Es war eine Nacht wie jede andere. Das Mondlicht schimmerte durch die alten, modrigen Vorhänge und ließ den Raum in einem bläulich kühlen Licht erstrahlen. Inmitten dieser Flut, auf einer kleinen Bank, saß ich. Während meine Finger eine Taste nach der anderen anschlugen, versanken meine Gedanken immer weiter in einer weit entfernten Welt. Das einzige, das ich aus der Realität wahrzunehmen vermögte, war das Meer aus Noten, das, kombiniert mit dem Mondschein, das ganze Zimmer überflutete. Schon seit Anbruch der Dämmerung spielte ich wie versessen immer und immer wieder das gleiche Stück. Ich musste es einfach perfektionieren, jeder Ton musste so sein, wie ich ihn mir vorstellte und all meine Gefühle sollten bei jeder einzelnen Berührung auf das Klavier und die Musik übergehen. Ich wollte der Welt meine Geschichte erzählen. So übte ich bis tief in die Nacht, um am nächsten Tag, bei dem örtlichen Klavierwettbewerb, allen zu zeigen was ich kann. Ich hatte ja sowieso sehr viel Glück, denn ich musste Chopins erste Ballade vorführen, mein absolutes Lieblingsstück. So war ich der Meinung, dass alles andere als der erste Platz gar nicht in Frage käme. Heutzutage kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich daran denke, wie sehr ich mich da hineingesteigert habe. Am nächsten Morgen weckte mich mein Vater, es war noch sehr früh und der Schlaf saß noch tief in meinen Augen. „Steh auf, sonst hast du nicht mehr genug Zeit, um alles noch einmal durchzugehen.“ „Ich bin ja schon wach.“ Wie an jedem Wettbewerbstag machte mir mein Vater einen unglaublichen Stress. Langsam war ich es gewöhnt, jedoch war es ganz besonders nach dem Aufstehen ziemlich anstrengend. Nichtsdestotrotz richtete ich mich langsam auf und legte mir meine Kleider an. Noch bevor ich etwas aß oder meiner Mutter zum morgen grüßte, setzte ich mich im Halbschlaf zurück an meinen Flügel und begann zu üben. Kaum fing ich an zu spielen, bemerkte ich, wie eine Träne zärtlich über meine Wange rann und auf meinen linken Zeigefinger tropfte. Ich spürte einen Hauch von Trauer in meinem Herzen und aus einem unerklärlichen Grund machte sich in mir das Gefühl breit, es würde etwas passieren. Es war wie eine Vorahnung. Ich dachte mir nichts dabei, schließlich kam so etwas öfter vor. Ich widmete mich also weiter dem Stück. „Autsch!“ Plötzlich verspürte ich ein leichtes Brennen in meiner linken Hand, gefolgt von einem quälenden Schmerz. „Ich habe wieder übertrieben.“, dachte ich mir. Ich machte also eine Pause und aß derweil Frühstück. „Frederik! Was machst du da?“ Mein Vater betrat das Esszimmer, seine Stimme überschlug sich vor Zorn. „Habe ich dir erlaubt eine Pause zu machen!?“ „Nein…aber ich habe doch schon die ganze Nacht geübt, meine Gelenke brennen schon!“ „Papperlapapp, das ist doch nur wieder eine faule Ausrede von dir! Wofür habe ich dich die ganzen Jahre unterrichtet? “ Kaum hat mein Vater seinen Satz beendet, stand hinter ihm schon meine Mutter. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit einem sanften Lächeln: „Schatz, es ist gut, sieh dir doch unseren Kleinen an. Denkst du nicht er könnte etwas Ruhe gebrauchen? Wenn er nicht fit genug ist, kann er Wettbewerb doch gar nicht alles geben.“ Mein Vater beruhigte sich ein wenig und seine Augen wurden leicht wässrig. Er ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. Meine Mutter näherte sich mir und strich mit ihrer zärtlich weichen Hand durch mein dunkelblondes Haar. „Nimm es ihm nicht übel, du weißt ja wie dein Vater ist.“, flüsterte sie besorgt. Der warme Hauch, der meine Haut streifte, ließ alle negativen Gefühle in mir schwinden. Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und folgte meinem Vater. Ich beendete mein Frühstück und putzte mir die Zähne. Ich schaute in den Spiegel. „Es ist als hätte ich zwei Väter.“ Ich erinnerte mich an alte Zeiten, Zeiten, in denen mein Vater noch anders war. Als ich klein war hat er sich sehr gut um mich gekümmert. Damals hat er mir jeden Abend zum Einschlafen Geschichten aus seiner Kindheit erzählt und danach hat er so lange Klavier gespielt, bis ich tief in meinen Träumen versunken war. Auch laut meiner Mutter war er immer schon ein sehr liebevoller Mensch gewesen. Seine Eltern sind ursprünglich aus Schweden. Dort wurde er geboren, doch mit zwei Jahren ist seine Familie nach Deutschland, der Ort, an dem er das Klavierspielen für sich entdeckte, ausgewandert. Er lebte für die Musik. Er übte zu jeder freien Stunde und wuchs zu einem begnadeten und berühmten Pianisten heran. In Bonn lernte er dann meine Mutter kennen, eine herausragende Geigerin. Sie waren ein Traumpaar und zusammen füllten sie viele Konzertsäle. Irgendwann kam ich auf die Welt. Schon früh wurde ich ans Klavier geführt und seit dem, bin ich vollkommen den wunderschönen Klängen, die dieses hervorbringt, verfallen. Als ich in die Schule kam, war ich ein Außenseiter, aber stören tat mich das nie, denn ich hatte einen sehr guten Freund, mit dem ich durch dick und dünn gehen konnte. Jedoch mit 10 veränderte sich mein, bis zu diesem Zeitpunkt, sehr kurzen Leben drastisch. Meine Eltern entschieden sich nach Japan auszuwandern, da sie dort Massen an Aufträgen bekamen. Für mich fiel in diesem Moment eine Welt zusammen. Meine gewohnte Umgebung, meine Schule und meine Freunde, all das musste ich hinter mir lassen. Kurz nach dem Umzug war es am schwierigsten. Vor allem die Sprache machte mir sehr zu schaffen und dadurch war es fast unmöglich neue Freunde zu finden. Von der Schule möchte ich gar nicht erst anfangen. Doch zwei Sachen gaben mir in dieser Zeit einen gewissen Halt, mein Klavier und natürlich meine Eltern. Nach den ersten Jahren normalisierte sich mein Leben wieder. Ich fand zwei sehr gute Freunde und als Pianist wurde ich immer besser und besser. Letzteres lebte ich gerne auf Wettbewerbe aus. Ich gewann zwar nicht jedes Mal, aber das war mir egal. Ich spielte nicht, um Ruhm und Geld zu bekommen, sondern damit ich meinen Gefühlen Ausdruck verschaffen und Menschen berühren konnte. Naja, es konnte natürlich nicht immer so schön bleiben. Eines Tages überfiel eine schwere Krankheit meinen Vater, der mittlerweile in ganz Japan bekannt war. Als Folge dessen, hängte er das, das er am meisten liebte, an den Nagel. Seit diesem Tag hat er sich von Grund auf verändert. Er zwang mich regelrecht stundenlang am Tag zu üben und sein Ziel war es, dass ich der beste Pianist werde und einen Wettbewerb nach dem anderen gewann. Ich glaube, er hat damals seine Träume, die er nun nicht mehr erfüllen konnte, auf mich projiziert. Nachdem ich, wenn auch noch ein bisschen geistesabwesend, aus meiner kleinen Zeitreise aufwachte, schaute ich auf die Uhr. 8:27 Uhr. Ich hatte also noch Zeit, und so entschied ich mich, in der Hoffnung dadurch einen klaren Kopf zu bekommen, einen gemütlichen Spaziergang zu machen. Als ich aus der Tür trat, fiel mir direkt auf, was für einen schönen Tag wir heute hatten. Gut gelaunt steckte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, marschierte los und genoss das gute Wetter. Ich hatte kein bestimmtes Ziel vor Augen, also lief ich einfach planlos in eine Richtung. Nach einiger Zeit kam ich an einem Park vorbei und schnurstracks setzte ich mich unter einen blühenden Kirschbaum und schloss ein wenig die Augen. Ich machte die Musik aus und versuchte eins mit der Natur zu werden. Ich horchte dem Zirpen der Zikaden und fühlte wie meine Haut die warmen Sonnenstrahlen einsog. Diese erfüllten mich kurioserweise mit Freude und Kraft, denn eigentlich war ich eine ziemliche Nachteule und mit Sonne konnte ich nicht viel anfangen. Plötzlich kam ein leichter Windstoß auf und entriss die Wärme, die meine Arme umgab. Im selben Moment nahm ich eine zärtliche Stimme war. „Ein wunderbarer Tag, findest du nicht auch?“ Es war die Stimme eines Mädchens, sie kam von der anderen Seite des Baumes. Gerade als ich mich zu ihr drehen wollte, sagte sie: „Stopp, beweg dich nicht, ich höre sie sonst nicht.“ Ein wenig verdutzt antwortete ich: „Von wem redest du?“ „Von den Vögeln.“ Ich schaute hoch und entdeckte ein Nest, zusammengebaut aus kleinen Stöckchen und Blättern, in denen eine Vogelmutter mit ihren Neugeborenen lag. „Immer wenn ich hier bin, lausche ich ihnen, ich habe das Gefühl, sie reden mit mir.“ Sie lachte verlegen. „Wahrscheinlich denkst du dir gerade, dass ich vollkommen verrückt bin.“ „Aber nicht doch!“ Ich stand auf und lehnte mich an den Stamm. „Ich glaube auch daran, dass nicht nur wir Menschen, sondern jedes „Wie heißt du eigentlich?“ „Frederik.“ „Frederik…woher kommst du? Dein Name ist ja sehr ungewöhnlich hier in Japan“ „Ich komme aus Deutschland. Mein Vater ist Pianist und hat mich nach Chopin benannt.“ „Oh, wirklich? Spielst du auch Klavier?“ Ich bekam nicht mehr als ein „Ja“ raus, da sprang das Mädchen plötzlich auf und sagte: „Na dann bin ich mir sicher, dass wir uns bald wiedersehen. Ich muss jetzt los, bis bald Frederik!“ Mit diesen Worten rannte sie davon und ich drehte mich schnell auf die andere Seite des Kirschbaums. „Ich weiß doch noch gar nicht wie du heißt!“, schrie ich hinterher, doch bekam ich keine Antwort mehr. Sie verschwand gerade hinter einer Hecke. Nur noch ihr Haar, das im Wind wie ein Meer aus goldener Seide wehte, konnte ich erblicken und es schien noch viel heller zu strahlen, als wie es die Sonne jemals tun könne. Ganz starr und verwirrt stand ich noch für einen Moment dort und ich fragte mich, wer dieses Mädchen war. Währenddessen
ŞİMDİ OKUDUĞUN
Test
RomantizmEine Geschichte, die ich vor längerer Zeit angefangen, aber nie weitergeführt habe. Eigentlich nur für eine Person zum lesen bestimmt, aber hier kann ich sie archivieren, weil eh niemand auf meinem Profil ist. Die Formatierung der Geschichte ist ein...
