„Bleib doch stehen! Du hast sowieso keine Chance gegen mich." Mit einem schallenden Lachen auf den Lippen rannte ein kleines, vor Freude schreiendes Mädchen über eine Wiese. „Das musst du mir erstmal beweisen", schrie die zarte Jessica siegessicher. Ihre große Schwester bekam eine Zunge entgegengestreckt. Diese zeigte in Richtung eines offenen Feldes und rief: „Guck mal! Da ist Ferdinand wieder." Offensichtlich war die Ablenkung gelungen, denn Jessica blieb stehen und drehte sich stürmisch um, damit sie ihren vermeintlichen Besuch sehen konnte. Jedes Mal auf's neue freute sie sich, wenn Gnomen sich in die Nähe ihres Grundstückes trauten, auch wenn sie genau wusste, wie verärgert ihre Mutter darüber war. Besonders der größte von ihnen, den Jessica Ferdinand getauft hatte, ließ sich einfach nicht abschütteln.
Sienna umgriff die Taille ihrer kleinen Schwester und zog sie lachend mit sich zu Boden. „Das gildet nicht! Das gildet nicht!" Immer, wenn Jessica eingeschnappt war, wurde ihr Lispelsprachfehler stärker. Beide lagen schnaufend von der Anstrengung in dem hohen Gras. „Ja, ja... Dann muss ich dich wohl noch einmal fangen." Sienna grinste der Kleinen entgegen und half ihr auf, nachdem sie selbst wieder aufgestanden war.
Jessica setzte sich gerade wieder in Bewegung, da tauchte vor ihnen eine breitschultrige, weißhaarige Frau mit einem leisen Plop-Geräusch aus dem Nichts auf. „Hallo, meine Lieben", trällerte sie mit einer hohen, kräftigen Stimme und schloss beide Mädchen in eine feste Umarmung. „Granny! Endlich bist du da." „Ich war gerade schon bei euren Eltern in der Küche. Oliver will gleich mit dem Backen anfangen." „Was gibt es denn zu feiern?", fragte Sienna und zog nach einer Angewohnheit eine Augenbraue in die Höhe. Ihr war klar, dass sie genauso gut wie ihre kleine Schwester wusste, wie ihre Wunschantwort lautete. „Vielleicht gibt es da heute eine Überraschung für dich, Sissy..." Alle ihrer Cousinen und Cousins war die Geheimniskrämerei ihrer Großmutter wohl bekannt. Wenn sie einmal damit anfing, stieg in allen ihrer Enkelkinder, so auch in Sienna und Jessica, große Freude auf. Ob es nun nur um winzige Spielereien in Form von Geschenken aus Gambol & Japes oder um große Mitbringsel aus fremden Ländereien ging, die Großmutter Kathryn bereiste, war dabei egal. Die jung gebliebene Dame verstand es, alles für ihre Enkel und Enkelinnen so zu inszenieren, dass sie ihren Spaß daran fanden.
„Backen wir wieder nach dem Muggelrezept oder machst du es so langweilig, wie sonst immer?" „Jessi, mit Betteln ist jetzt erst einmal genug. Heute gibt's die Muggelbrownies, aber die Kirschtorte schaffen wir nicht mehr so schnell", sagte der Vater der Mädchen namens Oliver und drückte Jessica, die einen Schmollmund aufgesetzt hatte, einen Kuss auf die Stirn.
Als alle gemeinsam Zucker und den Rest mit einer analogen Waage abgemessen und anschließend vermischt hatten, wobei eine Mehlschlacht natürlich unumgänglich war, gesellte sich auch die Mutter der Kinder zu ihnen. „Gleich wird er da sein. Die Gibsons haben Jonathans schon", flüsterte Jenna ihrem Mann in's Ohr, allerdings nicht leise genug, um die Kinder darum zu bringen, die Worte zu hören.
Die Aufregung kitzelte Sienna in den Fingerspitzen. So viele Jahre hatte sie darauf hingefiebert, auf den heutigen Tag. Schon als ihre ältere Schwester ihren Brief bekam, fing sie an, alles was diese über die Schule für Hexerei und Zauberei wusste, praktisch aufzusaugen. Wenn neue Geschichten aus der Verwandtschaft über Hogwarts zu hören waren, war sie die erste Interessierte.
Oliver schüttete mit Hilfe von Jessica ein paar gehackte Mandeln in den mittlerweile dunkelbraunen Teig. Mit einem markerschütterndem Krächzen stob eine Eule, durch das Küchenfenster, hinter dem das Feld und in weiter Ferne der Wald lag. Sienna hob hoffnungsvoll den Blick von der Kuchenform, die sie gerade eingefettet hatte, erkannte jedoch sofort, dass es kein Vogel von Hogwarts, sondern ihre eigene Familieneule war. Der graue, zerbrechlich wirkende Bartkauz ließ sich vertrauensvoll auf Jessicas Schulter nieder und warf Sienna einen hochnäsigen Blick zu, als ob er wüsste, dass sie sich ausnahmsweise nicht über seine Ankunft freute. Sie beugte sich hinab, um ihn in den weichen Federn am Hinterkopf zu kraulen. Sogleich wurde sein Ausdruck entspannter.
„So... Hier sind die Brownies und etwas Sahne. Eure Mutter hat noch den Kirschkuchen gezaubert." Mit einem sanften Scheppern schwebte die Tortenplatte herbei. Dahinter lief eine leichtfüßige Frau, die einen geschwungenen, dünnen Zauberstab etwas erhoben hielt, der auch eine Kanne Kakao hinter ihr her fliegen ließ. Als Sienna, Jessica, deren Vater, Mutter und Großmutter um den storchenbeinigen Tisch auf Stühlen saßen, die wild zusammengewürfelt mit verschiedenen Sitzbezügen schienen, ließ der Wind die umstehenden Bäume rascheln.
„Mama, darf ich dir beim Kuchenschneiden helfen?" Jessica hüpfte ganz aufgeregt auf ihrem Hocker auf und ab. „Lass sie nicht zu oft mit dem Zauberstab wedeln, Jenna, sonst treffen wir diesmal wirklich einen Gnom oder sogar Gismoe", sagte Oliver lachend, doch trotzdem mit gewisser Ernsthaftigkeit, zu seiner Frau. Jenna zog den Stab aus einer Tasche und ließ Jessica ihr zierliche Hand auf die ihre legen, bevor sie das Messer magisch in die Luft hob und in die Torte schnitt.
Mit einem lauten Platschen landete ein Stein in dem Kuchen. „Ferdinand!", rief Jenna, stand auf und griff den Gartengnom bei den Ohren, um ihn im hohen Bogen rauszuschmeißen. Jessica gefiel das allerdings garnicht, sodass sie aufstand, um ihren Lieblingsspielgenossen zu verteidigen. Die Familieneule schien den Streitpunkt zwischen Mutter und Tochter zu spüren. Wie so oft, wenn Gismoe merkte, dass Jessica etwas nicht gefiel, ließ sich der Bartkauz auf ihrer Schulter nieder und begann lautstark sein allerschönstes Geschrei von sich zu geben. In all dem Chaos kam noch eine zweite Eule geflogen, die elegant auf der Tischplatte landete. An einem ihrer beiden dünnen Beine war ein Brief mit rotem Siegel befestigt. „Der Brief von Hogwarts", sagte Sienna noch ungläubig, dass es endlich so weit war.
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Sienna Stelthin und die Welt hinter dem Glas (HarryPotterFanFiction)
FanfictionSienna verbrachte ihre ganze Kindheit bei ihrer liebevollen Zaubererfamilie und fieberte lange darauf hin, endlich in die Schule für Hexerei und Zauberei Hogwarts zu gehen. Nun soll es so weit sein; ein neuer Lebensabschnitt beginnt, der andere Hera...
