der Tag nach Gestern

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Jeden Morgen das Gleiche. Aufstehen, duschen, Zähne putzen und wenn ich mal gut drauf bin, mache ich in letzter Minute meine Hausaufgaben für den Tag. Wie jeden Morgen bringt mir mein Vater Frühstück ins Zimmer, weil meine Mutter darauf besteht, dass ich morgens etwas esse. Da ich mir selbst nichts mache, ist mein Paps an der Reihe. Ich verlange das nicht von ihm aber wenn ich das Angebot bekomme sage ich nicht nein.

Wenn ich Lust habe oder mein Gesicht mit Pickeln überflutet ist schminke ich mich. Vorausgesetzt die Zeit reicht dafür. Ich habe kein Problem damit ungeschminkt in die Schule zu gehen aber ich tue es trotzdem gern. Heute schminke ich mich nur ein bisschen. Für mehr bin ich zu spät dran. Ich ziehe meine Jordan Future an und trage dazu eine dunkelblaue highwaist Hose mit weißem Pullover. Das ist eins meiner wärmsten Outfits für den Winter und trotzdem friere ich wie verrückt. Bevor ich aus dem Haus gehe packe ich meine Kopfhörer ein und greife nach meiner dicken schwarzen Jacke. Dann rufe ich beim Rausgehen Tschüss durch die Tür und gehe zur Bushaltestelle. Zum Glück ist die Haltestelle fast neben meinem Haus und ich muss nicht noch ewig in der Kälte stehen bevor der Bus kommt. Ich nehme meine Kopfhörer und mache Musik an um den Morgen etwas besser zu machen. Zur Zeit höre ich am liebsten das neue Album von Luciano. Heute ist es zwar kalt aber es ist weder windig noch regnet oder schneit es. An der Haltestelle stehen schon zwei meiner Freundinnen. Charlotte und Ana. Wir gehen zusammen in eine Klasse. Wir reden morgens meistens nur über Schule, genau wie jetzt. Es geht um die Mathe Hausaufgaben, die ich wie so oft nicht gemacht habe. Dann sehe ich die 416 : unseren Bus. Der Bus ist jetzt schon voll obwohl noch viel mehr Leute einsteigen werden. 

Schnell steige ich ein und schaue mich nach meiner Besten Freundin Coralia um. Sie sitzt ganz hinten und grinst mich schon an. Sofort wird meine Laune besser. Sie hat einfach diese positive Ausstrahlung, die mich jeden morgen ansteckt. Ich gehe mit den anderen zu ihr und Brian, mit dem wir auch befreundet sind. Coralia ist halb Portugiesin und das sieht man auch. Sie hat dicke und dunkle Haare und strahlend grüne Augen. Ich umarme Beide und stelle mich vor sie, weil ich sonst nirgends sitzen kann. Coralia hört auch jeden Morgen Musik. Musik ist sowas wie ihr Lebensinhalt, genau wie Mode. Das Ironische an der Sache ist, dass sie auf einem Ohr fast taub ist. So spielt das Leben eben. Unfair. Ich höre zwar selber auch Musik, aber ich kann es nicht leiden wenn sie auch ihre Kopfhörer im Ohr hat, weil sie dann nichts hört und ich mit ihr nicht reden kann. Ich weiß, ich bin ganz schön pingelig was das angeht aber ich rede morgens am liebsten mit ihr und nicht mit den Anderen. Ich stupse sie an um ihr klar zu machen, dass ich etwas sagen will.

"Können wir später über Nathan reden?" frage ich. Besorgt guckt sie mich an und nickt. Nathan und ich waren vor einem Jahr sowas wie zusammen aber er hat das alles nicht so ernst genommen. Naja, nicht so ernst wie ich jedenfalls. Ich war ziemlich verliebt in ihn aber das hat nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Mein schlechtes Gewissen ist so groß, weil ich ihr nichts gesagt habe. Wieso habe ich es ihr nicht schon gestern erzählt nachdem er gegangen ist? Sie wird mit hoffentlich nicht allzu böse sein.

Wir verabschieden uns von Brian und steigen aus. Als wir raus aus dem Bus sind, fängt Coralia an über Nuno zu reden. Nuno ist ihr bester Freund aber ich persönlich glaube, dass aus ihr und ihm in Zukunft was ernstes werden könnte. Er ist Brasilianer und geht auch auf unsere Schule. Ich bin auch mit ihm befreundet, aber nur wegen Coralia. Er ist etwas speziell aber ganz in Ordnung. Sie ist dabei sich in ihn zu verlieben und ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch was für sie übrig hat.

"Er hat mir gestern sooo schöne Bilder geschickt, guck" sagt sie und streckt mir ihr Handy entgegen. Da hatte sie nicht ganz unrecht. Nuno war schon Hübsch und das wusste er auch. Auf den Bildern steht er vor dem Spiegel, Oberkörper frei. Er schickt Coralia dauernd solche Bilder, wahrscheinlich weil er weiß wie verrückt er sie damit macht. Er hatte schon einige Mädchen aber seit er seine Ex Freundin kennengelernt hat, ist er etwas ruhiger geworden was das angeht. Ich weiß nicht was ich darauf antworten soll, deswegen lächel ich sie nur an.

Um 07:30 kommen wir an der Schule an. Wir gehen alle auf ein Gymnasium, anstrengend, aber es lohnt sich. Nachdem wir durch die neue, graue Eingangstür gegangen sind, läuft wie der Zufall es will Nathan an uns vorbei. Ich sehe ihn schon von weitem. Zwar finde ich alles an ihm nicht gerade unattraktiv, seine Straßenköter blonden Haare und seine sportliche Figur inklusive O-Beine, aber seine klaren blauen Augen in diesem markanten Gesicht, welches durch einen kurzen Bart hervorgehoben wird, lassen mich jedes mal schmelzen wenn ich ihn sehe. Ich probiere ruhig zu bleiben und abzuwarten wie er reagiert. Wie befürchtet würdigt er mich keines Blickes. Trotzdem tut es irgendwie weh. Er geht stumpf an uns vorbei. Ich würde am liebsten sofort zu ihm hin rennen und von ihm antworten fordern. Antworten auf gestern. Coralia guckt mich kurz an doch ich lasse mir nichts anmerken und gehe mit den Anderen ins Klassenzimmer.

"Was war das denn?" fragt mich Coralia nachdem wir uns nebeneinander in die zweite Reihe gesetzt haben.

"Er war gestern bei mir" sage ich und warte ihre Reaktion ab.

"Er war was!?" erschrocken schnappt sie nach Luft und schaut mich an.

"Sei still, ich will nicht, dass das jemand mitbekommt." flüster ich ihr zu.

"Was hatte er bei dir zu suchen und was ist... oh nein ihr habt doch nicht..." Ich unterbreche sie: 

"Doch, wir haben uns geküsst und vielleicht auch noch etwas mehr aber bevor du fragst, nein ich habe nicht mit ihm geschlafen. Er hat mich schon vor ein paar Tagen gefragt ob wir uns mal wieder treffen können und ich habe ja gesagt, weiß auch nicht wieso. Dann haben wir geredet und irgendwann hat er mich geküsst."

"Und du hast den Kuss erwidert?" fragt sie.

"Natürlich, was hättest du denn gemacht?" Das war eine ernst gemeinte Frage von mir. Ich war nie über ihn hinweg gewesen. Er ist meine erste Liebe, mein erster Kuss. Das wird er immer sein und ich werde bei ihm immer schwach werden, egal wie viel Zeit vergeht.

 Ich weiß nicht was gestern passiert ist und kann es immer noch nicht realisieren. Keine Ahnung warum ich mich wieder auf ihn eingelassen habe . Er schafft es immer wieder mein Leben auf den Kopf zu stellen. Ich weiß nichts mehr. Ich weiß nur, dass ich ihn will.



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⏰ Last updated: Nov 27, 2018 ⏰

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