Ich verschluckte mich an meiner eigenen Spucke, als ich hinter einem Busch einen alten Rehkadaver fand. Kleine Würmer und Maden hatten sich in den Augen gesammelt. Der Körper war nicht zerfetzt, ganz im Gegenteil. Er war komplett unberührt. Es schien so, als wäre es an Blutverlust gestorben. Behutsam ließ ich den Ast wieder zurück peitschen, hielt aber kurz darauf inne. Drei grünliche Eier lagen in einem Nest aus Plastik, Wollresten und Tierhaar auf dem Boden. Tierhaar? Ich schaute genauer hin. Nein, dafür war es zu fein und lang. Der Maiwind löste eine Strähne und fegte sie zu Boden.
,Menschenhaar, durchzuckte es mich.
Ein Knacken hinter mir lies mich aufschreien. Vor Schreck machte ich eine unbedachte Bewegung und ich verlor den Halt. Äste knickten weg und ich plumpste den kleinen Hügel runter. Dornen schnitten mir in die Arme und hinterließen kleine Kratzer, aus denen Blut quoll. Ich rümpfte die Nase. Ich konnte schon früher keine Nadel oder gar Blut sehen, besonders bei anderen nicht. Schnell rappelte ich mich auf, schulterte meine kleine Tasche und sah mich um. Wo war ich? Meine braunen Haare fielen mir ins Gesicht, die ich sofort weg strich.Wie unpraktisch! Meine Füße bewegten sich wieder den Hügel hinauf, doch auch da hatte ich keine Ahnung, wo ich war.
Ein leiser Hoffnungsschimmer erschien, als ich an mein Handy dachte.
Es müsste eigentlich in meiner Tasche sein, ich war mir sicher es bevor ich mich angezogen hatte, in die Tasche gesteckt zu haben. Tatsächlich lag es tief vergraben unter einem Buch und zwei Sandwichs. Kein Empfang! Das musste ja so kommen, wie Klischeehaft! Ich beschloss einfach den Weg, den ich vermutete gegangen zu sein, zurück zu verfolgen. Ich stolpere über eine Wurzel und unterdrückte einen Fluch. Als ich mich unter einen Kieferast bücke, spürte ich einen schweren Blick in meinem Rücken. Aber wer sollte mich hier beobachten? Ich fahre herum und starre die Bäume und Büsche prüfend an. Meine Sinne sind angespannt und ich fühle meinen Herzschlag an der Schläfe. Kälte stieg meinen Rücken hinauf und überzog meine Arme und Beine.
Mein Verstand sagt, dass hier niemand ist doch trotzdem versuchte ich fieberhaft hinter dem Grün eine Gestalt zu entdecken."Hallo?" rief ich zögerlich. "Ist da jemand?" Man kann auch vor Angst sterben! dachte ich. Meine Stimme brach und mich verließ nun auch der letzte Rest Mut. Es machte mich wütend. Ich bin die Herrin des Waldes, er ist meine Welt. Ich lasse mich von einer Haarsträhne und einem Knacken in die Flucht schlagen, wie lächerlich. Innerlich musste ich lachen, doch trotzdem blieb diese ungeheure Stille. Schließlich werden meine Füße immer schneller. Hechelnd und vor Schweißnass gebadet, blieb ich an einem See stehen, den ich zu bedauern noch nie gesehen hatte.
Die untergehende Sonne warf schon rot-oranges Licht zwischen die Bäume und die Vögel flogen zu ihren Nestern zurück. Insgesamt wurde der Wald ziemlich leise. Ich sicherte noch mal die Gegend ab und fing dann wieder an zu laufen. Mein röchelnder Atem kam mir lauter als sonst vor. Irgendetwas ist hier faul! Immer wieder hinter mich guckend spazierte ich durch den Wald, wenn auch ein wenig angespannt. Wieder holte ich mein Handy raus und musste feststellen, dass ich noch immer kein Empfang hatte.
Ich und meine Mum waren erst vor zwei Tagen hier nach Collady gezogen. Mein Vater hatte uns verlassen, meine Mutter brauchte einen Tapetenwechsel und so eine neue Stadt. Das tat sie immer. Immer wenn was schief läuft, zieht sie weg. In London wohnten wir außerhalb. Die Wälder waren atemberaubend und ich hatte mich fast nur in ihnen aufgehalten. Umso mehr fand ich es schlimm, als wir abreisen mussten. Doch Mum versprach, dass auch hier welche sein würden und damit gab ich mich dann zufrieden.
Ich wusste nicht, wie groß die Wälder hier waren. Vielleicht 160 km? Das einzigste, was ich jetzt machen könnte, wäre weiter gehen und nach Empfang suchen. Vielleicht begegne ich ja einem Spaziergänger. Mentaler Facepalm! Nach meinem Wissen, wird die hälfte des Landes zum Fällen gebraucht. Damit verdienen die Leute hier ihr Geld, mit Holzrodung. Da ist es so gut wie unmöglich jemanden zu begegnen.
Ein kleiner Anflug von Angst gewann einen sicheren Platz in meinem kleinem Herz und mein Hirn schüttete schon Panik aus. Schnell zog ich das kleine Buch aus meiner Tasche. Wie ich in der Natur überlebe! so der Titel. Ich konnte es schon fast auswendig. Meine Mum hatte es mir zum letzten Geburtstag geschenkt, damit mir nichts zustößt, meinte sie.
Suche eine Unterschlupf! Entschlossen klappte ich das Buch zu und steckte es zurück in die Tasche. Und schon marschierte ich los. Geschätzte 30 Minuten lief ich,bevor ich noch mal auf die Uhr sah. 21:01 Uhr! Ich riss meine Augen auf. "Schon so spät!?"entfloh es mir. Plötzlich hörte ich ein kleines Fauchen. Eine kleine Ratte zischte an mir Vorbei und verschwand hinter dem Busch. Gleich darauf hörte man ein kleines Schmatzen. Ich beugte mich vor und schaute über den Busch und zum zweite mal weiteten sich meine Augen. Vor mir lag ein Hirsch. Wie auch das Reh vorhin, sammelten sich Schnecken und anderes Ungeziefer in ihm. Das Blut war noch feucht . Es kann also noch nicht all zu lange her sein. Der Gestank stieg mir in die Nase und mir stiegen Tränen in die Augen.
Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sich meine Hand auf meinen Mund gelegt hatte. Mit einem Fuß verscheuchte ich dir Ratte und wischte mir mit dem Ärmel über die Stirn.Was, wenn es noch in Nähe war? Bevor die Angst ich packte, lief ich weiter. Die STräucher und Büsche wurden immer dichter und wucherten die Bäume voll. Irgendwie klappte es dann doch hinterher, mich durch zuschlagen. Plötzlich befand ich mich auf einem Pfad. Überrascht sprang ich auf. Ich zuckte mit den Schultern und und stapfte weiter. Ab und zu sah ich vereinzelte Fußabdrücke. "Das heißt, hier muss jemand leben oder gewesen sein!" stammelte ich aufgeregt. Ich freute mich schon auf die heiße Schokolade und ein warmes Bett.
Wahrscheinlich werde ich sowieso den ganzen restlichen Abend damit beschäftigt sein, meine Zeckensammlung zu Erweitern. Eine Dusche werde ich auch benötigen! Ich schloss meine Augen und rieb mir über das Gesicht. "Man,bin ich müde." sagte ich mit noch immer geschlossenen Augen. Als ich die Augen wieder öffnete, blieb mir die Spucke weg. Vor mir ragte das wirklich absolute wunderschönste Anwesen, das ich je gesehen habe, in den Himmel auf. Es war nicht sehr breit, dafür aber sehr hoch und kunstvoll gestaltet."Krass!" Was machte so ein altes Haus hier mitten in den Wäldern von Vegas?
Ein gepflegter Garten,mit einer kleinen Hängematte zwischen zwei Äpfelbäumen, umrang das Haus. Ohne nachzudenken lief ich auf das Haus zu. Das Anwesen schien noch halb im Takt zu sein, daher müsste es eine Dusche und vielleicht auch einen Kühlschrank geben. Und auch wenn nicht, ich hatte ja noch immer meine Sandwichs. Ein kleines Grinsen schlich sich auf meine Lippen, als die Neugier in mir hoch kroch. Alte Häuser erfoschen, wer liebt sowas nicht? Die Abendteuer-Lust trieb mich zur Veranda. Die Tür war doppelt so breit wie ich und aus stabilem Holz. Ein kleiner Löwenkopf als Türklopfer verzierte die Mitte des Kunststückes. Sachte strich ich mit den Fingerspitzen drüber.
Irgendetwas sagte mir, ich solle so schnell ich kann gehen und nie mehr wieder kommen, doch ich war halt ich und sowas erlaubte ich mir nicht. Ich ließ den Löwenkopf zwei Mal nieder schlagen und wartete auf eine Antwort. Als keine kam, wieder holte ich das ganze und trat schlussendlich ein. Mir war klar bewusst, dass das Einbruch war, dies war mir aber momentan so ziemlich egal. Die Polizei wird ja wohl verstehen, dass ich nicht umbedingt draußen schlafen und mich in einem See waschen will. Die Tür ging ruckartig zu und ein Windstoss fegte durch die Eingangshalle. Ein kleines -Wow- verließ meine Lippen, während ich mich umschaute.
Also, dieses Gebäude hatte auf jeden Fall einem Grafem oder so gehört. Eine große Treppe wand sich in der Mitte ins zweite Stockwerk hoch,wo sie sich teilte und von einem purpurnen Teppich beschmückt wurde. Ein riesiger, wirklich riesiger Kronleuchter hing von der Decke und erhellte den ganzen Saal. Ein Tanzsaal und eine Eingangshalle zugleich, wie praktisch. Ich war so in Gedanken vertieft, dass ich gar nicht die fest stehende Tatsache bemerkte. Es musste hier jemand leben. Es war zwar alles verstaubt, aber das Licht brannte übrigens auch sehr schick aussahen, waren keines falls angefressen oder morsch.
Wenn hier jemand lebt, könnte er mir vielleicht helfen, indem er mir eine Dusche gehnemigen oder Telefon abieten würde. Ist ja nicht viel verlangt. Ich wollte gerad rufen, als- "Du brauchst nicht rufen, ich bin schon hier!"
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FOUND HER
HorrorEs ist passiert! Wie sollte es auch anders kommen? Der Wald verschluckte mich und spuckte mich im tiefsten Locher seiner aus. Bei einer Person, die mich nie mehr los lassen wird. Niemals.
