Ich soll mich empören, mich in diesem Text aufregen, die Sau raus lassen. Eine tolle erste Aufgabe. Für jemanden der sowas kann. Ich kann sowas nicht. Ich rege mich nicht auf und genau darüber werde ich mich jetzt aufregen, habe ich beschlossen. Oder zumindest versuche ich es. Also ich werde mich jetzt darüber aufregen, dass die Menschen zur Zeit alles in sich reinfressen und niemand mehr wirklich angeschrien wird. Lasst mich mit einem kleinen Beispiel beginnen. Mit mir.
In meiner Familie bin ich das jüngste Kind. Ich habe nur einen Bruder und der ist zehn Jahre älter als ich. Also hatten wir das Problem, dass wir uns um etwas streiten, so gut wie nie, zum Beispiel wer das Spielzeug haben darf. Wir hatten nun mal aufgrund des Altersunterschieds selten die selben Interessen. Wir beide sind eher solche Personen die sagen: „Ach, nimm du doch das letzte Stück Pizza." „Nein, nimm du lieber, ich bin wirklich schon satt." „Ach Quatsch, ich hatte vorhin schon die letzte Scheibe Brot." Dabei haben wir beide noch Hunger und würden uns am liebsten über dieses Stück Pizza hermachen. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass man das eh schon kleine Pizzastück teilt und beide etwas haben. Auch meine Eltern sind eher die Sorte von Eltern die „enttäuscht" sind und nicht wütend wenn du etwas falsch machst. Ich wurde noch nie angeschrien, habe noch nie wirklich Ausgeh-, Fernseh- oder Handyverbot bekommen und wurde definitiv noch nie geschlagen (weder mit einem Gürtel, noch mit der Hand, noch mit irgendwelchen anderen Sachen oder Körperteilen). Einen richtigen Streit hatte ich also noch nie und damit habe ich auch nie gelernt wie man denn richtig streitet. Ich bin immer die die sich entschuldigt, schlichtet oder etwas für sich behält. Und ich weiß absolut, dass das nicht immer der richtige Weg ist, denn so löst man keine Probleme. Man muss über Dinge diskutieren sonst kommt man zu keinen Kompromissen und Ergebnissen. Ich hasse es, dass ich mich nicht traue Freunde anzuschreien wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. Ich hasse es, dass ich meinen Eltern nicht die Tür vor der Nase zuschlagen kann, weil ich denke, dass es nicht respektvoll ist und dass man sowas nicht macht. Ich hasse es, dass ich mich nicht über meine schlechten Noten aufregen kann, weil ich objektiv darüber nachdenke, die Fehler suche und am Ende die logische Schlussfolgerung ziehe, dass es ja meine Schuld ist und ich zu wenig für die Schule gemacht habe. Der ganze Frust kann also nicht raus aus meinem Kopf, weil ich entweder eine Freundschaft nicht kaputt machen will, weil ich nicht unhöflich sein will oder als pubertierender, sich nicht beherrschen könnender Teenager bezeichnet werden will oder mir ganz logisch erkläre woran es liegt und sich aufregen rein gar nichts bringen würde. Dabei bringt es sogar etwas. Man macht anderen Menschen seine Meinung klar, sagt deutlich und direkt, dass einem etwas nicht passt und dass man es absolut ehrlich und ernst meint. Das Gute an einem Streit ist, dass der andere dann über deine Meinung Bescheid weiß und etwas an dieser Situation ändern kann.
Leider sehe ich dieses Problem des Verschweigens und Zurückhaltens nicht nur bei mir. Niemand spricht mehr aus was ihn nervt, außer ein paar auserwählte Menschen, die nicht juckt, was Andere über sie denken. Diese Personen haben übrigens meinen vollsten Respekt, wenn auch meistens nicht den der Gesellschaft, besonders wenn man etwas ausspricht, was nicht einer populären Meinung entspricht. Ich merke ja selbst, wie sehr andere unter gewissen Situationen leiden, weil sie dann meist mit anderen darüber reden. Zum Beispiel mit mir, was mich wiederum nervt. Aber bloß nicht mit der Person über die es geht, die darf schließlich bloß nicht darüber Bescheid wissen, was sie falsch macht oder dass sie überhaupt etwas falsch macht, damit sie es bloß nicht ändern kann. So etwas nennt man übrigens auch hinter dem Rücken anderer reden oder lästern.
Wenn man sich das so durchliest finde ich ergibt es wirklich überhaupt keinen Sinn, dass man nicht einfach ausspricht was man denkt, nur weil man einer unangenehmen Situation aus dem Weg gehen will. Aber selbst jetzt, nachdem ich selbst finde, dass es unlogisch ist, könnte ich mich immer noch nicht dazu überwinden ein paar Personen meine Meinung zu sagen, obwohl es so vieles einfacher machen würde. Gott, so viele Probleme würden einfach *plopp* machen und verschwinden. Auf nimmer Wiedersehen. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, dann verschwindet halt die Person, die für das Problem verantwortlich ist und damit wiederum dann doch das Problem. Nach einem Streit gibt es doch nur drei Ausgangsmöglichkeiten. Entweder der eine kann überzeugt werden und beide sind happy: der eine weil er recht hatte, der andere, weil er eine neue Sichtweise erlangt hat. Zweite Möglichkeit ist ein Kompromiss: beide sind ein bisschen happy, weil beide ein bisschen gewonnen haben. Dritte Möglichkeit: Beide sind unterschiedlicher Meinung und können sich nicht einigen. Entweder ist das Thema so wichtig, dass sich die Menschen danach trennen und dann happy sind oder das Thema ist so unwichtig, dass man trotzdem nebeneinander lebt und das Thema einfach abgehakt ist und ebenfalls beide happy sind. Und genau darum geht es bei einem Streit: Es gibt immer ein klares und deutliches Ende. Und es regt mich verdammt nochmal auf, dass ich das nicht hinkriege. Ich habe nie ein klares und deutliches Ende. Bei mir ist immer alles kompliziert und durcheinander und wild und da ist ein Problem, das nicht gelöst werden kann und da ist ein Problem, das gelöst werden könnte und alles ist schräg und komisch und weird und seltsam und blöd und doof und einfach alles ist kacke. Und erst geht es nur um diese eine Sache die blöd und doof ist, aber weil man sich dann irgendwann nur noch damit beschäftigt, ist plötzlich alles doof, weil du ja die ganze Zeit nur über das Doofe nachdenkst. Und, oh, mein, Gott, ich kann mich jetzt schon wieder so darüber aufregen. Aber warum nur hier? Warum nur in diesem Text? Warum kann ich mich nicht dazu überwinden, so etwas jemandem ins Gesicht zu sagen? Wieso? Weil ich eine behinderte Angst habe. Aber vor was? Vor der Reaktion des anderen? Davor, dass er mir sagt, dass er da gerade nicht mit mir übereinstimmt? Und wäre das so schlimm? NEIN, WÄRE ES NICHT! Aber irgendwie geht das nicht in meinem Kopf. Und nur um meine Gedankengänge nachvollziehbar zu machen: Gerade dachte ich daran, dass mir dieser Text überhaupt nicht weiterhilft. Dass es mir nichts hilft mich darüber jetzt aufzuregen, weil sich eh nichts daran ändern wird. Und mein logisches Bewusstsein sagt mir, dass ich jetzt besser das Handy weglegen sollte und etwas sinnvolles machen sollte, anstatt diesen Text zu schreiben, der mich nur noch mehr aufregt. Und dann kommt dieser Teil den ich immer unterdrücke der sagt: ICH REGE MICH JETZT AUF UND ES TUT GUT UND ES IST WICHTIG SICH AUFZUREGEN! Und dann kommt der normale Teil, der sich jetzt fragt, warum dieser Satz groß geschrieben wurde und was ich damit jetzt genau ausdrücken will, denn wenn ich schreie, dann nicht in Großbuchstaben, weil den Unterschied hört man eh nicht. Ich hätte einfach anstatt „sagen" „schreien" schreiben können, aber das wäre dann nicht so ausdrucksstark gewesen. Es ist wirklich seltsam wie sich Menschen aufregen. Oder eben auch nicht.
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Übung #1: Empöre dich
Kreatives Schreiben: Empöre dich, um besser zu schreiben
Rege dich auf, sei sauer, empöre dich.
Lass dich so richtig über ein Thema aus. Lass die Sau raus – oder was sonst in dir steckt.
Du wirst merken, wie sich deine Wortwahl verändert. Wie authentisch du plötzlich schreibst und wie leicht dir das Schreiben fällt.
In diesem Zustand der Rage bist du du. In diesem Zustand schreibst du am ehrlichsten.
VOUS LISEZ
Challenge
AléatoireDa ich mir zur Zeit einfach sehr viel vorgenommen habe will ich mir selbst zu ein bisschen Auszeit verhelfen. Mit „viel vorgenommen" meine ich zum Beispiel ein großes Projekt, dass sich „ein Buch mal fertig schreiben" nennt, oder mehrere Schreibwett...
