Der Kies unter seinen Füßen knirschte als er die letzten Meter des Weges in Richtung Wald sprintete. Es war stockdunkel, als hätte jemand alle Sterne ausgeknipst. Er konnte die Hand vor Augen nicht sehen, doch er wusste ganz genau, dass seine Feinde ihm dicht auf den Fersen waren. Er konnte förmlich ihren Atem in seinem Nacken spüren. Eiskalter Schweiß rann ihm über die Stirn. Seine Hände zitterten vor Anspannung. Wenn sie ihn erst einmal eingeholt hatten, stand er keine Chance gegen sie, das wusste er genau so gut, wie sie. Er konnte schon die Umrisse des Waldrands erkennen. Noch 100 Meter, noch 50, noch 10, plötzlich fuhr ein höllischer Schmerz durch sein Bein und er stürzte stöhnend zu Boden. Sein gesamtes rechtes Bein war wie gelähmt, der Schmerz kroch sein Bein hinauf und würde langsam, aber sicher seinen ganzen Körper lähmen. Er konnte kein Glied mehr spüren. Er biss sich fest auf die Unterlippe um nicht zu schreien. Er hatte einen unangenehmen Geschmack von Blut im Mund. Er wusste, dies würde sein Ende sein. Wehmütig dachte er an alle die Dinge, die er bereute und die ihn schließlich auch hierher gebracht hatten. Plötzlich...
"Miss White!!!"
Der Knall, der das Lineal auf meinem Tisch erzeugte, ließ mich von meinem Buch hochschrecken und ich blickte verwirrt in das verärgerte Gesicht meiner Lehrerin.
"Miss White, ich wäre Ihnen überaus dankbar wenn Sie bis Unterrichtsende seelisch noch bei uns verweilen würden!", sagte Ms. Averill mit einem Gesichtsausdruck als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen und streckte mir fordernd ihre Handfläche entgegen. Peinlich berührt übergab ich ihr mein Buch und fluchte leise. Normalerweise ließ ich mich nicht so leicht erwischen, doch heute hatte sie wohl Glück. Ich war schon den ganzen Tag ein wenig abwesend. Irgendetwas lag heute in der Luft. Vielleicht passierte ja zur Abwechslung mal was Neues. Doch wem mache ich hier eigentlich was vor?
Ich wohnte mitten im Nirgendwo, irgendwo in der Pampa zwischen Panama und der Werkstatt vom Weihnachtsmann. Man fuhr zwei Stunden um zum nächsten Supermarkt zu gelangen, von normaler Zivilisation ganz zu sprechen. Unser Dorf bestand aus einer alten Tankstelle (die nebenbei bemerkt seit Jahren außer Betrieb stand), einem Hotdogstand, einem Schmied (in welchem Jahrhundert leben wir bitte ?!), einem alten Fußballplatz und fragt mich nicht, wer auf die bescheuerte Idee gekommen war, hier eine Schule zu bauen.
Naja, so bescheuert war die Idee dann doch wieder nicht, denn dann gab es da noch die Schulbibliothek. Und das war das Einzige, das mich in den letzten Jahrhunderten davon abgehalten hatte einen qualvollen Tod an Langweile zu sterben. Bücher waren echt meine einzige Überlebenschance hier. Oder besser gesagt, die Geschichten, die dahintersteckten...
Ich wohnte alleine mit meinem Großeltern in einem kleinen, aber gemütlichen Haus mit meinem eigenen Zimmer und einem kleinen Balkon. Wir lebten am Rand des kleinen Dorfes und meine Kindheit hatte ich zumeist damit verbracht alleine im Wald zu spielen. Ich kannte jeden Stein, Baum und Pilz in und auswendig. Geschwister hatte ich keine, meine Eltern waren bei einem Autounfall gestorben, als ich 2 war. Logisch, dass ich damit so gut wie keine Erinnerung an sie hatte.
"Ding Dong"
Erleichtert schnappte ich mir meine Tasche und hüpfte zum Lehrerpult. Ms. Averill gab mir kopfschüttelnd mein Buch zurück.
"Das will ich nicht noch einmal erleben, Miss White. Lassen sie sich gewarnt sein."
"Jawohl, Ms. Averill", flötete ich und spazierte vergnügt zur Tür hinaus. Meine Klassenkameraden waren nicht gerade die Sportlichsten, aber wenn die Schulglocke klingelte, konnten sie rekordverdächtige Geschwindigkeiten erreichen. Ich verließ als Letzte das Klassenzimmer und schlenderte pfeifend durch den Hauptausgang hinaus. Es war Frühsommer, bald würden die Ferien anfangen. Die würde ich wohl wieder jeden Tag allein im Wald mit einem Buch in der Hand verbringen. Am Schultor wendete ich mich, wie gewöhnlich, nach links und schlug an der Straßenkreuzung den Weg Richtung Wald ein.
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Firefly
Fantasy"Lasset die Spiele beginnen!" Shiras unspektakuläre Welt wird von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt, als sie plötzlich ungewollt durch ein Portal in eine andere Welt gezogen wird - in das Königreich Aragon. Jeder Mensch dort besitzt ei...
