Teil 2

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Der Schatten ihm gegenüber hieß Evernon und war noch jung an Jahren. Kleidung und Gesten unterschieden ihn deutlich vom einfachen Volk. Auch seine Sprache wies auf eine Erziehung hin, die nur den höheren Ständen vorbehalten war. Sein Gesicht war sauber wie sein Wams, ansonsten eher nichtssagend.
"Ich glaube auch nicht jedem Bettler, der mir für einen Schilling eine unterhaltsame Geschichte unterbreiten will. Doch was den Drachen von Rott angeht, so halte ich die Legenden für wahr."
Cullmoran blickte ihn finster an, während er begann, sich ebenfalls eine Pfeife zu stopfen.
"Tut ihr das?"
Evernon quittierte den abfälligen Tonfall des Kriegers mit einem spitzbübischen Lächeln.
"Ich habe mich lange Zeit mit solchen Dingen nicht mehr beschäftigt. Doch meine Meinung bezüglich dieser Frage hat sich kürzlich grundlegend verändert."
"Und ihr wollt mir davon berichten, nicht wahr?", brummte Cullmoran gelangweilt und drehte sich um. Die Feierlichkeiten waren vorbei, und all die stinkenden Kerle schleppten sich gegenseitig volltrunken aus dem Gasthaus. Von draußen rauschte bei jedem Öffnen der Tür ein kalter Windstoß hinein.
Sie geben den Geistern Einlass, dachte Cullmoran.
"So tut euch keinen Zwang an und erzählt mir vom Drachen in den Bergen Rott. Ich kann sowieso nicht mehr schlafen."
Und so begann Evernon zu erzählen, und während er das tat, schien sich um Cullmoran herum das Wirtshaus zu verkleinern und zu verdunkeln.

"Vor einem Jahr vollendete ich meine Studien in der Hauptstadt und stand vor der Frage, was ich nun mit meinem Leben anzufangen gedachte. Mir hatte es nie an etwas gemangelt und somit kannte ich den Verdruss und das Leid der Straße nicht. Trotzdem fehlte mir ein Ziel. Zum Soldaten war ich nicht geboren, für einen Kaufmann zu verträumt und das Ausüben eines Handwerks wäre in den Augen meiner Eltern nicht standesgemäß gewesen.
Also fand ich meine letzte Zuflucht im Kloster der Draconiter auf den Inseln vor der südlichen Küste. Ich hatte beschlossen, mit meinen Fähigkeiten als Schreiber und Forscher wenigstens einen kleinen Teil zur besseren Erkenntnis in dieser Welt beizutragen. Meinen Glauben sollte der Aufenthalt nicht aufpolieren
Mein Verhältnis zu dem hilflosen Flehen der Menschen an diejenigen, welche sich in unseren schlimmsten Tagen nicht zeigen, war zu gespalten. Mit der Zeit begann ich mich sogar zu fragen, ob die geschuppten Halbgötter, welche die Draconiter anbeteten, überhaupt jemals existiert hatten. Ich wurde von meinen Brüdern oftmals gescholten, war aber als Schreiberling unersetzlich, und auch ein frommes Kloster muss weltliche Aufgaben erfüllen.
Ich arbeitete fleißig, doch ließ mich der Gedanke an die Drachen nicht los. Niemand von den Oberen wollte mir mehr auf meine Fragen antworten, was mich sehr enttäuschte. Versteht mich nicht falsch, ich verspottete ihren Glauben nicht und sie duldeten mich, den Zweifler. Man betrachtete mich als einen Verirrten, der noch zum Drachen finden würde. Die Lektionen würden friedfertige Anleitungen sein, dessen war ich mir gewiss. Doch es kam anders, und ich sollte eine Lektion in der Art und Weise erhalten, wie sie einen Frevler zum Umdenken zu bewegen vermag.
Denn eines Tages kam ein Mann aus Rott in das Kloster und brachte einen silbernen Zylinder mit, der auf alle alle Zeit aufbewahrt werden sollte. Das machte mich rasend vor Neugier. So schlich ich mich eines Abends an meinen Meistern und allen Wachen vorbei und stahl den Zylinder aus den endlosen Hallen unserer Archive mit der Absicht, ihn später wieder zurück zu legen. Zurück in meiner Kammer fand ich in der silbernen Hülle ein Stück Pergament, auf dem mit roter Tinte ein Plan eines labyrinthartigen Höhlensystems eingezeichnet war. Daneben stand ein kurzer Vers. Ich lauschte den Geräuschen der Nacht und las. Es war mir, dass etwas da draußen war, ganz und nah und zugleich ganz weit. Die Fensterläden klapperten und der Wind pfiff ein Todeslied.
Ich hatte während meiner Studien etliche Sprachen zu verstehen gelernt, und so gelang es mir, den eigenartigen Rotter Dialekt zu übersetzen.

Der alles hat,
Grüßt den, der alles will
Und lädt ihn ein, zu kommen
Um sich zu holen, was er begehrt
Oder zu sterben, so ist Schwur der Schwingen von Rott

Die DrachenjägerWhere stories live. Discover now