Es war heiß. Der ohnehin schon staubige Boden hatte tiefe Risse. Die Schollen aus Erde erinnerten ihn an den Schuppenpanzer eines Reptils. Vereinzelte Bäume streckten dürre Zweige in den blauen Himmel. Am höchsten Punkt der Stadtmauer stehend sah er, wie sich am Horizont tiefschwarze Gewitterwolken ballten, in denen winzig verästelte Blitze zuckten. Er hoffte, dass das Gewitter den dringend benötigten Regen bringen würde, um die diesjährige Ernte zu sichern und es nicht wieder zu einem Ernteausfall kommen würde, der im letzten Jahr in einem Streit zwischen den Ältesten der beiden Städte eskaliert war und zu einem nächtlichen Massaker geführt hatte. Viele Menschen waren gestorben. Fast jeder hatte in dieser Nacht jemanden verloren...
"Arvid... ARVID! Alles in Ordnung?" Beim Klang der Stimme zuckte er zusammen. Er nickte, auch wenn in seinen müden Augen Tränen brannten und seine Hand, die den Speer fasste, verkrampft war. "Sicher, dass du in Ordnung bist?", fragte der Mann erneut. Arvid sah erst jetzt auf, als ihm bewusst wurde, wem die Stimme gehörte. "Ja, Hauptmann", antwortete er schnell, während er möglichst unauffällig seine Haltung korrigierte und seine verkrampfte Hand lockerte. Da sein Vorgesetzter in Richtung der Sonne stand, konnte Arvid nur seine eindrucksvolle Silhouette ausmachen. Er kniff die Augen gegen das Licht zusammen und versuchte mit aller Kraft größer auszusehen. Unerschütterlicher.
Misstrauisch betrachtete ihn der Hauptmann. Schließlich seufzte er. "Wenn du ein Problem hast, komm zu mir, Arvid. Denn was ich nicht brauche, sind unaufmerksame Wachen, die sich während ihres Dienstes ihren Tagträumen hingeben." Arvid zuckte innerlich zusammen. Der Hauptmann wandte sich ab, die Messingbeschläge seiner Rüstung leuchteten in der Sonne golden auf, als er zur nächsten Wache patrouillierte. Arvid fluchte. War es nicht genug, dass er der jüngste der Wachen war und sich immer wieder neu beweisen musste? Er hatte erst letzten Sommer nach dem Angriff seine Ausbildung abgeschlossen. Er zwang sich dazu, sich wieder auf die Ebene vor der Stadt zu konzentrieren. Seine Augen begannen erneut zu brennen, diesmal wegen der Spiegelungen der Sonne, die sich bereits dem Gewitter am Horizont zu nähern begann.
Auch damals hatte es ein Gewitter gegeben. Er erinnerte sich daran, dass er Venla nach dem Kampftraining von der Taverne, die ihren Eltern gehörte, abgeholt hatte und mit ihr auf einen der Wehrgänge geklettert war. Es war nicht gerade romantisch gewesen, da er nur von seinem Training gesprochen hatte, doch es hätte ein Anfang sein können. Er hatte sich oft ausgemalt, wie es gewesen wäre, wenn er sie aufgehalten hätte, als sie wieder in die Taverne ihrer Eltern musste, um dort zu helfen. Vielleicht wäre mehr aus ihnen geworden. Vielleicht wäre sie nicht verschwunden. Nachdem die Taverne nach dem Angriff nur noch in Schutt und Asche lag, zweifelte niemand daran, dass die ganze Familie dem Angriff zum Opfer gefallen war. Aber Arvid wusste, dass das nicht stimmen konnte. Er klammerte sich an die verzweifelte Hoffnung, dass sie und ihre Familie einen Ausweg gefunden hatten. Doch wohin waren sie gegangen? Und warum?Es änderte jedoch nichts daran, dass er sie nie wiedersehen würde...
"Arvid! Vorsicht! HINTER DIR!" Arvid fuhr herum und duckte sich im selben Moment. Das Messer des Angreifers verfehlte sein rechtes Ohr um Haaresbreite. Arvid fluchte. Wie war es dem Angreifer gelungen, unbemerkt die Mauer hinaufzuklettern? Warum hatte er ihn nicht früher bemerkt? War es ein feindlicher Späher? Aus dem Augenwinkel erkannte Arvid, dass Miran, die andere Wache, die ihn eben noch gewarnt hatte, in einer Blutlache am Boden lag. Er warf den Speer zur Seite, zog sein Messer aus der Scheide an seinem Gürtel, wartete den nächsten Angriff ab und versuchte seinen Gegner einzuschätzen. Er war um einen halben Kopf kleiner als Arvid und schlank. Die Kleider waren weit und sandfarben, perfekt, um mit dem Sandstein zu verschmelzen. Um seinen Kopf war ein hellbraunes Tuch gewickelt, so dass nur ein schmaler Schlitz für die Augen frei blieb. Arvid wartete für den Moment einiger Herzschläge, dann stieß er selbst zu. Geschmeidig wich sein Gegner dem Schlag aus und hieb mit dem Messer in seine Richtung. Wieder duckte sich Arvid. Erneut holte der Angreifer aus, doch Arvid rechnete bereits mit dem Schlag, sprang, rollte sich ab und war hinter dem Angreifer. Nur wenige Schritte neben ihm hing ein Alarmgong. Könnte er ihn erreichen und schlagen, würden auch die anderen Wachen den Kampf bemerken. Arvid lief los. "HALT!" Der Tonfall des Angreifers ließ ihn aufhorchen. Irgendetwas stimmte nicht. Er lief weiter, doch sein Zögern hatte seinem Gegner Zeit verschafft. Ein Hieb gegen Arvids Schulter ließ seine Muskeln brennen. Bevor er sich umdrehen konnte, brachte ihn ein Tritt in seine Kniekehlen zu Fall. Er schlug hart auf der Mauer auf, sein Kopf krachte gegen den schmiedeeisernen Rahmen des Gongs. Das Letzte, was er sah, bevor alles schwarz wurde, waren die Augen seines Gegners, der sich über ihn beugte. Und ihm wurde plötzlich klar, woher er die Stimme kannte...
Als er erwachte, wurde Arvid als Erstes bewusst, dass er versagt hatte. Er hatte sich von einem Feind überwältigen lassen und hatte es nicht einmal geschafft, den Alarm auszulösen. Er befand sich im Festungshospital; Schulter und Kopf dick bandagiert, lag er auf einer der Pritschen. Arvid richtete sich auf und bemerkte nach kurzem Schwindelgefühl, dass er nicht allein war. Neben seinem Lager standen einer der Sanitäter und der Hauptmann. Der Sanitäter versuchte gerade vergeblich, den Hauptmann wegzuschicken, als dieser bemerkte, dass Arvid aufgewacht war. "Arvid", begrüßte er ihn."Du bist wach." Arvid nickte nur. Der Hauptmann seufzte und erzählte ihm, was geschehen war: "Der Spion steckte einen Teil der Festung in Brand. Das Feuer konnte zwar gelöscht werden, doch der Spion ist geflohen, nachdem er die Pläne unserer Festung gestohlen hatte." Arvid zog die Augenbrauen zusammen: "Weiß man, wer den Eindringling geschickt hat?" "Ja, er verlor auf der Flucht sein Messer. Es stammt eindeutig aus dem Arsenal der feindlichen Stadt". Arvid atmete scharf ein. Der Offizier sah ihn emotionslos an. "Einige im Rat wollen dich exekutieren lassen, sie denken, du hast den Spion absichtlich durchgelassen." "WAS?!" Arvid konnte es nicht glauben. "Nun, ich kann ihnen diesen Gedanken nicht verübeln. Deine Träumerei gestern sprach Bände." "Aber...", begann Arvid fassungslos. " Aber nachdem du nicht die einzige Wache bist, die versagt hat, und wir Miran nicht mehr bestrafen können, wurde deine Exekution in eine Verbannung umgewandelt." Unfähig zu protestieren, sah er den Hauptmann einen endlosen Herzschlag lang an. "Wann?", flüsterte er dann. "Sobald du reisefähig bist." Ohne ein weiteres Wort wandte sich der Hauptmann ab und schritt aus dem Raum.
Arvid ließ sich zurück ins Kissen sinken und fragte sich, warum er nicht wütend war, nicht protestiert hatte. Er hätte jeden Grund dazu gehabt. Die Vorwürfe waren schließlich lächerlich. Irgendwo in seinem Inneren freute er sich aber seltsamerweise sogar. Er wusste, was er tun würde, wenn es so weit war und er gehen musste. Er würde den Spion suchen. Denn der Blick, den dieser ihm zugeworfen hatte, sprach ganz klare Worte, auch wenn er noch nicht verstand, weshalb sie die Seiten gewechselt hatte. Doch er würde sie wiedersehen und das verlieh ihm ein euphorisches Gefühl, neben dem die Beklemmung wegen seiner Verbannung und seiner Reise ins Ungewisse verblasste. Und bevor er erneut in einen Ohnmacht ähnlichen Schlaf fiel, fühlte er sich zum ersten Mal seit einem Jahr wieder richtig lebendig.
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So. Endlich habe ich es auch mal geschafft etwas zu veröffentlichen :)
Ich bin mir noch nicht sicher wie es mit diesem Band weitergehen soll. Wollt ihr lieber wissen wie Arvids Geschichte weitergeht? Oder wollt ihr, dass es (wie geplant) ein Sammelband mit Kurzgeschichten über Fantasy, Liebe und Kämpfe wird?
Würde mich auch sehr über Feedback freuen :3
Liebe Grüße
Eure Suna
PS: Okay ich hab mich jetzt entschieden. Dies wird Arvids Buch. Freue mich dennoch über Wünsche und Anregungen :)
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Liebe und Kampf
FantasyArvid verlor vor einem Jahr die Liebe seines Lebens während des Überfalls einer feindlichen Stadt. Nach einem Jahr des Schmerzes trifft er seine Geliebte wieder. Doch alles hat sich verändert...
