Diamond 11

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Wir standen nur wenige Meter von der Stadtmauer entfernt. David bedeutete uns leise zu sein. Dann schlichen wir durch den Waldrand an der Mauer entlang, bis wir an ein kleines Tor kamen. Es war unbewacht.

"Da müssen wir durch", flüsterte David. Ich sah ihn ein wenig verwundert an. Dies war der Weg nach Julat? Warum war er nicht bewacht? Luzifer musste doch Angst um seine Stadt haben, oder nicht?

Doch David achtete nicht auf mich und pirschte zu der Tür. Dann drückte er sie auf, drehte sich um und gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen. Ich ging zuerst, dann kam Simon. Hinter der Tür war niemand. Nur ein steinerner Gang.

"Das Haus dort hinten an der Ecke, das ist es. Hier habt ihr den Schlüssel. Geht schon mal vor, ich besorge noch schnell ein paar Sachen."

Ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Dieses Gefühl hatte ich allgemein, wenn ich an Julat dachte. Als würde sich mein Magen zusammenziehen.

Simon und ich gingen in David's Haus. Mir verschlug es die Sprache. Bücher - soweit das Auge reichte. An jeder Wand gab es Bücherregale, auf jeder möglichen Ablagefläche lagen welche, es war himmlisch. Auch wenn sie in einer anderen Sprache geschrieben waren, sie waren wunderschön.

Wir verbrachten den Tag damit, das Haus zu erkunden und ein wenig sauber zu machen. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde ich unruhiger und das Ziehen in meinem Magen stärker. Bis ich am Ende durch das Haus rannte, in der Hoffnung, dass David irgendwie plötzlich vor mir auftauchen würde.

Als es dann endlich an der Tür klopfte, zuckte ich zusammen und rannte los. Als ich die Tür öffnete, wurde mir erst klar, dass das vermutlich keine so gute Idee war, aber es war zu spät. Vor mir stand ein kleiner etwas moppeliger Mann, der mich freudestrahlend anblickte. Hinter ihm stand niemand anderes als David. Erleichterung durchströmte mich. Ich sah an ihm herunter, er wirkte unverletzt. Ehe ich wusste, was ich denn da tat, rannte ich auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.

"Hey, was ist denn jetzt los?", lachte er und erwiderte meine Umarmung.

"Sorry", murmelte ich. "Ich hab mir nur Sorgen um dich gemacht" Ich ließ von ihm ab und sah verlegen zu Boden. Er lachte wieder. Er hatte ein schönes Lachen, fiel mir auf.

"Macht nichts. Komm, lass uns reingehen, ich habe euch viel zu berichten" Wir gingen also ins Haus. Der Kleine war immer noch da. Er setzte sich an den Tisch und betrachtete glücklich die Küche.

"Schöne Bude hast du hier, Werwolf", sagte er.

"Nenn mich nicht so, Zwerg", gab David zurück. Aber der Zwerg ignorierte ihn. Stattdessen wandte er sich mir zu.

"Du bist also das Mädchen. Ich muss sagen, Luzifer hatte recht, sie ist wirklich schön wie eine Göttin" David warf ihm einen warnenden Blick zu und setzte sich mit einem Glas Wasser zu ihm. Ich stand mitten in der Küche und wurde ziemlich rot. Simon war irgendwann anscheinend auch zu uns gestoßen und setzte sich David gegenüber. Der Zwerg lächelte mich noch einmal an.

Plötzlich fiel mir etwas ein. Luzifer hatte mich noch nie gesehen. Wie konnte er wissen, wie ich aussah?! Und wenn der Zwerg das wusste ... dann musste er Kontakt zu Luzifer haben, vielleicht sogar für ihn arbeiten, wenn Luzifer ihm so etwas anvertraute.

"Sie arbeiten für Luzifer", sagte ich. Simon sprang auf und stellte sich an meine Seite, doch der Zwerg lachte nur.

"Kluges Mädchen" Ich blickte zu David, der schüttelte leicht den Kopf.

"Er ist sauber", flüsterte er mir zu. Ich trat einen Schritt zurück.

"David, Luzifer hat mich nie gesehen, woher soll er wissen, wie ich aussehe? Und woher weiß der Zwerg das? Was verschweigt ihr mir? Was ist denn so schlimm, dass ich es nicht erfahren darf, verdammt, was ist hier los?" David blickte zu Boden und presste die Lippen zusammen, als würde er sichergehen wollen, dass er nichts ausplauderte. Dann sah er mich wieder an, seine Augen funkelten vor Wut.

"Wir. Verschweigen. Dir. Nichts. Es gibt keine Geheimnisse und es wird auch keine geben, verstanden? Wir dienen der Mission, sie ist unser oberstes Ziel. Wir Vertrauen einander, verstanden?"

" 'Und jetzt geh auf dein Zimmer und denk darüber nach' oder was?", antwortete ich ihm.

"Das wäre tatsächlich mal eine gute Idee von dir"

"Weißt du was? Ich gehe. Aber nicht in mein Zimmer, ich geh Luzifer selber fragen. Hier vertraut mir ja offensichtlich keiner" Ich drehte mich um und stapfte aus dem Haus. Die Anderen waren mir im Moment egal. Dass Luzifer mich eigentlich entführen wollte und ich direkt in die Höhle des Löwen lief auch. Ich war es einfach nur satt belogen zu werden.

Ich lief durch die Straßen. Mein Ziel würde ich finden, daran hatte ich keinen Zweifel. Wie ich vermutet hatte, befand sich der Palast im Zentrum der Stadt. Er war wunderschön und größer, als alle anderen Paläste, die ich bisher gesehen hatte. Ich ging auf den Eingang zu, wo zwei Wachen standen. Bei meinem Anblick weiteten sich ihre Augen und sie stellten sich gerader hin.

"Was wollt Ihr hier?", fragte mich der Eine.

"Ich will Luzifer sprechen", antwortete ich.

"Ähm ... Das geht nicht so ohne weiteres, Ihr braucht einen Termin, oder Ihr kommt zu den Zeiten, and denen die Bittsteller kommen, oder ... ähh" Es war ihm offensichtlich sehr unangenehm, mich nicht durchlassen zu können.

"Hör mir mal zu, es ist verdammt wichtig, ich muss sofort mit ihm reden. Ich kann nicht warten"

"Ähm, da gibt es ein Problem, äh er ist gerade nicht da, er befindet sich ähm auf einer Reise" Ich zog eine Augenbraue hoch. Der Typ log. Das sah man sofort. Ich marschierte also an ihm vorbei in den Palast hinein.

"Hey!", rief er. "Bleib stehen!" Ich drehte mich um und sah, wie er auf mich zurannte. Ich stieß ein spöttisches Lachen aus, dann hob ich meinen Arm. Mit einem Fingerzug riss ich ihn von den Beinen. Sein Kumpan folgte ihm. Ich ließ die Beiden noch einmal gegen die Wand krachen, dann drehte ich mich wortlos um und machte mich auf die Suche nach Luzifer.

Der erste Raum, den ich betrat, war ein Wohnzimmer. Es war riesig. Das Sofa lud ein, sich hinzusetzen und die Welt für eine Weile zu vergessen, ein Angebot, dem ich kaum widerstehen konnte, aber ich war wegen etwas anderem hier. Niemand war zu sehen, auch in den anderen Räumen im Erdgeschoss nicht. Aber ich wusste, dass ich nicht allein im Palast war. Ich spürte die Anwesenheit anderer Personen. Als ich die Treppe hinauf stieg, wurde ich mir zum ersten Mal bewusst, das es vielleicht keine so gute Idee war, hierher zu kommen. Luzifer hatte mich praktisch in seiner Gewalt, ich hätte David, Damian und Simon verraten. Aber jetzt war es zu spät. Er würde erfahren, dass ich in der Stadt war, wegen der Wachen, und dann würde er jedes einzelne Haus auf den Kopf stellen um mich zu finden. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzugehen und auf den Überraschungsmoment zu hoffen, den ich auf meiner Seite hatte. Außer er hatte schon gesehen, was mit den Wachen geschehen war.

Oben angekommen wandte ich mich nach links und betrat eine Bibliothek. Mir verschlug es den Atem. So viele Bücher ... Ich spürte meine Fingerspitzen kribbeln und trat an ein Regal. Mit einem Male hatte ich alles vergessen. Es gab nur noch mich und die Bücher. Ich fuhr mit den Fingerspitzen über die Buchrücken, bis ich an einem hängenblieb. Es war komplett schwarz und ohne Titel. Verwundert wollte ich es aus dem Regal nehmen, da spürte ich, wie jemand meinen Nacken berührte. Ich zuckte zusammen, dann umgab mich völlige Finsternis.

Als ich langsam wieder erwachte, lag ich irgendwo in einem Bett. Draußen zwitscherten Vögel. Ich wollte mich auf die Seite drehen und schlafen, doch dann merkte ich, dass ich an das Bett gefesselt war. Moment mal, wo war ich? Dann fiel es mir wieder ein. Ich war in Luzifers Schloss gewesen, bis mich jemand bewusstlos gemacht hatte. Ich riss die Augen auf. Flucht!, war mein einziger Gedanke, doch an meinem Bettende saß jemand. Ich stieh einen leisen Erschreckensschrei aus, dann starrte ich den Mann wie paralysiert an.

"Ah, du bist wach. Wie schön. Ich habe dich bereits vermisst, weißt du? Herzlichen Willkommen in meinem Schloss. Ich bin Luzifer, wie du dir wahrscheinlich erahnen kannst. Es ist wunderbar, dass du endlich eingetroffen bist, kleiner Engel." Meine Kinnlade fiel herunter.

"Luzifer?!?"

DiamondWhere stories live. Discover now