Sonntag, 1. Mai: Das Bewerbungsgespräch

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Gehetzt überprüfte ich nochmal mein Aussehen in der Fensterscheibe des Cafés. Ich war viel zu spät. So ein Mist. Wie konnte ich nur vergessen, dass heute ein Feiertag war und die Busse nicht wie sonst alle zehn Minuten fuhren. Hoffentlich wurde mir das nicht angekreidet. Warum musste heute aber auch alles schief gehen?

Zuerst waren die Batterien meines Weckers leer gewesen, sodass er nicht geklingelt hatte. Dann hatte Panini, der kleine weiße Pudel meiner Mitbewohnerin Maya, es geschafft an die Schokosahnetorte zu kommen, die wir extra sicherheitshalber in den Backofen gestellt hatten. Er hatte sie nicht nur zur Hälfte aufgegessen, sondern sich als Folge darauf auch noch im Flur erbrochen. Und zu allem Überfluss riefen dann auch noch meine Eltern an, für die die Torte ursprünglich gedacht war, und kündigten an statt wie abgesprochen um vier zwei Stunden früher kommen zu wollen. Ihnen war aufgefallen, dass heute eine neue Folge ihres Lieblingstatorts ausgestrahlt werden sollte, und somit mussten sie unbedingt rechtzeitig zu Hause sein.

„Du weißt doch wie das ist, Philippa. Am Ende verquatschen wir uns doch wieder. Es ist ja nicht so, dass wir nicht gern zu Besuch kommen." Nein, das taten sie nicht. Damit will ich nicht behaupten, dass sie mich nicht lieben würden. Ganz im Gegenteil. Aber ihnen war meine Wohnung zuwider. Liebend gern würden sie mir was Nobleres finanzieren, so wie sie es für meine ältere Schwester Charlotte getan hatten. Aber das würde sie auch dazu verleiten mir ebenso ständig in alles reinzureden und mich zu beglucken, wo es nur ging. Charlie war der unselbstständigste Mensch, den ich kannte. Schnell hatte ich begriffen, dass ich so nicht werden wollte. Also hatte ich mich nach meinem Abi selbstbewusst vor meine Eltern gestellt und mit felsenfester Überzeugung erklärt, dass ich ab sofort unabhängig sein und auf eigenen Beinen stehen wollte. Ich war mir sicher von meinem Ersparten gut leben zu können. Lediglich das monatliche Kindergeld hatte ich noch angenommen.

Nun ja, mittlerweile hatte sich gezeigt, dass dem nicht so war. Zwar nannte ich nur zehn Quadratmeter mein Eigen und meine Möbel waren zum Großteil von Flohmärkten und vom Sperrmüll zusammengesammelt, trotzdem hatte allein das schon ein riesen Loch in meine Finanzen gerissen. Die übrigen Ausgaben, wie Nahrungsmittel oder die ein oder andere Party hatten ihr übriges getan. Und so kam es, dass ich schon am Anfang des zweiten Semesters pleite war.

Pleite, aber viel zu stolz um es vor meinen Eltern zuzugeben. Und deshalb stand ich nun hier. Vor dem Campusking beim Audimax. Sie suchten studentische Aushilfskräfte auf 400€-Basis, die jung, engagiert und voller Tatendrang waren. Ich fand, dass das auf mich zutraf, und so betrat ich mit meinem Hygienezertifikat in der Hand den Laden.

Ich war schon vorher ein paar Mal hier gewesen. Der Campusking gehörte zu einer Kette, die überall in ganz Deutschland auf den Campus vertreten war. Sie verkauften verschiedene Kaffeesorten, Tees und frisch gepresste „Powerdrinks". Außerdem noch ein breites Angebot an belegten Brötchen, Baguettes, Bagels etc. sowie verschiedene Kuchen und Brownies. Jeden Mittag gab es ein Tagesgericht und verschiedene Salate, Müslis und Joghurts. Also im Großen und Ganzen, alles was das Studentenherz erfreute. Die Mitarbeiter trugen schwarze Polohemden mit dem eingestickten Logo der Kette auf der Brust und machten allesamt den Anschein, als seien sie unheimlich cool. Warum sollte ich nicht dazu passen sollen?

Eigentlich hatte der Campusking heute geschlossen, auch nicht arbeitende Studenten genossen den freien „Tag der Arbeit", und das Lokal wirkte fast ein wenig geisterhaft mit den hochgestellten Stühlen und der spärlichen Beleuchtung. Da kam ein rundgesichtiger Typ mit aschblonden Haaren hinter der Theke hervor. Er trug das typische schwarze Polohemd und fuhr sich mit einer Hand über den Kopf, was seine eh schon großen Geheimratsecken noch mehr zur Schau stellte.

„Ah, du musst bestimmt Philippa sein." Er streckte mir seine Rechte entgegen: „Wir hatten telefoniert. Ich bin Oliver, aber eigentlich nennen mich hier alle nur Olli."

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