Kapitel I

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Ich hatte schlecht geschlafen und war dementsprechend müde. Ausgerechnet heute, an Magalys Verbindungszeremonie! Der Gedanke an meine Freundin besserte meine Laune augenblicklich. Wir hatten nie viel zu feiern, weshalb es immer etwas Besonderes war, wenn zwei Menschen ihre Bindung offiziell machten. Der ganze Clan feierte mit! Deswegen waren auch sehr viele Vorbereitungen notwendig. Heute hatte ich alle Hände voll zu tun.

Ich zog mich eilig an und öffnete die Zeltwand. Im ersten Moment nahm mir die junge Morgensonne die Sicht. Nach einigem Blinzeln hatten sich meine Augen an das Licht gewöhnt und ich konnte feststellen, dass bereits ein herbes Treiben im Clan herrschte. Da es noch recht früh war, wunderte es mich nicht, dass das Gras noch von Reif überzogen war.

Ich stapfte, mir die Arme reibend, zum Lagerplatz, um mir ein Stück Brot zu holen, das auf einen Tisch unter dem freien Himmel gestellt worden war. Normalerweise wurden die Essensrationen am großen Lagerfeuer verteilt, aber heute blieb keine Zeit dafür.

Ich kaute gerade genüsslich, als der blonde Lockenschopf meiner Freundin neben mir auftauchte. Vor lauter Vorfreude biss sie sich auf die Unterlippe und zog grinsend die Augenbrauen hoch.

„Was machst du hier? Du sollst dich doch ausruhen!", mahnte ich sie gespielt böse.

„Weiß ich.", wehrte sie sich, „Aber du kennst mich doch! Wie könnte ich jetzt untätig herumsitzen und den anderen beim Arbeiten zuschauen? "

Ich sah Magaly besorgt an. „Du machst dir wieder Gedanken." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie schaute schuldbewusst zurück.

Ich wollte ihr gerade versichern, dass alles gut werden würde und sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, als sie sagte: „Was, wenn etwas schiefgeht? Wenn das Kleid mir nicht richtig passt? Wenn ich stolpere oder husten muss oder - "

„Schsch! Das will ich heute nicht hören! Das Kleid hat bisher jeder Frau perfekt gepasst. Du wirst wunderschön sein! Du bist drei Jahre älter als ich und benimmst dich wie ein Kleinkind! Reiß dich zusammen!"

„Jawohl, meine Gebieterin!", sagte Magaly und machte einen Knicks vor mir. Wir brachen in lautem Gelächter aus, doch leider währte diese Stimmung nicht lange. Ich kannte meine Freundin schließlich schon viel zu lange und konnte ihr im Gesicht ablesen, wie nervös sie innerlich war.

„Kompromiss: Du hilfst mir die Tische aufzustellen und dafür lenkst du dich von deinen Sorgen ab."

„Einverstanden."

##

Wir hatten keine Zeit für eine Pause und arbeiteten den ganzen Tag. Hier war etwas noch nicht gut und dort musste noch etwas geändert werden. Wir vergaßen die Zeit dabei und redeten nicht viel miteinander. Das Gute daran war, dass Magaly tatsächlich abgelenkt schien, doch dafür stank sie am Nachmittag nach Schweiß.

Die Sonne schien unermüdlich auf unsere Köpfe und wärmte die Luft. Der Sommer versprach dieses Jahr recht warm zu werden. Irgendwann am Nachmittag stieß Magalys Kusine Lora zu uns, um die werdende Gebundene für den großen Abend zurecht zu machen. Die beiden winkten mir zu, dann waren sie hinter dem nächsten Zelt verschwunden. Ich lächelte vor mich hin während ich den Tischen eine blumige Dekoration verpasste.
Nachdem ich mich gewaschen und mein Festgewand angezogen hatte, machte ich mich auf den Weg zum Lagerplatz. Das Feuer brannte schon, obwohl die Sonne noch am Himmel stand. Die Leute versammelten sich langsam alle. Ein alter Mann spielte ein traditionelles Clanlied auf seiner Zither, während der Clan sich am großen Lagerfeuer versammelte. Es wurde immer dunkler, das Feuer versprühte glühende Funken in die Nacht. Es schwirrten sogar ein paar Glühwürmchen zwischen den Leuten hin und her. Dann schließlich erschien Magaly in ihrem ockerfarbenen Gewand, das seit Generationen im Clan weitergereicht wurde. Die Menschen machten ihr den Weg zu ihrem zukünftigen Gefährten frei. Ich stellte mich auf eine Bank, um Magaly besser sehen zu können. Der Moment war magisch, man konnte die Luft fast knistern sehen. Meine Freundin bemerkte mich und grinste mir entgegen. Linus, der Mann der Stunde, wartete bereits ungeduldig vor dem großen Lagerfeuer. Er war ein netter Kerl, der ständig einen frechen Spruch auf Lager hatte. Ich mochte ihn und freute mich für das Paar. Er hatte im Augenblick nur Augen für Magaly. Als sie ihn schließlich erreichte, tunkte sie ihre Hände in eine Schüssel mit Kohlestaublösung und zeichnete dem zukünftigen Gebundenen die Rune der Verbundenheit auf die Stirn. Linus tat es ihr gleich und als beide das Zeichen trugen, küssten sie sich im Schein des Feuers. Der Clan jubelte und Blumen wurden in die Luft geworfen. Einige landeten im Feuer und verbrannten.

##

Wir tanzten bis spät in die Nacht. Die dargebotenen Getränke ließen die allgemeine Stimmung immer lockerer werden. Magaly verbrachte den ganzen Abend mit Linus. Ich hatte nur einmal die Gelegenheit bekommen, kurz mit ihr zu sprechen, doch sie schien zu überwältigt für lange Gespräche zu sein. Irgendwann setzte ich mich auf eine Bank, um eine kleine Verschnaufpause zu machen. Meine Augen brannten und der Schweiß lief mir am Rücken hinab. Doch schon nach ein paar Minuten kam ein kleines Mädchen zu mir und nahm mich bei der Hand. Ich ließ mich von ihr zurück zur Tanzfläche ziehen, um mit ihr weiter zu tanzen. Ich schätzte die Kleine auf sieben oder acht Jahre. Ihr Gesicht war mir bekannt, doch ihr Name wollte mir nicht einfallen. In ihrem Kleidchen und mit den zu Zöpfen geflochtenen Haaren sah sie überaus niedlich aus.

Das nächste Lied, das gespielt wurde, war langsamer. Viele Leute bildeten Paare und schmiegten sich aneinander. Ich nahm das Mädchen auf den Arm und drehte mich um die eigene Achse. Aus dem Augenwinkel entdeckte ich Magaly. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf an Linus geschmiegt. Ich war so glücklich für meine Freundin. Sie war der sanfteste, ehrlichste und warmherzigste Mensch, den ich kannte. Wenn das Schicksal kein gutes Leben für sie vorbestimmt hatte, wusste ich mit der Welt nichts mehr anzufangen.

Der Kleinen in meinen Armen sackten die Augen zu.

„Wie heißt du?", flüsterte ich ihr ins Ohr.

„Jo.", murmelte sie. Dann war das Lied vorbei. Ich ließ Jo auf den Boden und sie rieb sich die Augen.

„Bist du müde?", fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf. Das nächste Lied war wieder schneller und lauter. Ich wollte Jo in ihr Zelt begleiten, doch sie weigerte sich. „Noch dieses Lied! Bitte! Bittebittebitte!"

Also tanzte ich noch ein paar Minuten mit ihr, bevor sie in meinen Armen einschlief. Ich brachte sie aus dem Lager und fragte herum, wo die Mutter der Kleinen war. Man schickte mich zu einem Zelt, das ziemlich klein, aber gemütlich wirkte. Im Inneren saß eine Frau, die den Kopf hob. Offensichtlich erwartete sie ein weiteres Kind, denn ihre Hand ruhte auf ihrem rundlichen Bauch. Als ich Jo sanft auf ein Fell legte, lächelte sie mich dankbar an.

Dann ging ich zurück zum Fest. Irgendwann stolperte ich todmüde in mein Zelt und sank glücklich in meine Felle, wo ich sofort einschlief.

Die Sage der WüstenhexeWhere stories live. Discover now