„Maniiiiilaaa!“ Meine Stimme hallte laut durch den großen Saal, welcher die Eingangshalle der Burg bildete. „Kommst du bitte endlich? Auch wenn das Taxi vielleicht auf uns wartet… der Flieger tut es ganz bestimmt nicht!“
„Meine Güte.“ Meine beste Freundin und selbst ernannte Schwester verhaspelte sich in ein paar französischen Flüchen, während sie die lange Treppe aus dem oberen Stockwerk herunter gerannt kam. „Ich hatte das hier oben liegen lassen.“, informierte sie mich und hielt mir ein in Leder eingeschlagenes Buch entgegen.
„Ehrlich, das Fotoalbum?“ Ich verdrehte die Augen, während wir beide mit langen Schritten durch die Halle zum Ausgang hetzten.
„Hey, komm schon, das muss unbedingt mit.“, verteidigte sie sich. „Ich hab Stunden daran gesessen. Fili und Kili sollen doch zu sehen bekommen, wie man als französisches Burgfräulein so lebt.“
„Na gut, du hast recht.“, gab ich zu. „Aber wenn wir deswegen das Flugzeug verpassen, haben wir wirklich ein Problem. Ich glaube nämlich kaum, dass Ardatravel auf uns warten wird, nach dem, was wir ihnen letztes Jahr geliefert haben.“
„Pff, als ob es in Mittelerde mit der Landezeit auf ein paar Minuten früher oder später ankommen würde…“
Wir liefen über den großen Vorplatz und bugsierten unsere Rucksäcke in den Kofferraum des Taxis, welches schon bereitstand. So. Es konnte losgehen. Unsere ersten Sommerferien in Mittelerde. Endlich, wir hatten es mittlerweile kaum mehr erwarten können. Das Abenteuer rief uns.
Nicht dass wir uns hier, auf Manilas Burg, die auch ich mittlerweile mein Zuhause nannte, langweilten, aber im Vergleich zu dem, was wir auf unserer Reise quer durch Mittelerde so erlebt hatten, erschienen die Ritterturniere und Mittelalterspektakel mit ihren Schaukämpfen und Trinkgelagen geradezu lachhaft.
Ja, uns beiden war letztes Jahr tatsächlich die Ehre zuteilgeworden, nach Mittelerde zu reisen, dank einer leicht ominösen Reisegesellschaft, die sich selbst „Ardatravel“ nannte und jedes Jahr eine Gruppe von zwanzig Hardcore-Fans per Flugzeug hinüber in die andere Welt verfrachtete und dort auf eine Rundreise schickte, deren Ausgang ungewiss war und für den die Gesellschaft selbst natürlich auch keine Haftung übernahm. Wir beide wussten nur zu gut, warum. Fünf Kameraden aus unserer damaligen Truppe hatten ihr Leben für diese unglaubliche Reise lassen müssen. Allesamt waren sie Orküberfällen, den Gefahren des Düsterwalds oder auch dem Zwist, der auf so einer langen Tour nicht ausblieb, zum Opfer gefallen. Auch ich selbst hätte es fast nicht geschafft, zurückzukehren, da mich eine schwere Vergiftung beinahe umgebracht hatte. Nur dank Kili, dem Neffen des Zwergenkönigs, und Ithilia, einer Elbe, die uns begleitet hatte, lebte ich noch.
Ach Kili… Ich vermisste ihn wirklich. Der junge Zwerg und ich waren uns auf unserer gemeinsamen Reise langsam nähergekommen, doch nachdem Manila und ich entschieden hatten, wieder nach Hause zu fliegen, hielten wir es beide für besser, die Sache zwischen uns lieber zu vergessen. Es hätte ohnehin bloß Probleme gegeben. Trotzdem… Ich hatte keine Idee, wie ich ihm jetzt gegenübertreten, ihn behandeln sollte. Ich konnte schließlich das, was ich damals empfunden hatte, nicht einfach so vergessen. Klar war es dumm und naiv gewesen… aber trotzdem echt.
Ich hatte wegen meiner Krankheit länger in Mittelerde bleiben dürfen, als es mir eigentlich zustand. Thorin, dem König unter dem Berge, war natürlich damals nicht entgangen, dass Manila und mich eine recht starke Freundschaft mit seinen Neffen verband, weswegen er mit Ardatravel ausgehandelt hatte, dass wir beide jedes Jahr im Sommer eine Weile nach Mittelerde kommen dürften, um die beiden zu besuchen.
Und genau an diesem Punkt begann unser nächstes Abenteuer.
Während der gesamten Taxifahrt zum Flughafen merkte man Manila an, wie aufgeregt sie wegen der bevorstehenden Reise war, denn sie redete ununterbrochen. Aus ihrem Mund quollen in einem nie abreißenden Strom von Worten hundert Ideen, was wir zuerst machen könnten, sobald wir im Erebor ankämen sowie weitere unzählige Vermutungen, was sich denn alles verändert haben könnte. Sie fand einfach kein Ende.
Unser Taxifahrer sah sichtlich genervt aus, als er uns noch halbwegs pünktlich endlich am Flughafen absetzte, da er wahrscheinlich bei zwei Drittel von Manilas Redeschwall kaum mehr als Bahnhof verstanden hatte. Zu viel Insider-Vokabular. Erebor oder Bruchtal waren in der Bretagne, wo wir beide wohnten, anscheinend keine sehr geläufigen Ortschaften.
Ich gab dem Fahrer ein bisschen mehr Trinkgeld, als vielleicht nötig gewesen wäre und schob meine Freundin eilig in Richtung der Abfertigungshalle. Sobald wir im Flieger saßen, würden wir erst einmal extrem viel Zeit haben, aber so weit mussten wir es erst einmal schaffen. Denn obwohl wir in der halben Nacht losgefahren waren, schienen die Check-In-Schalter an Menschen nur so überzuquellen.
Unser Ziel für heute: Wellington, Neuseeland. Alle Ardatravel-Flüge gingen von dort. Dementsprechend standen uns jetzt erst einmal gute vierundzwanzig Stunden Flug um die halbe Welt bevor und anschließend würden wir in einem Ardatravel-Privatjet noch einmal genauso lange fliegen, bis wir dann endlich den Erebor erreichen würden.
Oh Mann. So viel Zeit. Insgeheim hoffte ich, dass Manila sehr bald wieder müde werden und somit vielleicht nicht mehr ganz so viel reden würde.
Ja, auch wenn ich sie liebte wie eine leibliche Schwester… ihre Redewut konnte sogar mich irgendwann in den Wahnsinn treiben!
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Ost in-Edlon - Die verborgene Stadt
FanfictionKlein wie eine Zwergin, aber trotzdem schön wie eine Elbe ist die junge Frau, die, während Lucy und Manila den Sommer im Erebor genießen, plötzlich auftaucht und um eine Unterkunft bittet. Ihre Vergangenheit - haarsträubend, geprägt von tiefen Einsc...
