I • Bertoldo

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In Jacobs Zimmer war es dunkel. Sein Fenster stand offen und kühle Luft zog von außen herein. Die Uhr auf Jacobs Nachttisch zeigte eine frühe Uhrzeit. 
Ich war viel zu früh aufgewacht. Bis zur ersten Schulstunde war es noch eine Weile hin.
Ob Jacob wohl auch schon wach war?
Ich drehte mich zu ihm hinüber, um nachzusehen.
Mit meiner Hand griff ich nach seiner Taille. Doch ich fasste ins Leere.
Mein Magen zog sich zusammen und ein kalter Schauder lief mir über den Rücken.
Warum lag Jacob nicht neben mir? Wo war er? War Bertoldo in der Nacht bei uns eingebrochen und hatte ihn wieder entführt? Gefangengenommen?
Ich sprang aus dem Bett und brüllte.
"JACOB!"
Ich suchte das Schlafzimmer ab. Er war nicht hier.
Über das Treppenhaus ging ich in die Küche und bemerkte, wie mein Körper zitterte.
Der Kühlschrank surrte. Sonst war hier niemand.
"Wo bist du?", wimmerte ich.
Dann hörte ich Schritte, die näher kamen.
Aus Erleichterung drehte ich mich um und warf meine Anspannung ab.
Doch es war nicht Jacob, der vor mir stand.
Etwas glänzte im Halbdunkeln.
Ein Messer. Jemand hielt es in der Hand. 
Von der Spitze tropfte Blut.
Ich blickte demjenigen in die Augen.
Bertoldo.
Er knirschte die Zähne.
"Stirb!"
Ich zuckte zurück und heulte.
"NEIN! LASS MICH IN RUHE!"

Ich fuhr hoch. Keuchend schnappte ich nach Luft und tastete meine Umgebung ab.
Ich lag wieder im Bett. Die Bettlaken waren völlig durchnässt.
"Was ist los? Hast du schlecht geschlafen?", kam es von der Seite.
Jacob lag neben mir und begutachtete mich.
Er zog mich an sich heran und schloss mich fest in seine Arme.
"Komm her", flüsterte er mir ins Ohr. "Du hast nur schlecht geschlafen. Ich bin ja da."
Sanft tätschelte er meinen Hinterkopf und küsste meine Stirn.
Mein Herz pochte vor Angst. Ich konnte mich kaum beruhigen.
"Ich habe geträumt du bist weg! Ich dachte, du wurdest wieder entführt! Und er wollte – Bertoldo wollte mich umbringen!"
Ich drückte mich an Jacobs Brust und weinte. Wieso mussten mich meine Träume nur so quälen?
 "Sh, sh, sh", zischte Jacob. "Alles ist gut. Du bist bei mir. Bertoldo kann dir nichts anhaben."
"Aber was, wenn doch?", erwiderte ich. "Was, wenn er wieder frei herumläuft und Rache sucht?"
Jacob stupste seine Nase gegen meine und schaute mich an.
"Er ist im Gefängnis. Sie haben ihn eingesperrt, und dort wird er nun für mehrere Jahre bleiben."
Er strich mir über die Wange und hob die Augenbrauen, als wollte er sich vergewissern, dass ich ihm glaubte.
Ja, ich glaubte ihm. Natürlich tat ich das. Ich wusste, dass ich Jacob vertrauen konnte. Er war gut zu mir und geduldig, wenn ich Zweifel hatte. Er liebte mich.
Ich schlug meine Arme um ihn und drückte ihn.
Jacob schmunzelte. "Danke, Adam." 
Ich fand es süß, wie er sich für meine Umarmung bedankte. So wusste ich, wie sehr er meine Zuneigung schätzte.
Einen Augenblick lang blieb ich in dieser Haltung, um seine Wärme weiterhin zu spüren. 
Ich merkte, wie sehr es ihm freute.
Dann löste er sich von mir und stand auf.
"Komm, geh jetzt duschen. Ich mache uns in der Zwischenzeit Frühstück. Eine Dusche wird dir jetzt bestimmt gut tun."
Mein Freund hatte recht: Während meines Albtraums hatte ich stark geschwitzt.

Im Badezimmer spülte ich mich mit kaltem Wasser ab. Sofort fühlte ich mich wach und konnte wieder klarer denken.
Bertoldo war hinter Gitter. Daran bestand kein Zweifel. Ich konnte mein Leben also endlich in Ruhe weiterführen, denn ich war in Sicherheit.
Sollte ich erneut Panik bekommen, würde mir Jacob gut zusprechen und für mich da sein. Außerdem hatte ich noch Jacobs Vater, der mir ebenfalls beiseite stehen würde, falls ich ihn brauchte.
Ich drehte das Wasser ab und warf mir meine Klamotten über. Zum Schluss steckte ich mir den Ring von Gina wieder an die Hand, den ich zuvor am Waschbecken abgelegt hatte. Dieser Ring war der Grund, warum es Jacob und mir jetzt so gut ging. Ohne ihn würden wir wahrscheinlich immer noch in der Garage feststecken, in der Bertoldo uns eingesperrt hatte.
Ich hoffte, dass Gina wusste, wie dankbar wir ihr waren.


In der Küche hatte Jacob das Frühstück bereits vorbereitet. Der Esstisch war gedeckt: ein Brotkorb, ein Gemüseteller und eine Schale Humus. Alles sah wirklich lecker aus. Jacob stand dahinter und las gerade Zeitung.
"Dann lass uns essen, würde ich sagen", meinte ich zu ihm und schob einen Sessel heran.
Als ich bemerkte, dass Jacob noch immer auf die Zeitschrift fixiert war, zögerte ich, mich hinzusetzen.
"Was ist? Hast du keinen Hunger?"
Mein Freund zog ein schiefes Lächeln.
"Doch, doch. Es ist nur so, dass –", er stoppte. "Was soll's, lies einfach selbst, was hier steht."
Verdutzt nahm ich ihm die Zeitung aus der Hand und begann zu lesen:


Täter gefasst!  – Vater entführte eigenen Sohn

Vor kurzem wurden zwei vermisste Jungen aus einer Hütte in den Bergen befreit. Der Täter hatte einen der Jungen entführt, nachdem er erfahren hatte, dass dieser eine Beziehung mit seinem Sohn führte. Später sperrte der Täter auch seinen eigenen Sohn ein, nachdem er ihm den Mord an einem Leiter eines kalifornischen Jugendheims gestanden hatte.

Ein Polizist erklärte, wie sie die beiden Jugendlichen finden konnten:
"Ein Mädchen aus dem Jugendheim gab uns einen Hinweis. Sie hatte das Heim gemeinsam mit dem Jungen besucht und ihm zuvor einen Ring mit eingebauter Wanze gegeben. Sie hatte geahnt, dass der Junge in Gefahr war, und wollte zu Ermittlungszwecken sein Umfeld aushorchen. In der Hütte erwähnte der Täter bei einem Gespräch mit den Opfern den Tatort. Daraufhin informierte uns das Mädchen sofort."

Das schwule Paar steht nun unter Schock. Der Täter wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Fassungslos blickte ich Jacob an. Die Vergangenheit schien mich unbedingt einholen zu wollen. Ausgerechnet jetzt, wo es mir besser ging, musste ich so einen Artikel über uns lesen.
"Was denkst du?", fragte ich meinen Freund, denn ich wusste selbst nicht, was ich davon halten sollte.
"Ich finde", begann Jacob, "wir sollten uns darüber keine großen Gedanken machen. Wir haben schon genug gelitten. Dieser Zeitungsbericht ist höchstwahrscheinlich das Ende von dem, was wir durchmachen mussten."
Ich hingegen hatte ein mulmiges Gefühl.
"Der ganze Ort wird herausfinden, dass ich schwul bin. Alle wissen vermutlich schon längst, dass wir das schwule Paar sind."
Jacob presste seine Lippen zusammen und kam zu mir herüber.
"Du willst nicht, dass jeder weiß, dass du schwul bist, stimmt's?"
Ich antwortete nicht.
Er stellte sich hinter mich und legte die Hände an meine Hüften.
"Das tut mir leid", seufzte er. "Aber noch wissen wir nicht, wie die Leute reagieren werden. Vielleicht reagieren sie gar nicht oder lesen nicht einmal den Artikel."
"Und du findest es okay, oder wie?", hielt ich Jacob entgegen.
"Nein, aber ich weiß einfach nicht, was wir tun könnten. Der Bericht ist nun mal bereits veröffentlicht. Wir können nichts mehr daran ändern."
Ich wurde zornig.
"Die Menschen wissen jetzt, dass mein Vater ein Irrer ist. Sie werden mich mit ihm in Verbindung bringen, und ich möchte das nicht. Vor ein paar Tagen wusste ich nicht einmal, dass ich noch einen Vater hatte."
Ich schob Jacobs Hände von mir.
"Lass uns jetzt bitte nicht mehr darüber reden. Ich würde jetzt gern essen."
Und so verbrachten Jacob und ich unser Frühstück, ohne ein Wort zu wechseln.



Cooper, Du Schwuler!Where stories live. Discover now