Das Licht des Vollmondes fiel durch das Fenster und erhellte den gesamten Raum. Regelmäßig schlug der Ast, des im Vorhof stehenden Baumes, getrieben vom Wind, gegen die gläserne Scheibe.
Darunter auf der Wiese sammelten sich die vertrockneten, braunen Blätter, die der Herbst bereits von der Baumkrone gepflückt hatte. Ein permanentes leises Summen erfüllte den Raum. Die Quelle davon waren kurios aussehende Gerätschaften mit Unmengen an Skalen und Parametern, mit denen kaum eine Person etwas hätte anfangen können. Unzählige Kabel, Drähte und Schläuche führten zu dem prunkvoll aussehenden Bett, welches daneben stand. In die dicke rote Decke waren mit dünnen, goldenen Fäden kleine Muster eingearbeitet.
Lediglich der Kopf eines Mannes ragte darunter hervor. Die wenigen grauen Haare auf dem Kopf, sowie seine eingefallenen Wangen betonten seinen offensichtlichen gesundheitlichen Zustand. Die im Mondlicht silbergrau glänzenden Augen waren geöffnet und starr in Richtung Zimmerdecke gerichtet.
Mit einem Knarzen schwang die schwere, beinahe antik aussehende, Holztür auf, ehe das Klacken von Schuhabsätzen auf dem steinernen Boden des alten Gemäuers ertönte und auf dem gesamten Gang widerhallte. Auf der Wand zeichnete sich im Mondschein die Silhouette einer Frau ab.
"Guten Abend Professor Morris", sagte sie mit einer Stimme so kalt, wie das Eis, welches bereits nächtlich die Zufahrt des Anwesens bedeckte. Die kränkliche Gestalt atmete deutlich hörbar die Luft ein, ehe eine schwache, gebrochene Stimme ertönte. "Guten Abend Amaya", sagte er, gefolgt von einem schweren Hustenanfall. "Ich freue mich, dass du hier bist. Ich schätze es ist an der Zeit es zu Ende zu bringen." Amaya setzte sich auf die Bettkante und fuhr ihm sanft über die Wange. "Es ist mir zwar eine Ehre, dass ihr mich auserwählt habt Professor, aber es muss noch nicht heute geschehen. Die Entscheidung liegt bei euch." Auf den Lippen des Professors machte sich ein schwaches, müdes Lächeln bemerkbar. "Doch, das muss es. Ich fühle es", er musste eine Pause machen um abermals schwer mit einem gurgelnden Geräusch aus seiner Lunge, einzuatmen. "Professor, ihr irrt euch. Man könnte sie eine weitere Ewigkeit am Leben erhalten." Sein leerer Blick richtete sich nun präzise auf Amaya. "Wieso sollte ich das wollen? Ich würde zwar leben, aber ein Leben in diesem Zustand ist nicht erstrebenswert."
"Aber der Kult braucht sie. Ich brauche sie", antwortete sie mit einem leidenden Gesichtsausdruck. "Amaya, ich habe meine Arbeit getan. Ich habe versucht was ich konnte und habe dennoch versagt. Nun kann niemand mehr den Kult retten. Die Ältesten haben bereits vor Jahrzehnten das Ziel aus den Augen verloren und dem Wahnsinn Platz gemacht, der sie allmählich in aller Stille verzehrt. Und was dich angeht. Ich kann nicht mehr tun, als das wertvollste was ich noch besitze der letzten Person zu vermachen, der ich noch vertraue. Die Ältesten gieren nur danach an mein Erbe zu kommen. Ich bin der letzte meiner Blutlinie und zugleich einer der letzten Erstgeborenen Iriels. Kaum vorzustellen, welche Bestien diese Macht aus ihnen machen würde."
Die ersten Tränen flossen über die Wangen der zierlichen Frau. "Aber was ist, wenn ich nicht würdig bin." Der Professor schluckte schwer, bevor er angestrengt erneut zu sprechen begann. "Du bist würdig, weil ich das sage und sonst niemand wäre ansonsten nur ansatzweise in der Lage dieses Vermächtnis zu behüten. Ich möchte, dass du es beendest, noch diese Nacht. Mit meiner Blutlinie bist du vielleicht in der Lage die Ältesten aufzuhalten." Die Tränen auf den Wangen Amayas hatten sich mittlerweile in einen regelrechten Fluss verwandelt. "Denk immer daran. Auch, wenn sie etwas anderes behaupten. Das Erbe Iriels, das ewige Leben, ist kein Geschenk, es ist ein Fluch. Nichts auf dieser Welt sollte ewig Leben. Je länger das Leben andauert, desto maroder wird der Verstand. Ich fühle bereits, wie der Wahnsinn mir zuflüstert, wenn es leise ist." Er griff mit seinen abgemagerten, knochigen Fingern nach ihrer Hand. "Tu es nun."
"Ich kann das nicht", sie brachte die Worte vor lauter Schluchzen kaum über die Lippen."
"Doch du kannst das. Mach es schnell und Schmerzlos."
Amaya stand zitternd auf und griff nach dem Holzpflock, der auf einem kleinen Tisch neben dem Monitor lag. "Professor, ich danke ihnen für alles. Mögen sie ihren Frieden im Tod finden." Kaum hatte sie das letzte Wort ausgesprochen, holte sie aus und rammte das Holz mit immenser Kraft in die Brust des kranken Mannes. Die Spitze durchbohrte das Herz und augenblicklich wich alles Leben aus seinem Gesicht. Das Blut war auf ihre gesamte Kleidung gespritzt. Mit einem dumpfen Schlag fiel der Pflock zu Boden. Amya fiel auf die Knie und nahm ein Schluck des noch warmen Blutes, direkt aus dem Körper des Professors.
"Endlich ist es vorbei", ertönte ihre aalglatte und eisige Stimme. Sie richtete sich auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. "Ich hätte das dumme Gerede eines alten, senilen Vampirs keine Minute länger ausgehalten." Mit großen Schritten trat Amaya an das Fenster. Sie löste die Verriegelung und schwungvoll, vom Wind getrieben öffnete, es sich.
"Aber keine Sorge Herr Professor. Ich werde ihr Vermächtnis bewahren, denn niemand, außer mir, sollte die Blutlinie eines Erstgeborenen besitzen.
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Krathagos Legenden
FantasyKrathagos Legenden ist eine Sammlung von Kurzgeschichten aus der fiktiven Welt Krathago.
