Claire Stanton schaltete die Scheibenwischer eine Stufe höher und versuchte, durch den strömenden Regen die Straße zu erkennen. Dichte Wassermassen prasselten auf die Windschutzscheibe. Sie war bereits seit dem frühen Morgen unterwegs und merkte, wie ihre Konzentration langsam, aber sicher nachließ.
Anfangs hatte sie es noch genossen, über die einsamen, kurvigen Landstraßen zu fahren, aber gegen Mittag hatte es begonnen zu regnen und das sanfte Grün der Wiesen war in ein verschwommenes Grau übergegangen. Müde warf sie einen Blick auf die Uhr. 18.30 Uhr. Es wurde allmählich dunkel und sie hatte seit einer gefühlten Ewigkeit kein Ortsschild mehr gesehen.
Claire war zum ersten Mal in Irland. Am Vortag hatte sie von England aus die Fähre genommen und die Nacht in einem kleinen Motel unweit von Dublin verbracht. Die Fahrt bis zur Westküste hatte länger gedauert als geplant und sie wusste, dass sie in absehbarer Zeit eine Pause brauchte.
Ihr Magen knurrte. Außer einem leichten Mittagessen und mehreren Tassen Kaffee hatte sie an diesem Tag nichts zu sich genommen. Sie strich sich das schulterlange, rote Haar aus dem Gesicht und gähnte. Es konnte nicht mehr weit sein, machte sie sich selbst Mut. Höchstens noch eine halbe Stunde, dann konnte sie sich ausruhen, etwas essen, eine heiße Tasse Tee genießen ...
Wenigstens hatte der Wagen durchgehalten. Sie hatte ihren alten, roten Mini mit nach Irland gebracht, um die Gebühren für einen Mietwagen zu sparen. Die Scheibenwischer huschten hektisch von einer Seite zur anderen und waren mit den sintflutartigen Regenfällen offensichtlich hoffnungslos überfordert.
Zu ihrer Rechten fiel die Straße zum Meer hin steil ab. Claire wechselte in den zweiten Gang und drosselte das Tempo. Es war ohnehin schon waghalsig, bei einem solchen Wetter auf der Straße zu sein. Da musste sie nicht auch noch rasen.
Aber sie war erschöpft und wollte endlich an ihrem Ziel ankommen. Die Fahrt war nicht nur extrem anstrengend gewesen, sondern hatte ihr auch noch mehr als genug Gelegenheit gegeben, um über ihr Leben nachzudenken. Wobei es an ihrem Leben eigentlich nichts auszusetzen gab!
Claire Stanton war eine moderne, junge Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben stand. Sie hatte einen großen Freundeskreis und verschiedene interessante Hobbys. Außerdem konnte sie hart und ausdauernd arbeiten, weshalb es ihr gelungen war, eine relativ erfolgreiche Immobilien-Agentur zu gründen, die Wohnungen zu erschwinglichen Preisen vermittelte.
Das Geschäft lief noch nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte, aber Claire arbeitete immerhin selbständig und war unabhängig. Beides vermittelte ihr ein gutes Gefühl.
Und doch ...
Ohne, dass sie es verhindern konnte, wanderten ihre Gedanken zurück zu Wesley. Vor einigen Tagen hatte sie ihn zufällig gesehen, wie er in der Londoner Innenstadt aus seinem Wagen stieg. Er hatte sie nur flüchtig gegrüßt und war rasch weitergegangen, als sei es ihm unangenehm, ihr zu begegnen.
Grübelnd nagte sie an ihrer Unterlippe. Er hatte gut ausgesehen, dachte sie verstimmt, in einem perfekt sitzenden Anzug, das blonde Haar kurz geschnitten.
Ob er wohl glücklich war?
Sechzehn Monate waren sie zusammen gewesen und Claire hatte fest daran geglaubt, dass sie eines Tages heiraten und Kinder haben würden. Bis er sie kurz vor der Hochzeit wegen einer Kollegin namens Isabel sitzen gelassen hatte.
Obwohl das alles jetzt fast zwei Jahre zurück lag, tat es immer noch weh. Inzwischen hatte die hübsche Isabel Claires Traum vom Eheglück mit Wesley in die Tat umgesetzt. Und nach dem, was man so hörte, sollte es sogar eine gute Ehe sein.
Claire umfasste das Steuer fester und versuchte, Wesley aus ihrem Kopf zu verbannen und sich auf die Straße zu konzentrieren. Sie brauchte ihn nicht. Sie brauchte im Grunde überhaupt keinen Mann in ihrem Leben! Außerdem war ja ohnehin bekannt, dass Männer nur Probleme brachten – sie war auch so glücklich, oder etwa nicht?
Inzwischen war es fast vollständig dunkel geworden. Immer noch strömte der Regen mit unverminderter Wucht auf die protestierenden Scheibenwischer, die bei jeder Bewegung ein Quietschen von sich gaben. Besorgt fragte sie sich, wie sie bei dieser schlechten Sicht den Ort Kinbally und das alte, verlassene Haus finden sollte, das ihre Tante Lucy ihr in dieser menschenleeren Gegend hinterlassen hatte.
Sie bedauerte, nicht auf den Rat des Motelbesitzers gehört zu haben, der sie am Morgen vor einer drohenden Schlecht-Wetter-Front gewarnt hatte. Hätte sie auch nur den leisesten Schimmer gehabt, was sich ein Ire unter einer Schlecht-Wetter-Front vorstellte, hätte sie die Reise verschoben und wäre stattdessen in ihrem gemütlichen Zimmer geblieben. So aber riskierte sie hier Kopf und Kragen, um sich ein Haus anzuschauen, das sie ohnehin nicht wollte.
Donner grollte. Claire warf einen nervösen Blick zum Himmel, der prompt von einem blendend hellen Blitz zerteilt wurde. Gleichzeitig tauchte etwas Großes, Unförmiges im Licht der Scheinwerfer auf. Eine Kuh!
Fieberhaft versuchte sie, den Wagen zu einem Ausweichmanöver zu bewegen. Reifen quietschten und die Kuh blieb unversehrt hinter Claire zurück. Im selben Moment blinkten vor ihr zwei Lichter auf. Claire drückte auf die Hupe und riss das Steuer nach rechts. Auch der Fahrer des anderen Wagens reagierte, denn der frontale Zusammenstoß, den sie befürchtet hatte, blieb aus.
Stattdessen holperte sie über den grasbewachsenen Seitenstreifen und rollte dann unkontrolliert eine Böschung hinab. Man hörte ein lautes Kratzen, als der Kotflügel gegen irgendwelche Heckensträucher schabte. Hinter der Hecke befand sich eine der typisch irischen Steinmauern, die hier seit Jahrhunderten dem Wetter und der Zeit trotzen.
Claires Kopf wurde nach vorn geschleudert, als der Kleinwagen mit einem Ruck zum Stehen kam. Der Mini stammte noch aus der Zeit, ehe Airbags zum Standard zählten. Ihr Kopf prallte zurück und Schmerz explodierte hinter ihrer Stirn, während die Welt um sie herum in Dunkelheit versank.
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Ein irischer Sommer
RomanceEigentlich möchte Claire das einsame Cottage am Meer, das sie von ihrer Tante geerbt hat, so schnell wie möglich verkaufen. Aber als sie auf dem Weg dorthin in einer Regennacht von der Straße abkommt und sich plötzlich dem attraktiven Mark Taylor ge...
