Anna
Ich kreischte schrill als ich gegen den süßesten Jungen der Welt geschubst wurde. Und als der mich einfach festhielt und meinen Augenkontakt suchte war das Chaos perfekt. Johanna, Meike, Luise und Chiara bemühten sich fieberhaft, ihre Handys aus der Jackentasche zu holen. Dieser Moment musste trotz des Handyverbots auf dem Schulhof auf Foto festgehalten werden. Ich war verstummt. Das Einzige was zählte, war Yannicks ebenmäßiges Gesicht. Die braunen Augen, die mich einsogen. Das Lächeln auf seinen Lippen. Er beugte sich zu meinem Ohr hinunter. Sein Atem kitzelte meine blonden Haare. "Du bist wunderschön.", flüsterte er. Ich fühlte mich wie in Trance. Mein Traum aus so vielen Nächten war wahr geworden. In diesem Augenblick war das Leben perfekt. Johanna, mit der Yannick so oft redete und die eigentlich tausend Chancen mehr bei ihm hatte als ich war Geschichte. Doch so schnell wie der Moment gekommen war, war er auch wieder vorbei. Plötzlich ließ mein persönlicher Traummann mich los. Zu perplex um zu reagieren fiel ich hin. Ich landete völlig schockiert in einer Pfütze und merkte, wie das kalte, schmutzige Wasser langsam durch meine Hose sickerte. Yannick sah von oben auf mich herab und lachte hämisch. Ein Blick zur Seite zeigte, dass die halbe Klasse das Szenario beobachtet hatte. Die Jungs kriegten sich kaum noch ein. Luise und Chiara kamen sofort angelaufen und halfen mir hoch, doch auch sie konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ich hatte mich komplett lächerlich gemacht. Mit meinem Jackenärmel wischte ich mir schnell über die Augen, damit niemand die aufsteigenden Tränen sah. Meine neu gekaufte, weiße Jeans war komplett ruiniert. Das Wasser lief mir langsam den Knöchel runter in meine Turnschuhe. Noch nie hatte ich mich so geschämt. Chiara packte wortlos meinen Arm und zog mich mit sich Richtung Toilette. Dort quetschten wir uns in eine winzige Kabine. Meine beste Freundin ließ ihre Handtasche auf den Boden fallen, kramte eine schlabberige Jogginghose hervor und überreichte sie mir mit grimmiger Miene. "Spar dir den Dank, Schätzchen. Ist von meiner Nacht bei Luke. Du bist zwar eine nicht zu rettende Bohnenstange, aber die müsste dir passen." Ich hatte Mühe meine Markenhose auszuziehen, sie klebte durch die Nässe an meinen spindeldürren Beinen. Aber das Gefühl der weichen und warmen Jogginghose machte alles wett. Ich fiel Chiara um den Hals und begann zu weinen. Sie schlang die Arme um mich. Mein Gesicht wurde an ihren Busen gedrückt und ich nahm ihr verführerisches Parfum war. Meine Freundin, wie sie leibt und lebt. Die Anspannung der letzten Minuten fiel von mir ab. Mir war es egal, dass die Tränen meine Wimperntusche verschmierten, im Anbetracht der Demütigung eben war das kein Drama. Nach einigen Sekunden ließ ich sie los. Mit weinerlicher Stimme begann ich zu reden: " Ich weiß nicht, wie Yannick so etwas machen konnte. Ich dachte, er hätte endlich Gefühle für mich entwickelt, stattdessen hatte ich eben den peinlichsten Moment meines Lebens. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein verliebtes Huhn, als ich ihn so angestarrt habe. Wie konnte ich nur glauben, dass er mich wirklich schön findet? Alles an mir ist hager und dünn. Meine Beine, mein Gesicht, meine Haare." Chiara war wütend, das erkannte ich an ihren geröteten Wangen. "Mach dir nichts draus, Süße. So einer wie Yannick hat dich nicht verdient, ob er nun aussieht wie ein Filmstar oder nicht. Er ist genau wie die anderen Jungs. Soll doch Johanna mit ihm zusammen kommen, sie wird sehen was sie davon hat." Die Schulklingel ertönte. Chiara fluchte und wischte mir mit einem Taschentuch die verlaufene Schminke ab. "Wenn dich jemand so sieht, wirst du zur Lachnummer der Schule." Als ob ich das nicht eh schon wäre. Die Geschichte würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten.
Chiara und ich liefen durch die leeren Flure. Unsere Schritte hallten laut wieder, die meisten Schüler waren schon in den Klassenräumen. Mit jedem Meter, dem wir uns unserem Klassenraum näherten, steigerte sich meine Angst. Meine beste Freundin war da wie ein Fels in der Brandung. Als wir an der Tür zu unserer Klasse angekommen waren umklammerte ich ihren Arm wie ein kleines Kind. "Ich kann das nicht. Alle werden mich auslachen!", jammerte ich. Chiara zog bestimmt ihren Arm weg und schnalzte mit der Zunge. Das machte sie immer, wenn ich Angst hatte oder Motivation für etwas brauchte, was gar nicht so selten vorkam. "Du schaffst das, Kleine. Zur Not kassieren die Blödmänner eine saftige Ohrfeige von mir." Sie konnte leicht reden. Das war es, was ich an ihr so bewunderte. Sie verlor nie ihr Selbstvertrauen. Sie klopfte und wir traten ein.
YOU ARE READING
Ein Junge und ein Mädchen
AdventureEin Junge und ein Mädchen. Gefangen in ihren Gedanken. Zwei verschiedene Welten. Und ein Schicksal.
