EINS

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E V A N

Mit pochenden Kopfschmerzen gehe ich durch die High-School, die ich von nun an jeden Tag betreten werde. Es ist das erste Mal, dass ich durch diese Flure wandere - und ich habe jetzt schon genug von den Blicken, dem Getuschel und allgemein den vielen Menschen, die sich um mich herum zu ihren Spinden drängen. Ich sehe Hailey, meiner ein Jahr jüngeren Schwester, an, dass es ihr ähnlich wie mir geht, wenn nicht schlimmer. Also lege ich einen Arm um ihre Schulter, damit ich sie ein bisschen von den anderen abschirmen kann, und schleuse uns so zu unseren eigenen Spinden, wo nicht nur die neuen Schulbücher schon auf uns warten. 

Die Zwillinge Joshua und Jonathan stehen bereits lässig gegen das verdellte Metall gelehnt da und sehen uns entgegen. Sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und dass sie die gleiche Kleidung tragen, macht es uns nicht leichter sie auseinanderzuhalten. Nur eine Hand voll Leute wissen von dem kleinen schwarzen Punkt in Jonathans linker Iris. Doch da die beiden trotz dem Schuldach über uns gerade Sonnenbrillen tragen, kann selbst ich meine kleinen 15-jährigen Brüder nicht auseinander halten. Da wir gerade erst in die Stadt gezogen und alle vier neu an der Rosehill-High sind, sind unsere Spinde alle nebeneinander - was sich bestimmt noch als praktisch erweisen wird! Die Zwillinge sind zwei Jahre unter Hailey und mir. Meine Schwester ist zwar jünger als ich, aber da ich das letzte Jahr wiederholen muss, stecke ich immer noch in der nach Schweiß, Parfüm und Essen riechenden Kloake namens Schule fest. 

»Und? Wie sieht euer Stundenplan aus?«, fragt Joshua, woraufhin Hails den Mund missmutig verzieht.  »In der ersten Stunde haben wir beide Spanisch - was eigentlich echt in Ordnung ist -, aber danach hab ich Mathe und Hails Chemie. Wie sieht eurer aus?«, meine ich, als ich die Schulbücher, die ich heute brauche, herauskrame. Die beiden Brüder grinsen breit. »Wir haben genau den Gleichen.«, sagen sie unisono und Hails lässt eines ihrer seltenen Lächeln sehen. Automatisch sind meine Kopfschmerzen erträglicher. 

»Ihr seid die Neuen, oder?«, ertönt eine tiefe Stimme hinter mir und neugierig drehe ich mich um. Hails, Jonathan und Joshua wenden sich ebenfalls dem schwarzhaarigen Muskelpaket zu. Der Typ hat echt verdammt blaue Augen, ist mein erster Gedanke. Mein zweiter ist: Anscheinend hat uns das Alpha-Tier der Schule entdeckt. Ich lasse mich nicht von seinem Blick einschüchtern und halte ihm stattdessen freundlich meine Hand hin. Mein Therapeut wird stolz auf mich sein! »Das sind wir. Ich bin Evan Knight und das sind meine Geschwister Hailey, Joshua und Jonathan.« Ich habe leider keine Ahnung ob ich gerade auf den Richtigen Zwilling gedeutet habe, aber glücklicherweise beschwert sich keiner der Beiden. Sie scheinen zu wissen, dass wir richtige Probleme bekommen, wenn wir es uns mit diesem Typ verscherzen. Ich bin zwar älter als er und mindestens so groß und muskulös, aber er hat die ganze Schule hinter sich - zumindest den respektvollen Blicken unserer Mitschüler nach. 

Der Typ scheint überrascht über mein breites Grinsen und die Höflichkeit, die ich ihm entgegenbringe, und erst nachdem er uns alle vier eine paar Momente lang gemustert hat, ergreift er für einen Sekundenbruchteil meine Hand. »Landon Clark« Er deutet auf zwei Jungen neben sich, die dem Aussehen nach genau wie er und ich im Senior Jahr sind. Die Zwei sind mir bis eben gar nicht aufgefallen, weil so viele auf dem Flur stehen geblieben sind, um zuzuschauen wie Landon die Neuen anpöbelt. »Das ist Tony Rey und das Shane Murray. Ihr solltet euch unsere Namen besser merken.«, er wirft einen anzüglichen Blick zu Hails und zwinkert ihr zu.»Besonders du, Latina.« Ich kneife die Augen zusammen. Helle, heiße Wut rauscht durch meine Adern und ich balle die Fäuste. Ich denke nicht daran wer da vor mir steht, es ist mir nämlich vollkommen egal, als ich einen Schritt nach vorne trete, sodass ich direkt vor Landon stehe, und leise sage:»Wenn du noch einmal meine Schwester anmachst, bekommen wir ein Problem!« 

Landon grinst breit und herausfordernd und ich will schon weitersprechen, als ich Hailey's kleine Hand an meinem Oberarm spüre. Ich weiß wie sie mich anschaut, ohne sie anzusehen. Sie hat Angst davor, dass ich noch einmal die Kontrolle verliere - denn sollte ich das tue, hat das weit größere Konsequenzen für mich als ein Gespräch mit dem Direktor der Schule. Und da ich keine Lust darauf habe, dass sich das Theater vom letzten Jahr wiederholt, trete ich gezwungen grinsend wieder einen Schritt zurück und gehe mit meinen Geschwistern im Schlepptau ohne ein weiteres Wort, aber erhobenen Hauptes, davon. Ich weiß, dass es nicht klug ist jemanden wie Landon Clark einfach stehen zu lassen - und dann auch noch vor so einer großen Zuschauermenge -, aber wenn es um meine Schwester geht, würde ich mich mit jedem Typen der Welt anlegen.

The Non-Speaking GirlWhere stories live. Discover now