Er galt unter seinen Gleichaltrigen als ein sehr hilfsbereiter und spitzfindiger Zeitgenosse. Dieser Morgen begann wie jeder andere auch mit der Begrüßung der Lehrperson, Erichs präferierten Lehrerin Frau Ludovico, ihres Zeichens passionierte Literatin und schmale Brillenträgerin. Er fand Gefallen an vielen Menschen, an diesem jedoch ganz besonders, da er neben seiner Begeisterung für Modellbauten von Flugobjekten auch einen Faible für sexuelle Romane hatte, was sie wusste. Stets grinsend begrüßte die dürre Lehrkraft alle Schülerinnen und Schüler, doch an diesem Donnerstag blieb kein Heben der Mundwinkel für Erich übrig. Mit ernstem, adlergleichen Blick begleitet durch eine drohende Zornesfalte, erfasste sie den ruhig dasitzenden Streifenfan. Nach dem obligatorischen "Was habt ihr denn gestern unternommen?"-Gesprächen dezidierte sie unseren Helden zu dem vollbartragenden und stolzstrotzenden Schulleiter, der diesen schon gespannt erwartete. Der nichtsnutzige Rest, wie Erich seine Klasse nannte, durfte sich derweil im Kolorieren von Mandala versuchen, was halbherzig gelang, da der böse Rand im Weg war. Auf der Odyssee durch den Fünferflur, vorbei am üblich amerikanischen Wasserspender, passierend den umgedrehten Gemälden und einfachen Nägeln an der Wand, rechts um die Lehrertoiletten entlang, wurde kein einziges Wort gewechselt, da die beiden kein altes Kinderbuch waren, in welchem damals ordinäre Begrifflichkeiten für den heutigen Sprachgebrauch zu Rassismusvorwürfen führen könnten. Ein langer, jedoch hübscher - mit Pollock-Drucken und Informationen an den Wänden bestückter - Gang musste noch bewandert werden, um zu dem gefürchteten Bürozimmer zu gelangen. Frau Ludovico öffnete die Tür und hielt sie mit einem steifen und dürren Arm auf. Der Schulleiter bot Erich einen Platz auf einem - für sein Verständnis von Gemütlichkeit - kommoden bordeauxroten Ledersessel an, während die Lehrerin sich auf einen modellgleichen, jedoch beigen Sessel setzte. Es begannen die unangenehmsten Minuten, die der kleine Pummel jemals erleben durfte. Er wurde malträtiert mit Argumenten. Für alle Beteiligten schien es gar schon abstrus, jedoch sei es die Wahrheit meinte Herr Blume, welcher sein Gerede durch die Worte einer Zeugin stützte. Es stellte sich heraus, dass Erich nicht nur Modellbau und Schmuddelschriften mochte, sondern noch etwas. Ein Bereich der durch und durch abwegig ist und zum Nachhaken einlädt. Ein Metier, dass viele Menschen zu Tode langweilen würde, ihm jedoch den Speichel aus den Mundhöhlen lockte. Verkehrsschilder.
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Die Heimkehr
PoetryEs besitzt die Magie eines frischen Tagebucheintrages, wobei - wie in England - T groß ist.
