Kapitel 1: Frei wie der Wind

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"Menilly,wo bist du?" hörte ich Ma's Stimme. Ich riss den Kopf hoch und blickte in die Richtung,aus der ihre Stimme kam.
Ich sah die Herde nicht mehr.
Ich bin außer Sichtweite gekommen!
„Ich bin hier!" rief ich zurück.
Ich machte einen Bocksprung und galoppierte den Hügel hinauf,wo ich dann schließlich die Herde wieder vor Augen hatte.
Eine zierliche,helle Falbstute blickte in meine Richtung.
Als ich sie erreichte,schubste ich sie lieblich mit den Nüstern an.
„Menilly,ich habe es dir schon tausend mal erklärt: geh nicht außer Sichtweite, und schon gar nicht in den Wald!" zog sie mich auf.
„Aber ich war nicht im Wald! Und ich wollte auch nicht verschwinden,ich war so konzentriert... und selbst wenn - ich kann auf mich selbst aufpassen!" protestierte ich.
„Ich weiß,Nilly. Du bist der stärkste und klügste Fohlen,den ich jemals begegnet bin. Aber wenn dir ein Wolf oder ein Zweibeiner in den Weg kommt,dann bist wehrlos. Und meine Aufgabe ist es,dich zu beschützen." erklärte sie mit sanfter Stimme und leckte mir zart über das linke Ohr.
„Ist schon gut,Ma." schnaubte ich enttäuscht.
Plötzlich bemerkte ich Canotina und die Zwillinge Shiok und Wayana. Sie spielten Fangen!
Ich ließ Ma stehen und trottete verspielt zu ihnen.
„Ich spiele mit!" wieherte ich und stieg spielerisch auf die Hinterbeine.
„Nilly ist die Fängerin!" rief Shiok und rannte verrückt los.
Ich wartete keine Sekunde,ich sauste hinter ihn her.
„Na warte,ich kriege dich!" rief ich lachend.
„Hey du! Hier bin ich! Fang mich doch!" rief Canotina und peitschte aufgeregt mit dem Schweif. Ich rannte auf sie zu,doch sie sprang geschickt weg.
Ich konnte nicht sofort anhalten und stolperte. Ich stieß gegen das schwarze Fohlen,der uns wohl beim Spielen zuschaute. Wir landeten beide etwas ungeschickt auf dem Boden.
Es war Coyote,der älteste Hengstfohlen in der Herde!
„Es tut mir leid! Ich bin so ungeschickt..." wieherte ich entschuldigend während ich mich bemühte,wieder auf die Hufen zu kommen.
„Ist schon in Ordnung." schnaubte er und lächelte mich an.
Seine eisblauen Augen leuchteten.
„Willst du nicht mitspielen?" fragte ich ihn freundlich.
„Doch gerne! Wenn das deinen Freunden nichts ausmacht..." antwortete er verlegen.
Ich warf ein Blick zu Cati,sie nickte freundlich.
Wir setzten das Spiel fort. Wir spielten,bis wir nicht mehr konnten. Dann legten wir uns in den Grass und redeten und lachten bis Sonnenuntergang. Ich hätte mir mein Leben nicht besser vorstellen können!

Am nächsten Tag war ich früher aufgewacht,als normalerweise. Die Sonne war noch nicht einmal richtig aufgegangen und der Himmel färbte sich gräulich.
Ich merkte,dass ich nicht mehr einschlafen konnte also stand ich auf.
Ich schaute mich um doch keiner war wach. Nicht einmal Cati oder Coyote,die eigentlich immer schon vor mir wach waren.
Ich schlich mich an den schlafenden Pferden vorbei und ging zum Hügel. Von hier aus konnte man fast den ganzen Tal sehen. Die Tannenwälder,die im Morgengrauen träge vom Dunst bedeckt waren und die großen,grünen Wiesen,die sich endlos im Tal erstreckten.
Dann blickte ich zum Himmel empor. Ein Stern glänzte immer noch am Himmel.
Es war der Polarstern!
Ma hatte mir mal was davon erzählt.
„Solltest du dich jemals verirren,dann folge den Polarstern. Er wird dich nach Hause leiten." erklärte Ma immer.
Ich verstand jedoch nie wirklich,woher ein Stern wissen soll,wo mein Zuhause ist.
„Schon so früh wach?" hörte ich eine Stimme hinter mir.
Ich drehte mich erschrocken um. Es war Coyote,der schwarze Paint Horse Jährling.
„Ich konnte nicht schlafen..." schnaubte ich. „Und du? Stehst du immer so früh auf?"
„Meistens. Ich liebe den Sonnenaufgang." flüsterte er und blickte in Richtung Graufell Wald,der im Osten lag.
Wir standen eine ganze Weile nur stumm rum und sahen zu,wie sich der östliche Himmel rötlich färbte. Die Sonne jedoch konnten wir nicht erblicken,denn dunkle Wolken versammelten sich ehe die Sonne aufgehen konnte. Man hörte auch schon irgendwo,noch weit entfernt ein Donner grollen.
„Ein Gewitter zieht auf." stellte Coyote fest.
Plötzlich hörte ich aus der Richtung des Graufell Waldes ein klägliches jaulen.
„Eine Wolfswelpe! Ihm ist bestimmt etwas zugestoßen..." rief ich.
„Das ist nicht unsere Sache. Sein Rudel wird ihn schon zu Hilfe eilen." sagte Coyote.
Ich starrte mit gespitzten Ohren zum Wald doch ich konnte keine Pfotengetrappel oder ähnliches vernehmen.
Ein weiteres jaulen war zu hören.
Ich warf ein Blick zur Herde. Einige waren schon aufgestanden und grasten friedlich.
Dann schaute ich wieder zum Wald.
Erneutes jaulen,doch diesmal klang es noch lauter und qualvoller als zuvor.
„Ob du mitkommst oder nicht - ich gehe ihn helfen!" rief ich zu Coyote und rannte los.
Als ich am Waldrande ankam,verlangsamte ich mein Tempo und Coyote holte mich ein.
Ich trabte ohne weiter nachzudenken in den dunklen Fichtenwald hinein.
„Menilly,das ist Selbstmord! Hier lauern überall Wölfe! Was denkst du,wieso lassen uns unsere Eltern es nicht zu,den Wald zu betreten?!"
Ich ignorierte ihn und folgte den fiepen der immer schwächer und leiser zu sein schien.
Plötzlich erblickte ich im Bach etwas kleines,graues.
Mit gesenktem Kopf näherte ich den Bach.
Der kleine Welpe war mit der Hinterpfote zwischen zwei großen Steinen im Bach eingeklemmt. Ein wenig Blut quoll zwischen den Steinen heraus,den man deutlich im klaren Bergwasser erkannte.
„Hilft mir bitte!" fiepte der kleine verzweifelt.
„Natürlich helfen wir!" schnaubte ich freundlich und warf ein Blick zu Coyote,der mit etwas Abstand den kleinen Wolf beobachtete.
Ohne jegliche Hilfe von ihm zu erwarten stieg ich in den eiskalten Wasser. Es ging mir zum Glück nur bis zu den Knien,dem Welpen jedoch war es zu tief und er hatte offensichtlich viel Mühe,sich überhaupt an der Oberfläche zu halten.
Ich steckte mein Kopf unter das Wasser und sah nach,wo das Problem genau lag.
Der rechte Hinterpfote war zwischen zwei Steinen eingeklemmt.
Ich hieb wieder den Kopf,um Luft zu holen.
„Mach dich bereit!" rief ich.
„O-okey..." zitterte der Welpe.
Ich steckte wieder den Kopf unter Wasser und stieß mit voller Kraft gegen den oberen Stein. Er bewegte sich ein wenig und der Kleine konnte gerade noch seine Pfote befreien bevor der Boden unter mir nach gab und ich auf den kleinen Steinen im Bach ausrutschte. Ich ging komplett unter und verlor die Orientierung.
Ich spürte plötzlich,wie ich an der Mähne gepackt wurde und aus dem kalten Wasser ans Ufer gezogen wurde.
„Danke!" bedankte ich mich hustend bei Coyote,der mich im letzten Moment aus dem Wasser gerettet hat. 
Ich blieb auf dem Boden liegen denn ich musste erstmal durchatmen.
Ich spürte plötzlich,wie sich etwas nasses an mich kuschelte.
„Ich danke dir vielmals,Fremde!" rief der kleine Wolf in einer hohen Stimme.
„Mein Name ist Tikaani." stellte er sich vor.
„Schön dich kennenzulernen,Tikaani. Mein Name ist Menilly." sagte ich fröhlich und rollte mich auf den Bauch.
Ein lautes Krachen schreckte mich aus den Gedanken.
„Das Gewitter! Nilly,wir müssen zurück zur Herde!" rief Coyote aufgeschreckt.
„Aber wir können Tikaani nicht hier alleine lassen!" rief ich und hievte mich auf die Beine.
Plötzlich hörten wir Wölfe heulen.
„Der Rudel ruft nach mir! Ihr müsst verschwinden,sie wittern euch schon..." rief Tikaani besorgt.
Bevor wir hätten verschwinden können tauchten überall Wölfe auf.
Sie waren überall!
„Wir sind umzingelt!" rief ich panisch.
„Bleib hinter mir!" zischte Coyote.
Es donnerte erneut und es begann auch noch zu regnen.
Eine zierliche,graue Wölfin trabte zu Tikaani und beschnüffelte ihn. Ihre Rippen zeichneten sich deutlich unter ihren verfilztem Fell ab.
„Tikaani,wo in aller Welt hast du gesteckt? Wir haben überall nach dir gesucht!" schimpfte sie doch sie klang schwach und ihre Stimme war so leise,dass man kaum was verstand. Sie sah sehr jung aus und war eines der kleinsten. Sie packte Tikaani im Nacken und trug ihn hinter den Rudel,der uns immer noch mit gefletschten Zähnen anstarrte.
„Ihr habt meinen Welpen entführt und verletzt! Dafür werdet ihr büßen!" knurrte ein großer,brauner Wolf. Er schien der Anführer zu sein.
„Wir haben deinen Welpen nicht entführt - wir haben ihn gerettet!" debattierte ich.
„Das stimmt,Pa! Ohne ihnen wäre ich schon längst ertrunken! Lasst sie gehen!!" kläffte Tikaani so laut er konnte.
„Nein! Wir haben schon Monate lang kein Pferdefleisch gekostet!" widersetzte er sich wütend Tikaanis bitte.
Einige der Wölfe leckten gierig über die Lefzen.
Ich legte die Ohren an und riss ängstlich den Kopf hoch.
„Irgendwelche Ideen?" fragte ich Coyote zitternd.
Er schnaubte nur ungeduldig.
Wir waren ihnen wehrlos ausgeliefert.
Hätte ich bloß auf die Warnungen gehört...

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