Auch Steine können sprechen

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Diese Kurzgeschichte habe ich gerade auf meinem Lapop wiederentdeckt. Ursprünglich habe ich sie mal für einen Wettbewerb geschrieben :) 

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Ich sitze bewegungslos auf dem Waldboden. Es war ein heißer Sommertag, doch langsam dämmert es und im Schatten der alten Bäume ist es angenehm kühl. Nachdenklich lasse ich meinen Blick schweifen. Ich streiche sanft über verschiedene Moose. Bis auf wenige Vögel und das Rascheln der Blätter ist es ruhig. Der Wald hat etwas mysteriöses an sich. Ich werde nie wirklich verstehen, warum das so ist, aber sicherlich hat es etwas mit seiner Erfahrung zu tun. Die Bäume sind so alt, haben so viel gesehen.

Ich gehe ein Stück. Nach nur kurzer Zeit lasse ich mich neben einem großen Haufen Steine nieder. Erwartungsvoll nehme ich einen mittelgroßen in die Hand. Im untergehenden Sonnenlicht schimmert er lila und blau. Fasziniert drehe ich ihn eine Weile in meiner Handfläche, bevor ich ihn wieder an seinen Platz zurück lege. Sofort fällt mir ein neuer Stein ins Auge. Er ist tiefschwarz und geformt wie ein Herz. Ungläubig beuge ich mich vor, um ihn mir genauer an zu sehen. Leicht berühre ich ihn mit meiner Fingerspitze. Und plötzlich tauchen Bilder in meinem Kopf auf. Ein Mädchen und ein Junge sitzen gemeinsam am Ufer eines Flusses. Sie küssen sich leidenschaftlich. Nach einer Weile lösen sie sich voneinander und der Junge sieht sich kurz um. Er entdeckt den Herz Stein und nimmt ihn an sich. Er spült ihn kurz sauber und reicht ihn dann seiner Freundin, als Zeichen seiner Liebe. Sie ist verzückt und fällt ihm um den Hals. Kurze Zeit darauf wird das Mädchen aber krank und nur wenige Monate später stirb sie. Der Junge ist am Boden zerstört und weiß nichts mehr mit seinem Leben an zu fangen. Er kommt zurück an den Fluss, zusammen mit seinem Stein. Doch der einst so lebendige Fluss ist ausgetrocknet. Es scheint, als hätte das Herz des Mädchens zeitgleich mit dem des Flusses aufgehört zu schlagen. Der Junge sinkt auf die Knie. Eine einzelne Träne sinkt zusammen mit dem Stein zurück auf den leeren Grund des Flusses. Und wie durch ein Wunder begann die Quelle kurze Zeit später wieder zu sprudeln.

Ich zucke zusammen. Es sieht fast so aus, als hätte ich diese Bilder geradewegs von dem Stein erhalten. Ich muss über meine eigene Dummheit lachen. So etwas ist unmöglich. Doch als ich einen weiteren sonderbar geformten Stein berühre und mir etwas ähnliches wiederfährt, beginne ich tatsächlich zu glauben, dass die Steine mir ihre langen und oftmals traurigen Geschichten erzählen.

Seitdem komme ich fast täglich zu dem großen Steinbeet und höre mir an was sie zu sagen haben. Es sind so viele, dass ich bezweifele sie einmal alle angehört zu haben. Doch ich finde, ich bin es ihnen schuldig, weil sie mir auch immer zu hören, wenn ich Kummer habe.

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