Es war noch früh am Morgen auf dem Stammbaum, als man aus einem Nest schon aufgeregte Stimmen hören konnte.
„Tara? Tara! Komm schon! Beeil dich, heute ist es doch endlich so weit! Wir dürfen das erste Mal den Sturzflug machen!“, rief Tao, Taras jüngerer Bruder. Es war ein sehr nebliger Morgen auf dem Stammbaum, welcher der größte und älteste Baum im ganzen Wald war. Außerdem war er ein besonderer Baum, denn in ihm lebten alle Falken. Es war eine verborgene Welt, verborgen vor den Blicken des Feindes.
Tara behagte das gar nicht, dass sie heute das erste mal den Sturzflug machen sollten. Als ältere trug sie die Verantwortung für ihren Bruder seit dem Verschwinden ihrer Eltern. Sie waren damals, als Tara und Tao noch klein waren, einen Ausflug machen gegangen, weg vom Stammbaum, zu einem anderen Ort. Sie waren nicht wiedergekehrt. Seit dem wollte Tao unbedingt auf eigene Faust losziehen und ihre Eltern finden. Tao hatte, wie Tara, ihre Eltern sehr geliebt. Er war noch kleiner gewesen als Tara und hatte ihren Verschwund nie richtig überwinden können.
Tara beeilte sich nun, damit Tao nicht noch jeden einzelnen Falken auf dem Stammbaum aufweckte. Etwas später waren sie in der Schule angekommen, wo sich alle Falkenkinder schon aufgeregt versammelt hatten. In diesem durcheinander war es sehr schwierig den besten Freund von den zwei Geschwistern auszumachen.
„Tara? Tara! Tao! Hiieer!“, rief plötzlich ein sehr aufgeregt wirkender Falke. Er winkte ihnen zu, sie sollten zu ihm rüberkommen. Es war Tai, bester Freund von Tara und Tao.
„Ich bin so aufgeregt!“, sagte Tai, als Tara und Tao ihn erreicht hatten.
„Bitte du nicht auch noch!“, flehte Tara hoffnungsvoll Tai an.
„Was? Freust du dich etwa nicht?!“, fragte er Tara.
„Ich musste heute früh Tara quasi aus dem Bett zerren!“, beteiligte sich Tao am Gespräch.
„Haha. Ich freue mich halt nicht so sehr wie ihr auf heute!“, sagte Tara gereizt.
„Alles cool, Tara.“, sagte Tai. Er wollte versuchen lässig zu klingen, was er in letzter Zeit oft machte, allerdings ihm nie wirklich gut gelang. Dies war dann immer eine Belustigung für die Geschwister. Auch diesmal mussten sie lachen.
„Alle mal bitte her hören!“, meldete sich ein erwachsener Falke zu Wort. Alle verstummten augenblicklich.
„Wer ist das?“, raunte Tai Tao zu. Als Tao gerade antworten wollte, er wüsste es auch nicht, machte Tara „schhh!“. Gleich danach fing der Unbekannte auch schon wieder an zu reden.
„Ich bin Herr Bolsonaro, für euch bitte nur Thomas. Wir machen heute einen Ausflug zur Flugschule. Wie ich sehe freut ihr euch schon alle sehr-“, doch ehe er den Satz zu Ende sprechen konnte, wurde er mit einem lauten und einstimmigen „Ja!“ von allen Schülern unterbrochen. Er musste schmunzeln. Nachdem er noch ein paar Worte gesagt hatte gingen sie auch schon munter und fröhlich los.
„Ich freue mich schon seit Monaten auf diesen Tag!“, sagte Tai glücklich.
Sie gingen noch eine Weile, bis alle stehen blieben. Sie waren an einem besonders breiten und glatten Ast angekommen, wo bestimmt fünf Falkenkinder nebeneinander genügend Platz hatten. Außerdem gab es viele kleine Äste, von denen man starten und nach unten gleiten konnte.
Ein anderer erwachsener Falke kam zu ihnen, allerdings schien er schon viel älter zu sein als Thomas.
„Ahh. Sehr schön. Ihr müsst dann also die Gruppe sein, die heute den Sturzflug macht, nicht wahr?“, sagte der älter Falke. Er stellte sich vor die Klasse, wo sein großer Bauch einem besonders ins Auge viel. Einige Falkenkinder kicherten. Der alte Falke schien jedoch stolz auf seinen Bauch zu sein, denn während er sprach schwankte er manchmal etwas hin und her, so, dass der Bauch mit einer kleinen Verzögerung hinter her kam. Tao und Tai zitterten, vom Lachen anhalten, so sehr, dass sie sich kaum noch auf ihren Füßen halten konnten. Tara warf nervöse Blicke hinüber zu den beiden, in der Hoffnung, sie würden wieder zur Vernunft kommen.
„Also, ich bin Schubert. Wir gehen heute dort hin-“, er deutete mit seinem Flügel auf die kleinen, mit Sonne beschienenen Äste, „-und werden von dort in die Tiefe starten. Ich wünsche euch viel Spaß und Erfolg!“
„Danke!“, kam es hier und da von den Falken, welche sich nicht vor Lachen schüttelten. Darunter war auch Tara. Nun stellte sich Thomas wieder vor die Klasse.
„Nun dann-“, an Schubert gewannt: „Danke Schubert, für deine einleitenden Worte-“, an die Klasse gewannt: „bitte folgt mir.“
Er ging zu den Ästen, auf die Schubert gezeigt hatte. Er erklärte ein paar Sachen zur Technik und erinnerte alle nochmal eindringlich daran, kurz vor dem Boden wieder umzudrehen und auf dem schnellsten Weg nach oben zu fliegen. Falkenkindern war es verboten den Stammbaum zu verlassen, bevor sie nicht ausgewachsen waren. Sie durften zwar innen, von einem Ast zum anderen Ast gleiten, aber sich nicht außerhalb vom Laub aufhalten. Anschließend fragte er:
„Wer ist so mutig und traut sich als erster?“
Bei dieser Frage schien die ganze Klasse den Atem anzuhalten. Tao hatte sich zwar riesig gefreut und wollte auch unbedingt starten, aber nicht als erster.
„Ich“, sagte Tai auf einmal, Mut lag in seiner Stimme.
„Tai, bist du dir sicher-“, fing Tara an, jedoch wurde sie von Tao unterbrochen:
„Lass ihn doch Tara. Ich bin mir sicher, er weiß, was er tut!“, sagte Tao mit bewundernder Stimme.
„Na dann, zeig uns was du kannst!“, rief Thomas. Tai schritt in Richtung Spitze vom Ast. Er holte tief Luft und ließ sich nach vorne kippen. Er schmiegte seine Flügel ganz nah an seinen Körper und rauschte in die Tiefe. Totenstille herrschte oben auf dem Ast. Auf einmal hörte man von weit unten ein „wuhuuuu“. Allen war klar, dass es Tai gut ging und er jeden Moment wieder oben auftauchen würde. Einen kurzen Augenblick später kam er tatsächlich wieder zurück auf den Ast geflattert, wo er von allen freudig begrüßt wurde.
„Das ist ja viel einfacher, als ich dachte! Man muss nur rechtzeitig genug wieder hoch ziehen, dann kommt man ganz leicht wieder hoch. Es macht auf jeden Fall mega Spaß!“, sagte Tai außer puste. Nachdem Tai den Anfang gemacht hatte, war es für die anderen viel einfacher, sich auch zu trauen. Nachdem es nach Tai, alle fünf die gestartet waren es auch geschafft hatten, traute sich Tao auch. Er kippte wie Tai noch vorne. Tara raste das Herz. Sie betete inständig, dass Tao nichts passierte.
Tao raste in die Tiefe. Er wurde so schnell, dass seine Augen tränten. Warum hatte Tai davon nichts gesagt? Er sah alles nur noch verschwommen.
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Taos Weg
FantasyEin kleines Falkenjunge, Tao, wollte schon immer die große, weite Welt erkunden. Als Tao dann die Chance hat, all seine Pläne umzusetzen ergreift er sie und verlässt seine Heimat.
