Ich sitze auf meinem Bett. Nun ja, eigentlich liege ich, doch das spielt keine Rolle. Ich bin am Handy. Ich scrolle und scrolle und scrolle. Ich tippe den Bildschirm zweimal an, schon ist das Bild geliked. Ich bin auf Instagram, sehe mir die Videos und Bilder der letzten Tage an, schnell gespeichert, um sie später anzusehen. Jetzt ist später. Ich bin müde, frage mich, wann ich schlafen gehen kann, ob ich noch Hausaufgaben für den nächsten Tag machen muss. Mathe – das schaff ich morgen im Bus.
Nur noch ein Video. Ich sehe, wie auf dem Display eine Nachricht aufleuchtet, WhatsApp? Vielleicht meine Mutter, die mir sagen möchte, dass ich endlich schlafen gehen soll. Doch Fehlanzeige – es ist die App „Year in Pixels". Dort kann man eine Farbe für seinen täglichen Gemütszustand auswählen, einen kurzen Text schreiben, wie es einem geht. Prinzipiell ein Stimmungs-Tagebuch fürs Handy. Sinnlos, werde ich mir das jemals wieder durchlesen? Ja, denn ich bin so ein Mensch.
Was habe ich heute getan, fragt mich die App. Ich frage es mich selbst. Was habe ich heute getan? Gibt es etwas, das es wert ist, aufgeschrieben zu werden? Nun ja, das gibt es immer. Selbst wenn man den ganzen Tag nur im Bett gelegen hat, oder sich nach der Schule nur YouTube-Videos reinzieht, hat man etwas gemacht. Andere Frage: Habe ich heute etwas verändert? Habe ich in der Zeit, in der ich mir diese App runtergeladen habe, und das habe ich immerhin schon am 1. September, auch nur ein Fünkchen getan, das irgendwelche Auswirkungen auf mich, oder sogar andere hat?
Was bringen sich rhetorische Fragen an mich selbst, wenn deren Antworten so ganz und gar nicht rhetorisch sind? Sie sind nicht rhetorisch, viel mehr sind sie lethargisch. Ich like ein Bild auf Instagram, schreibe einer Freundin, wie niiiedlich ihre neue Katze doch sei, und sehe mir Videos an, wie irgendjemand ganz ganz langsam mit einem heißen Messer einen Haufen von buntem Sand durchschneidet. Wirklich. Im Ernst.
Ich möchte etwas verändern. Natürlich ist es nett, wenn meine Freundin weiß, dass ihre neue Katze niedlich ist. Natürlich ist es toll, wenn eine mir fremde Person weiß, dass mir ihr Bild von einem Schneeengel gefällt. Und ja, diese Sand-Schneide-Videos sind halt echt verdammt faszinierend, doch was hat all das gemeinsam? Es hat auf längere Zeit genau gar keine Bedeutung, es spielt keine Rolle, zumindest nicht im Großen und Ganzen, welches irgendjemand, irgendwann, auf irgendeinem Kontinent, nur so zum Spaß Welt getauft hat. Genau wie ich, wenn ich in meinem Bett liege.
Ich möchte etwas verändern, doch ich weiß noch nicht so genau was. Ich möchte, dass alle Menschen gleich sind, egal ob Frau, ob Mann oder dazwischen. Ich möchte, dass Menschen, die anderen Menschen wehtun, bestraft werden, aber so, dass sie dann auch wirklich aufhören, und nicht nur, weil es ihnen jemand sagt. Aber andererseits möchte ich auch, dass Feuer nicht mit Feuer bekämpft wird, denn manchmal kann auch schon kühles Wasser einen Unterschied machen, und zwar den Unterschied, der nötig ist. Ich möchte, dass der Optimismus, denn ich an manchen Sekunden des Tages an mir habe, in der ganzen Welt verteilen, und mir sicher sein, dass er heil ankommt. Und ja, ja ich möchte Weltfrieden, obwohl als Weihnachtswunsch ein Einhorn wahrscheinlich wahrscheinlicher wäre. Nein, ganz bestimmt sogar.
Ich möchte, dass jedes Wort das ich sage, oder denke, ernst genommen wird, tja, außer eben ich meine es nicht ernst. Aber woher weiß man das? Genau das ist das Problem, man weiß es eben nicht, und ich weiß noch nicht genau, wie ich das mit meiner hoffnungslos hoffnungsvollen Logik so hindrehe, dass es alle verstehen, aber wenn man lange genug darüber nachdenkt, dann erkennt man den Sinn dahinter.
Ist dieser Text ein innerer Monolog? Nein, ja, also am Anfang vielleicht. Ist dieser Text eine Rede? Nein, ja, aber was spielt das überhaupt für eine Rolle? Dieser Text ist wie ein Mensch. Er kann etwas verändern, selbst wenn es nur für einen ganz kurzen Augenblick, selbst wenn es nur für einen einzigen Menschen ist. Wenn man nur gut genug zuhört.
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to cringe or not to cringe - that is the question
PoetryDas bin ich, wie ich meine Gedanken aufschreibe. Das bin ich, wie ich hoffe, die Welt verändern zu können. Das bin ich, wie ich wünsche, mich zumindest nicht komplett zu blamieren. have fun ×× #iwontcallitpoetry
