1. Kapitel

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(Lauren)

Der Junge.


"Da bist du ja endlich!" Mia hatte nach meinem kurzen Klingeln sofort schwungvoll die Türe aufgerissen, als hätte sie nur darauf gewartet, das ich den Knopf an der Außenwand ihres Hauses betätige. Ich musste grinsen. Ihr freudestrahlendes Lächeln war breiter als ein Autoreifen und da sie ihren Kopf hin und her bewegte klimperten die langen, goldenen Ohrringe an ihren Ohrläppchen leise. Die schimmernden, mahagonifarbenen Locken hatte sie zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt, den sie nun mit einem heftigen Ruck löste, sodass ihre Mähne sich in glänzenden Wellen über ihren Rücken ergoss. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie lang ihre Haare eigentlich waren. Seit Jahren hatte sie keinen Friseur mehr betreten, was zur Folge hatte, das ihre Haare ihr fast bis zu ihren Knien gingen. „Nein wirklich Lauren, du brauchst erst gar nicht so zu grinsen!" Mia zog einen Schmollmund. „Aber egal. Komm endlich rein. Ich muss dir was zeigen!" Sie wirbelte herum und es sah so aus als bestände das orange-rot- gelbe Gewand, das sie heute trug aus puren Flammen. Dies beeindruckte mich denn sie schneiderte ihre Kleidung selbst. „Willst du dir nicht mal Socken anziehen? Es wird langsam kälter. Am Ende frieren dir noch die Zehen ab!" Mia trug nie Schuhe. Wirklich nie. Na ja außer im Winter, aber was sie da trug, konnte man nicht wirklich als Schuhe bezeichnen. „Nein, nein Lauren. Schuhe oder Socken blocken die Erdenergie ab. Das hab ich dir doch schon hundertmal erklärt!" Ich seufzte. Mia war wirklich ein Dickkopf. Die rote Haustür ließ ich mit einem Krachen ins Schloss fallen – Mia dachte, das vertreibe die bösen Geister – und folgte ihr durch den engen Flur ins Wohnzimmer. 15 Jahre waren ich und Mia jetzt schon befreundet und ich war schon so oft in ihrem Haus gewesen, das mir einfach alles vertraut war; die selbst gemalten Bilder an den Wänden, der blaue Kachelboden und die bunt zusammengewürfelten Zierkissen die in jeder Ecke lagen. Alles hier war mir so bekannt und mit jedem Gegenstand im Haus verband ich eine schöne Erinnerung. „Lauren! Komm doch endlich!" Mia griff nach meiner Hand und zog mich in Wohnzimmer, unserem Lieblingsraum. Die großen Fenster waren mit lila und orangen Tüchern behängt und überall standen Räucherstäbchen und Duftkerzen herum. Auf dem Boden lagen hohe Kissentürme und dazwischen kleine Tischchen mit Obst. An den Wänden hingen weitere Bilder und in einer Ecke stand eine Staffelei. Das Zimmer war fast so wie immer, nur eine Sache war verändert. Auf der Staffelei stand eine große Leinwand mit einer halbfertigen Zeichnung. Sie zeigte einen etwa 17- jährigen Jungen mit einem goldenen Schwert in der Hand. Mia goss gerade eine Tasse Tee ein, sodass sie nicht merkte, dass ich das Bild anstarrte. Und da bemerkte ich es. Da war nicht eine Zeichnung des Jungen, nein, da waren Dutzende! Überall in der Ecke standen übereinander gestapelt oder an der Wand gelehnt Leinwände und auf jeder die ich sah, erkannte ich das kantige Gesicht des Jungen. Er hatte helle Haare, soviel konnte ich erkennen, denn bis auf das Schwert waren alle Bilder schwarz-weiß. Zitternd kniete ich mich hin und griff nach den Gemälden, sah alle durch. Jedes zeigte den Jungen und das Schwert in einer anderen Perspektive und auf jedem war er in einer anderen Situation: mal mit erhobenem Schwert, wutverzerrten Gesicht, den Mund weit aufgerissen zum Kampfgebrüll und mal mit wehendem Haar, das Schwert in den Boden stoßend und siegessicheren Grinsen. Warum ich wusste das er kämpfte? Mia hatte es gemalt. Viele Bilder zeigten es: der Junge und sein Schwert, ganz allein, gegen eine Armee. Eine Armee aus Kämpfern in dunklen Hosen und Hemden, die Brust, Beine, Arme und Hände gepanzert, große und kleine, junge und alte und allen stand die Verachtung ins Gesicht geschrieben. „Mia..." stammelte ich: „Mia...was...was sind das für Zeichnungen?" Mia sah auf. Schmunzelnd kam sie zu mir herüber, legte mir die Hand auf die Schulter und kniete neben mich. „Lauren, es ist das, was ich dir zeigen wollte." Ein Windstoß wehte durch ein offenes Fenster und brachte einen Stapel Schmierblätter durcheinander, wieder Skizzen von dem Jungen aber es waren auch andere dabei. Ich griff danach. Die Skizze zeigte eine weiße Burg in einer trostlosen Schneelandschaft. Mia nahm mir das Blatt aus der Hand und betrachtete es. "Die Adamant Zitadelle. Eine besonders schöne Zeichnung. Wirklich gut gelungen." Wie bitte? Adamant Zitadelle? Ich verstand gar nichts mehr. „Mia... Erklär mir das bitte. Warum malst du immer dasselbe und warum so oft? Ich war doch erst vorgestern Nachmittag das letzte Mal hier, wie kannst du in der kurzen Zeit so viel gemalt und gezeichnet haben! Ich verstehe das nicht!" Mia seufzte und ließ den Kopf hängen. „Nun zu aller erst Lauren musst du wissen, dass ich nur so viel malen konnte da ich seit vorgestern nicht mehr geschlafen habe." Ungläubig sah ich sie an und zum allerersten Mal viel mir auf das sie dunkle Ringe unter den Augen hatte und auch ihre Haltung sehr müde wirkte. Mia lächelte erschöpft. „Mach dir jetzt bloß keine Sorgen Lauren, ich werde schon wieder schlafen." sie drehte den Kopf zu den Leinwänden und begutachtete diese „....wenn ich herausgefunden habe was diese Bilder bedeuten." Mia erhob sich schnaufend schnell sprang ich auf, um ihr zu helfen und geleitete sie zu einem der Kissenhaufen. Erschöpft ließ sie sich hineinfallen. „Also es ist so Lauren, ich male so viel, weil ich es muss." „Wie meinst du das?" erschrocken sah ich auf. Ich hatte mich auf einem Kissen ihr gegenüber niedergelassen und sah sie nun entsetzt an. Wurde sie erpresst? Zwang jemand sie immer und immer wieder dasselbe zu malen? „Mia, was ist los? Zwingt dich jemand diese vielen Zeichnungen anzufertigen?" „Nein Lauren natürlich nicht. Es ist weitaus komplizierter." „Dann erklär es mir! Erklär mir, was hier vor sich geht Mia!" Sie seufzte schon wieder. „Gut ich erkläre es dir, aber bitte unterbrich mich nicht." „Ja, ja ich werde ganz ruhig sein aber bitte fang endlich an." Sie seufzte zum wiederholten male und nahm ein Schlückchen von ihrem gelben Tee. Er roch nach Zitrone und Ingwer. "Angefangen hat alles, als du das Haus verliest. Ich habe die Tür zugeknallt, um die bösen Geister zu vertreiben und ging ins Wohnzimmer. Die Musik, die wir gehört hatten, lief noch immer und ich ließ mich in die Kissen sinken und trank eine Tasse Tee, doch plötzlich veränderte sich die Musik, sie wurde immer lauter. Erst dachte ich der CD-Player sei kaputt doch gerade als ich aufstehen und ihn abschalten wollte wurde mir schwarz vor Augen. Ich stolperte, stieß mehrere Tische um und fiel auf den Boden. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Gerade als ich es mit der Angst zu tun bekam, legte sich eine merkwürdige Taubheit über mich, als wären meine Ohren mit Watte ausgestopft. Ich schnappte nach Luft, doch ich konnte nicht atmen, der Sauerstoff erreichte meine Lunge nicht. Da bekam ich erst recht Panik, ich war mir sicher, dass ich ersticken würde." Mia nahm noch einen Schluck von ihrem Tee und atmete tief ein. Gespannt sah ich sie an. „Erzähl weiter Mia! Was ist dann passiert?" „Ja, ja ich mache ja schon. Also...alles war schwarz, ich hört nichts mehr und ich drohte zu ersticken. Doch dann sagte ich mir, ich müsste nur die Augen aufmachen, dann wäre alles vorbei, dann wäre alles wie vorher. Mühsam riss ich die Augen auf. Und sobald ich die Augen auftat wollte ich sie sofort wieder schließen. Das konnte doch nicht war sein, das war nicht möglich sagte ich mir. Schnell machte ich die Augen zu, zählte langsam bis 10 und öffnete sie wieder. Ich erschrack zum zweiten Mal. Alles war weiß. Vor mir lag eine weiße, kalte Winterlandschaft. Und trotz dem Schnee und obwohl es doch andscheinend Winter war, fror ich nicht. 'Nun', dachte ich mir, 'wenn du schon mal hier bist, kannst du ja auch gleich schauen, wo du überhaupt bist.' Also stapfte ich los, durch den tiefen Schnee. Ich war barfuß, doch den Schnee spürte ich nicht. Schon nach 10 Minuten erreichte ich einen Hügel, ich stieg hinauf, weil ich hoffte von dort oben eine bessere Aussicht zu haben. Und das erste, was ich sah, als ich angekommen war, war eine riesige, schimmerndweiße Burg. Ich blinzelte, erst die Winterlandschaft und jetzt diese Burg. Das durfte doch nicht war sein. Da wusste, ich noch nicht was ich sehen würde, sobald ich den Kopf drehte. Und glaub mir der Anblick, der sich mir neben der Burg bot, war alles andere als erfreulich. Eine Schlacht. Eine riesige, tobende Schlacht. Bestürzt rannte ich den Hügel hinunter. Mitten in den Kampf. Es war ein Kampf um Leben und Tod, das war mir von Anfang an bewusst und doch versuchte ich die Kämpfer zu stoppen. Der Schnee war rot vom Blut und ich rutschte viele male aus, während ich brüllte 'Hört auf! Hört sofort auf!' Natürlich wusste ich das ich keine Chance hatte, aber ich gab nicht auf. Ich war so beschäftigt, damit die Kämpfenden zu beruhigen, dass mir gar nicht auffiel das mich niemand, wirklich keiner, bemerkte. Bis ich mich zwischen zwei Krieger stellte, der eine in schwarzer, der andere in roter Kampfmontur. Ich stellte mich vor den Schwarzen bereit den Roten dazu zu bringen ihn nicht mehr anzugreifen, als ein anderer Kämpfer in roter Kleidung angerannt kam. Es war ein großer, breiter Mann der mir und dem schwarzen Krieger das Schwert in die Brust stieß. Ich schrie. Ich schrie so laut, dass jeder auf dem Schlachtfeld mich einfach hören musste. Einen Moment, eine kleine Millisekunde war ich der festen Überzeugung, dass ich das Gemetzel beendet hatte, doch dem war nicht so. Alle kämpften unbesonnen weiter, schlachteten sich gegenseitig ab. Erschöpft sank ich in den blutgetränkten Schnee und brach in Tränen aus. Das Ganze war nur ein böser Streich meines Gehirns. Das alles war nicht echt. Bis auf meine Angst. Sie war echt und überrollte mich wie eine Lawine. Ich zitterte und bebte, während mir die Tränen nur so übers Gesicht liefen." Mia schwieg. Sie atmete nur flach, das Erzählen hatte sie sichtlich erschöpft. „Geht es dir gut?", fragte ich zögerlich. Nickend flüsterte sie:"Ja es geht schon wieder." In diesem Moment kam sie mir so unendlich alt vor, wie sie da zitternd an ihrem mittlerweile wahrscheinlich schon kalt gewordenen Tee nippte. „Was..was ist dann passiert?", fragte ich leise. „Ja. Tatsächlich komme ich jetzt erst zum Hauptteil." antwortete Mia. Sie lächelte schwach. Es fiel ihr sichtlich schwer sich zum weiter erzählen zu bewegen. „Als ich eingesehen hatte das ich nicht von dort flüchten konnte da ich in meinem eigenen Kopf gefangen war, krabbelte ich zitternd an den Rand des Hügels und lehnte mich gegen einen Felsen. Ich sah dem Gemetzel weiter zu und wartete darauf das ich in mein gemütliches Wohnzimmer zurückkehrte. Ich wusste zwar noch nicht wie, doch ich war mir sicher, ich würde es schaffen." Nochmals nippte sie an ihrem Tee. „Keine Ahnung wie lange ich dort saß. Eine Stunde? Vielleicht zwei? Auf jeden Fall bemerkte ich irgendwann eine schleichende Veränderung der Atmosphäre. Die schwarzen Kämpfer wurden angespannter, hektischer. Sie bemerkten was auch ich langsam bemerkte. Sie waren dabei zu verlieren. Ich für meinen Teil hatte keinen blassen Schimmer, ob das nun gut oder schlecht war." Mia atmete tief ein. Ich wusste das nun der Hauptteil der Geschichte folgte. „Und da sah ich ihn." fuhr sie fort. Ihre Augen schimmerten während sie weiter erzählte. „Er hatte ein großes Schwert in der Hand und trug eine schwarze Kampfmontur und war von einem goldenen Schein umgeben, so als wolle irgendjemand das ich ihn entdeckte. Er brüllte und streckte einen Feind nach dem anderen nieder. Ich wusste, er war der Gewinner dieser Schlacht. So jemand konnte nicht verlieren. Er kämpfte sich tapfer weiter bis zur Mitte vor. Zu einem schwarz haarigen, jungen Mann dessen grimmig drein blickenden Augen nur auf ihn gerichtet waren. Und plötzlich stürmte der Mann aus der Mitte auf den blonden Jungen, zu er schrie und hatte sein Schwert erhoben. Der Kämpfer in schwarzer Montur stürmte ebenfalls los und plötzlich prallten ihre hocherhobenen Schwerter gegeneinander. Als ihre Klingen sich trafen ertönte ein Mark erschütternder Schrei und ich wurde umgeworfen, mein Kopf schlug gegen den Felsen und mir wurde schwarz vor Augen das Letzte an das ich mich erinnern kann ist ein großes, goldenes Licht das alles umhüllte. Aufgewacht bin ich wieder hier auf meinen Kissen." Ich sah sie an. „Mia das erklärt immer noch nicht warum du all diese Bilder gemalt hast." Ich sah sie fragend an. „Ganz einfach, weil ich es nicht vergessen will." Sie zog einen Stift und einen Notizblock aus ihrem Gewand hervor und notierte sich etwas. „Was schreibst du?", fragte ich neugierig während ich versuchte einen Blick auf das vorderste Blatt zu erhaschen. „Ach nichts Wichtiges. Nur den Namen des blonden Jungen. Er ist mir gerade wieder eingefallen." schmunzelnd legte sie den Block auf den Boden, natürlich so das ich den Namen nicht erkennen konnte. „Und wie heißt er?" Jetzt hatte sie mich. Ich wollte unbedingt den Namen des Jungen wissen. Sie stand immer noch lächelnd auf und stellte sich mit dem Rücken zu mir ans Fenster. „Oh, er hat viele Namen doch, der den ich mir notiert, habe ist sein richtiger. So wie ihn am Ende alle nannten." Langsam drehte sie sich um. Sie sah mir tief in die Augen, bevor sie feierlich flüsterte:"Sein Name ist Jace. Jace Herondale. „Und kaum hatte sie den letzten Buchstaben seines Namens gesagt brach die Decke über unseren Köpfen zusammen und alles wurde schwarz.

Black ShadowsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt