Geheimnis

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Das kleine klapprige Haus, das den Anschein machte, als würde es beim nächsten Windstoß einfach davonfliegen, wurde von einer ebenso komischen, wie verschrobenen Frau bewohnt.

In der kleinen Stadt ging das Gerüchtum, dass die Bewohnerin des Hauses, das mehr einer Ruine glich, eine Hexe sei. Zwar sah sie nicht aus wie eine Kräuter züchtende Alte mit Buckel aus einem Märchen, doch der Ruf haftete an ihr, wie ein zäher Kaugummi am Schuh, in den man hineingetreten ist. Jeder kannte sie weniger persönlich, als nur die Gerüchte über sie.

Niemand wollte sich mit ihr unterhalten oder gar in ihrer Nähe sein. Ihr deshalb aus dem Weg zu gehen, gelang allen recht gut, weil sie sich nur selten außerhalb ihres verwilderten Grundstückes blicken ließ.

Nur meine Familie hatte das Pech, die einzigen Nachbarn, des ansonsten von Wald umgebenen Hauses zu sein.Unser Einfamilienhaus wurde von großen Hecken begrenzt und das Hexenhäuschen lag zu abgelegen, als das man großartig etwas von dem Geschehen dort mitbekam. Doch von einem kleinen Fenster auf unserem Dachboden, wo ich am liebsten in Ruhe meine Zeit verbrachte, um zulesen oder zu malen, hatte ich einen guten Blick auf alles, was beider Hexe so geschah.

Viele denken sich sicherlich so etwas wie, dass bei einer älteren Frau, die sich nur selten außerhalb ihrer vermodernden vier Wände aufhält, nichts Interessantes zubeobachten sei. Doch dem kann ich getrost widersprechen. Fastwöchentlich sah ich fremde Leute, häufig mit Koffern oder kleinen Reisetaschen, von dem Wald gegenüber schnurstracks zum Haus der Hexelaufen. Sie gingen hinein, kamen aber häufig gar nicht oder erst nach langer Zeit wieder hinaus, während andere, die ich zuvor nicht hatte hinein gehen sehen, plötzlich heraus kamen.

Manchmal betraten so viele Gestalten in kurzer Zeit das Gebäude, dass ich mich wundern musste wie so viele Personen auf einmal in so ein kleines Haus passten, ohne dass dieses zerplatzte wie ein zu stark aufgeblasener Luftballon. Mittlerweile führte ich schon Listen, wer alles so bei der Hexe ein und aus ging.

Doch mit der Zeit wurde meine Neugierde nicht mehr genügend befriedigt, als stiller Beobachter alles zu notieren. Ich wollte wissen, woher sie kamen und wohin sie gingen und warum sich ausgerechnet alles in diesem kleinen Haus am Stadtrand abspielte. Außerdem wollte ich herausfinden, warum niemand sonst von diesen komischen Ereignissen etwas mitbekam.

Ich nahm mir vor, das Geheimnis zulüften, sobald meine Eltern das Haus verließen, um Freunde zubesuchen. Ich verabschiedete mich, versprach nichts anzustellen während sie unterwegs waren und hastete danach sofort in mein Zimmer. Mit vor Aufregung zitternden Fingern begann ich meinen Rucksack zu packen. Schnell sammelte ich alle Dinge, die mir für meine geheime Mission wichtig erschienen, in dem dunkelblauen Beutel.Eine Taschenlampe, falls ich zur Not durch den dunklen Keller kriechen musste, um hinein zu gelangen. Papier und Stift, um alles Weitere zu dokumentieren, was ich zu sehen bekam. Meinen Glücksbringer, ein bunt schillernder Käfer in Bernstein, den ich vor einigen Jahren von meiner Großmutter bekommen hatte, denn Glück konnte man immer gut gebrauchen. Und zu guter Letzt meinTaschenmesser, ich wusste schließlich nicht, was mich dort erwarten würde.

Als ich um unser Haus lief, um auf das abgelegene Grundstück der Hexe zu gelangen, klopfte mein Herz vor Aufregung so laut, dass ich mir sicher war, dass ich keine zwei Schritte in das Haus machen könnte, ohne dass die Hexe mich hörte.

Ich kauerte mich zwischen zwei große Sträucher in der Nähe der Haustür und sah mich um. Im Wald weiterhinten, verschwanden gerade zwei Personen, die wohl zuvor aus dem Hexenhaus gekommen waren. Ansonsten war alles ruhig. Vorsichtig schlich ich zu der wuchtigen Holztür. Sie war nur angelehnt. Ich drückte fest gegen die kunstvoll verzierte Tür in der Erwartung,sie würde nur schwer zu öffnen sein. Sie sprang jedoch mit einer überraschenden Leichtigkeit knarrend auf.

Weniger war ich von dem täuschenden Gewicht der Eingangstür überrascht, als von dem Anblick der sich mir nun bot.

Eben hatte ich noch vor einem kleinen vermoderten Haus gestanden und nun betrat ich einen riesigen Bahnsteig. Große Hallen mit ebenso großen Marmorsäulen, höher als ich mit meinem Blickfeld erfassen konnte, erstreckten sich vor mir.

Ein lautes Pfeifen ertönte und ein prunkvoller goldener Zug fuhr ein. Leute stiegen ein und aus, unterhielten sich fröhlich oder liefen hektisch, auf die Uhrschauend, an mir vorbei. Diese Kulisse verschlug mir die Sprache. Noch nie zuvor hatte ich von einem so wundervollen Ort gehört, geschweige denn einen gesehen. Jeder einzelne Mensch, jede kleine Verzierung an den endlosen Säulen und jedes noch so kleine goldene Zahnrad des Zuges, glühte vor Mystik und Geheimnissen, die ich wohl niemals gänzlich lüften konnte. Sogar die glasklare Luft knisterte nur so von der Magie, die hier herrschte.

Fragen über Fragen kreisten in meinem verständnislosen Kopf, die, je mehr ich über sie nachdenken würde,noch weitere unergründliche Fragen hervorbrächten.

Ich wagte mich Schritt für Schritt in das reisefreudige Treiben und somit immer weiter weg von meiner Welt. Meinem Zuhause, in der gewöhnlichen Kleinstadt, meinen Problemen und Sorgen und allem mir Bekannten.

Aus einer unscheinbaren, fast schonversteckten Tür neben mir, trat die Hexe so plötzlich, dass ich beinahe mit ihr zusammengestoßen wäre. Erschrocken und ein wenig ertappt bei meiner Erkundungstour, riss ich die Augen auf und blieb wie angewurzelt stehen.

„Na, hast du dich von deinem Fensterplatz verabschiedet und bist endlich hier hergekommen?", fragte sie unerwartet freundlich. Vor Überraschung leicht stotternd, gab ich Antwort und versuchte, von all den Fragen, die mir gerade im Kopf herumschwirrten, die wichtigsten herauszufiltern: „Was ist das für ein Bahnhof und wer sind all diese Leute hier?" Sie lächelte milde und bedeutete mir, ihr auf einen Rundgang zu folgen.

„Sieh dir mal diesen Mann dort mit dem grauen Mantel und dem großen Koffer, genau an und sag mir, was dir auffällt." Ich streckte meinen Kopf nach vorn, um den Beschriebenen besser mustern zu können und stutzte. Die eine Hand hatte er locker in der Manteltasche, doch in der anderen hielt eretwas komisches, Stock oder Stab ähnliches, das an der Spitze rötlich zu glühen schien. Sein wuchtiger, schwarzer Koffer rollte,ohne jegliche Fremdeinwirkung, wie von Geisterhand neben ihm her.Etwas bewegte sich in dem Gepäckstück. Kleine Rauchschwaden stiegen aus dem Reißverschluss empor. Ich blinzelte. War da gerade eine kleine schuppige Klaue aus dem Koffer gekommen? Ich setzte zu einer Frage an, doch meine Begleiterin kam mir zuvor. „Ja, du hast richtig gesehen! Dieser Mann reist mit einem Drachen im Gepäck. Er ist unterwegs zu einer Sitzung über Zauberwesen."

„Was ist mit dem Stab in seiner Hand?", kam ich nun endlich zu Wort. „Das ist sein Zauberstab",erklärte sie sachlich „Er ist ein Zauberer, so wie alle hier."

Er staunt sah ich erst sie, dann alle anderen um uns herum, die eigentlich auf den ersten Blick ganz normal aussahen, an. Mittlerweile stellte ich alles, was ich je gewusst und getan hatte infrage. Anstatt dass ihre, so unfassbare wie auch einfache Antwort alles erklärte, warf diese Aussage nur noch mehr und mehr Fragen auf.

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⏰ Last updated: Aug 16, 2022 ⏰

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