Kapitel 1 - Glück gehabt

53 6 2
                                        

Pünktlich um Viertel nach Sechs schritt sie durch den Eingang der Hotellobby, ihren pinkfarbenen Hartplastiktrolley im Stechschritt hinter sich her ziehend. Zweiunddreißig Grad im Schatten und eine Luftfeuchtigkeit, die den Tropen alle Ehre machte, trieben ihr die Schweißperlen auf die Stirn. Das akkurate Make-Up verabschiedete sich langsam und gab rote Hautflecken auf ihren Wangen preis.

Caroline stoppte an der Rezeption und parkte ihren Trolley neben sich. Die Rezeptionistin sprach gerade in einen Telefonhörer, was sie nicht davon abhielt, Caroline ein freundliches Lächeln zu schenken. Sie beendete ihr Telefonat mit einem freundlichen "Auf Wiederhören" und schenkte ihre ganze Aufmerksamkeit der jungen Frau.

"Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte sie motiviert. Caroline erkannte sofort, dass "Frau Cooper", wie es auf ihrem Namensschild stand, Spaß an ihrer Arbeit hatte. Caroline überreichte ihr ihre Buchungsunterlagen und ihre ID.

"Guten Tag, Stans mein Name, ich habe für heute Nacht ein Doppelzimmer gebucht. Also eigentlich mein Chef. Für die Friggs and Becket Media Agency", sagte sie unsicher. Das war das erstes Mal, dass sie für ihren Arbeitgeber reisen musste und das erste Mal, dass sie in einem Hotel übernachtete. Ihre Urlaube verbrachte sie entweder auf Campingplätzen oder in Ferienwohnungen. Manchmal nahm sie auch ein Bed & Breakfast Angebot wahr, sofern denn Geld für einen Urlaub vorhanden war.

Für ihre erste Geschäftsreise hatte sie sich extra neue Kleidung gekauft und von ihrer besten Freundin Anne den pinkfarbenen Trolley geliehen. Sie wollte sich nicht die Blöße geben und mit ihrer schwarzen, löchrigen Reisetasche in dem Vier-Sterne Hotel aufkreuzen. Frau Cooper nahm ihre Reiseunterlagen entgegen und tippte eifrig auf ihrer Tastatur. Kurz darauf überreichte sie Caroline ein Schriftstück, welches sie unterschreiben musste, dann folgte ein Zweites und schließlich ein Drittes. Nachdem alles erledigt war, händigte Frau Cooper Caroline eine Schlüsselkarte aus.

"Mit dieser Karte öffnen Sie nicht nur Ihre Zimmertür. Sie müssen diese im Fahrstuhl ebenfalls einlesen und anschließend das gewünschte Stockwerk wählen. Außerdem haben Sie damit Zutritt zu unserer Hotelbar, dem Wellnessbereich, unserem hauseigenen Fitnesscenter und auch zu der Da Vinci Ausstellung im Zwölften Stock. Die Ausstellung läuft noch zwei Tage, wenn Sie sich für so etwas interessieren. Wenn Sie Hilfe benötigen, dann steht Ihnen einer unserer Angestellten gerne für Fragen zur Verfügung. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Frau Stans. Ab Neunzehn Uhr ist Happy Hour in unserer Lounge." Frau Cooper lächelte sie herzlich an. Augenblicklich verschwand die Nervosität, die sich in den letzten Stunden in Caroline's Magengegend breit gemacht hatte. Sie bedankte sich und ging zum Fahrstuhl auf der gegenüberliegenden Seite der Rezeption. Sie zog ihre Karte durch den Kartenleser und wählte ihr Stockwerk. Ihr Arbeitgeber hatte ihr ein Doppelzimmer im dritten Stock gebucht.

Ihr Zimmer war luxuriöser eingerichtet als ihre eigene, kleine Zwei-Zimmer Wohnung. Erwartungsvoll warf sie sich auf das große Kingsize-Bett, breitete Arme und Beine aus und schaute müde an die Decke. Für den Rest des Abends hatte sie frei und sie überlegte, ob sie die Happy Hour in der Hotel Lounge nutzen sollte. Das bequeme Bett und der anstrengende Tag nahmen ihr die Entscheidung ab. Noch mit Schuhen an den Füßen schlief sie ein.

Caroline schreckte hoch. Sie brauchte einige Sekunden, um sich zu orientieren. Schließlich fiel ihr wieder ein, wo sie war. Sie setzte sich auf und schaute schlaftrunken umher. Da war es wieder, das Geräusch, das sie geweckt hatte. Jemand hämmerte gegen ihre Tür und rief laut "Hallo". Plötzlich öffnete sich die Zimmertür. Ein Hotelangestellter gefolgt von einem Feuerwehrmann trat eilig ins Zimmer.

"Das Hotel wird evakuiert! Los, los, kommen Sie!", rief er ihr zu. Ihre Müdigkeit war verflogen, pures Adrenalin schoss durch ihren Körper. Reflexartig griff sie nach ihrer Handtasche, die ebenfalls neben ihr auf dem Bett lag. Sie wollte nach ihrem Koffer greifen, doch da zog sie der Hotelangestellte bereits am Arm. Der Feuerwehrmann legte seine Hand auf ihre Schulter und schob sie unsanft zur Tür hinaus. Noch bevor sie realisieren konnte, was geschah, fand sie sich in einem verrauchten Flur wieder. Ein weiterer Feuerwehrmann kam zu ihnen und drückte ihnen beide eine Sauerstoffmaske ins Gesicht. Panik breitete sich in ihr aus. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie das Ende des Ganges nicht mehr erkennen konnte. Um sie herum waren plötzlich zwei weitere Rettungskräfte in Begleitung von Hotelgästen. Caroline konnte in der Eile nicht erkennen, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Mit der Maske auf das Gesicht gedrückt, einen Feuerwehrmann vor ihr und einen hinter ihr, hasteten sie gemeinsam das Treppenhaus hinunter. Zu ihrer Verwunderung war dort weniger Rauch, trotzdem presste sie sich die Sauerstoffmaske fest auf das Gesicht. Unterwegs trafen sie auf weitere Rettungskräfte in Begleitung von Hotelangestellten und Gästen. Endlich erreichten sie die Hotellobby, in der es von Feuerwehrmännern wimmelte. Der Bereich vor dem Hotel war in ein blaues Lichtermeer getaucht. Sie wurden aus der Lobby geführt und von Sanitätern empfangen. Eine blonde Sanitäterin mit dicker Hornbrille nahm sich ihrer an und führte sie in schnellen Schritten vom Hotel weg. Caroline wagte einen Blick über ihre Schulter. Mit Entsetzen stellte sie fest, dass fast der gesamte zweite und dritte Stock brannte und das Feuer sich bereits auf die oberen Stockwerke ausbreitete. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, froh darüber, überlebt zu haben. Für weitere Gedanken fehlte ihr die Zeit, denn plötzlich saß sie in einem Krankenwagen. Man nahm ihr die Maske ab und fragte sie nach ihrem Namen und wie sie sich fühle. Nachdem sich die Rettungssanitäter davon überzeugt hatten, dass sie nicht in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste, wurde sie zu einer provisorisch eingerichteten Sammelstelle geschickt. Ein Polizist begleitete Caroline dort hin, denn rund um das Hotel herrschte Chaos. Der Sirenenlärm und die Rufe der Feuerwehrmänner hallten schmerzhaft in ihren Ohren wider. Darüber hinaus war es erstaunlich ruhig. Caroline fielen Menschen mit Smartphones auf, die aus sicherer Entfernung Videos drehten. Betroffene Hotelgäste, die ebenfalls zur Sammelstelle begleitet wurden, flüsterten leise miteinander oder sprachen überhaupt nicht. Ein weißer Pavillon diente als Sammelpunkt. Es wimmelte dort von Polizisten, ahnungslosen Hotelgästen und überforderten ehrenamtlichen Helfern des Roten Kreuz, die ihr Bestes gaben, um die Hotelgäste personell zu erfassen und ihnen mitzuteilen, dass eine nahe gelegene Grundschule als Notunterkunft diente. Ausgerechnet an diesem Wochenende fand eine internationale Automesse und eine beliebte Fan Convention in der Stadt statt, was für ausgebuchte Hotelbetten sorgte. Auch sämtliche privaten Unterkünfte und Bed & Breakfast Betten waren belegt. Die Hotelmitarbeiter arbeiteten eifrig daran, die wenigen freien Betten zu lokalisieren und einige ihrer Gäste dort unterzubringen. Für Caroline bedeutete dies jedoch erst einmal, sich in die Notunterkunft zu begeben und dort auf weitere Informationen zu warten. Sie lief zusammen mit vier weiteren Gästen und einer Hotelangestellten zu der Grundschule. Dort wurden erneut ihre Daten erfasst und ihr ein Armbändchen angelegt. Damit war Caroline berechtigt, sich kostenlos Verpflegung und Bettwäsche von den Organisatoren zu besorgen. Ihre Handtasche fest an ihren Körper gepresst, lief sie direkt in die Turnhalle der Grundschule, wo Helfer immer noch damit beschäftigt waren, Feldbetten aufzustellen, Kaffee und Tee zu kochen und Snacks herzurichten. In der Turnhalle war es gespenstisch ruhig. Einige wenige Gäste saßen auf den Betten. Die meisten standen in kleinen Grüppchen, unterhielten sich leise oder tippten auf ihren Smartphones rum. Caroline kramte ebenfalls nach ihrem Telefon und versuchte, ihren Arbeitgeber zu erreichen. Nachdem ihr das nicht gelungen war, rief sie ihre Mutter an, um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung war. Es dauerte einen Moment, bis sie ihre aufgebrachte Mutter beruhigen konnte und überzeugte, dass sie in besten Händen war und sie sich nicht sorgen müsste. Mit Blick auf den schwindenden Akku ihres Smartphones wimmelte sie ihre Mutter ab. Ihr Ladekabel war in ihrem Trolley und dieser befand sich noch in ihrem Hotelzimmer. Caroline ging davon aus, den Koffer ihrer Freundin nie wiederzusehen, inklusive ihrer neuen Kleider. Seufzend setzte sie sich auf eines der Feldbetten, das am hinteren Ende der Turnhalle stand.

Eine wunderbare NachtStories to obsess over. Discover now