ihr sich an der Auslage zu schaffen machte. „Klar", erhielt sie als Antwort. „Klar", wiederholte sie, „du sollst nicht lügen." Luis verdrehte die Augen und setzte sein Frühstück fort. „Weißt du, du könntest warten und wir könnten zusammen essen. Ich habe auch noch nicht gefrühstückt." „Dein Pech", schmatzte er, „weißt du, mein Vater hat immer gesagt: wer in der Küche hungrig bleibt ist selber schuld." Frech hob er seine Augenbrauen. Cinnamon grummelte und stemmte die Hände in die Hüfte, ein klares Zeichen dafür, dass sie sauer war und das Gespräch auf ein unangenehmes Thema lenken würde. „Nun also, hattest du schon Glück beim Arbeitsamt? Oder willst du endlich mit mir in der Bäckerei arbeiten?" „Nee, wieder kein Glück, diese Firmapisser haben mich wieder abgelehnt..." „Nicht fluchen!" „...und es gibt keine anderen Jobangebote, die zu mir passen." Gelangweilt senkte er den Kopf und gähnte. „Nimm bitte die Hand vor den Mund!" „Kannst du mal für eine Sekunde aufhören mich zu berichtigen!? Verdammt, ich bin grad erst aufgestanden!" „Nicht fluchen! Und ich würde aufhören dich zu berichtigen, wenn du dich endlich mal wie der erwachsene Mann benehmen würdest, der du bist! DU bist derjenige, der das Geld verdienen sollte, und doch bin ich die EINZIGE, die hier arbeitet!" „Das schon wieder, du weißt genau, dass ich mein Bestes gebe!" „DAS ist dein Bestes!? Ha!" Luis öffnete den Mund um etwas zu entgegnen, als die Türklingel erneut losging. „Ein Kunde!", flüsterte Cynthia erschrocken. Luis verließ den Verkaufsbereich und schubste sie wütend mit der Schulter aus dem Weg während er den Raum durchquerte und schließlich die Treppe hochstapfte. Sie rieb ihren Arm und kämpfte gegen die Tränen an, als sie in Richtung des Kunden ging. Es war eine alte Frau, die fast jeden Tag hier einkaufte. Sie war zu Fuß nicht mehr die Schnellste, daher besuchte sie die Bäckerei immer etwas später als die Meisten, jedoch selten so spät wie heute. „Guten Morgen, Cynthia, Liebes!", grüßte sie. „Guten Morgen, Frau Engelmann", antwortete Cinnamon. Die Dame bemerkte, wie ihr Gegenüber sich abwesend den Arm rieb und Besorgnis breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Ist alles in Ordnung, Liebes? Habt ihr euch wieder gestritten?" Cynthia sah sie nicht an. „Ist schon gut - mir geht es gut... was darf es denn sein?" „Oh, das Übliche, Liebes, danke dir!" Frau Engelmann klang immer noch etwas beunruhigt, aber Cinnamon nickte nur, gab ihr die Backwaren und die Dame bezahlte. Dann fragte sie noch einmal nach, ob es ihr gut gehe, Cynthia versicherte ihr, dass alles in Ordnung sei, dann verließ die Dame den Laden.
Natürlich war alles in Ordnung, es war doch alles so, wie es sein musste - oder etwa nicht?
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God, Let Me Love... (Deutsch/German)
RomanceDie Bäckerin "Cinnamon" ist gefangen zwischen einer unglücklichen Beziehung und ihrem heimlichen Schwarm, welcher ihrem Glauben widerspricht. Wird sie auf ihr Herz hören oder "Gottes Plan" verfolgen?
