Sonnenbrille, Geldbeutel, Deo, Zahnbürste, Taschenlampe, Unterwäsche, Klamotten zum Wechseln - ein paar Sachen reichen, Wäsche kann man schließlich überall kaufen oder waschen - Taschentücher, Handtuch, Handy, auch wenn ich's am liebsten einfach hier lassen würde, mein Schweizer Taschenmesser, mein Feuerzeug, Ohrenstöpsel, 'n Schal, am besten auch 'ne Mütze. Block und Stift sind überlebenswichtig, ebenso der iPod. Ohne meine Musik geht gar nix. Schlimm genug, dass ich die Klampfe nicht mitnehmen kann, aber Rucksack, Schlafsack und Klampfe, da würd' ich ja wie ein Packesel durch die Gegend laufen.
Und damit ist der blöde Rucksack auch schon voll. Ein bisschen Platz für ein Buch hab' ich noch, aber nur eins, also wird's wieder mal ein Stechen zwischen Kafka am Strandund Norwegian Wood. Ich denke, Kafka hat eindeutig die besseren Karten. Norwegian Wood ist einfach mit zu vielen Erinnerungen behaftet. Wenn ich den ganzen Kram mitschleppen wollte, könnte ich ebenso gut hier bleiben.
Genaugenommen fühle ich mich im Moment auch wie Kafka Tamura, nur dass ich kein Alter Ego namens Crow besitze, das mich vollquatscht. Normalerweise erfüllt Gabumon diese Funktion ganz prächtig, aber er weiß schließlich am besten, dass es sinnlos ist, mich zuzutexten, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe. Also sitzt er einfach mit hängenden Ohren neben mir und schweigt. Wenn ich gehen will, dann gehe ich. Schluss. Punkt. Aus. Das sollte jedem, der mich kennt, klar sein. Rucksack, Schlafsack, Stiefel, Jacke und ab geht die Post!
Aber irgendjemandem schien es offensichtlich doch nicht klar zu sein, denn die kleine Gestalt, die mir in den Weg trat, machte keinerlei Anstalten, sich aus demselben wieder zu entfernen. "Laufen wir wieder mal vor unseren Problemen davon?" fragte mich eine kühle Stimme und wäre Tentomon nicht so angriffslustig vor meiner Nase herumgeflattert, hätte ich seinem Digimon Partner die gespielte Gleichgültigkeit fast abnehmen können. So wusste ich ganz genau, dass Koushirou eines nicht war, gleichgültig. Er war stinksauer auf mich und er würde es mich spüren lassen.
"Wenn du hier bist, um mir Vorwürfe zu machen, kannst du es dir gleich schenken," Ich trat einen Schritt zurück in die Wohnung, schließlich mussten wir den Nachbarn nicht unbedingt eine Vorstellung geben. Mir wär's egal, ich bin eh weg, aber mein Vater muss ihnen schließlich noch in die Augen sehen können. "Ich weiß, dass ich Mist gebaut hab', okay? Und ich fühl' mich schon scheiße genug deswegen. Du musst mich nicht extra daran erinnern."
"Doch, ich erinnere dich daran, Yamato-san." Koushirou zog seine Schuhe aus und stellte sie ordentlich neben die Tür, bevor er diese sorgsam schloss. Ohne zu knallen. "Und es interessiert mich im Augenblick nicht, ob du dich schlecht fühlst. Deswegen bin ich nicht hier."
Bei soviel Kaltschnäuzigkeit blieb mir im ersten Moment die Luft weg. Gabumon knurrte bedrohlich und legte die Ohren an, als wolle er im nächsten Moment auf Koushirou losspringen.
"Schon klar, warum du hier bist, Koushirou." Ich nestelte am Reißverschluss meiner Stiefel herum, um den Augenblick hinauszuzögern, an dem ich ihm wieder ins Gesicht sehen musste. "Du willst mir eine Standpauke halten, weil ich Sora wehgetan habe und weil ich - wieder mal - daran schuld bin, dass Taichi mit den Nerven am Ende ist. Also schön, ich weiß, dass ich Mist gebaut habe, ich weiß, dass es meine Schuld ist und ich weiß, dass ihr alle ohne einen Idioten wie mich besser dran seid. Zufrieden?"
Koushirou verschränkte die Arme und lehnte sich gegen die geschlossene Tür. "Und warum sollte ich damit zufrieden sein, dass du hier in Selbstmitleid zerfließt, anstatt dir mal Gedanken über das Trümmerfeld zu machen, welches du hier zurücklässt. Jeder von uns macht Fehler, Yamato-san. Aber dann sollte man auch das Rückgrat haben, sie wieder in Ordnung zu bringen, anstatt sich einfach klammheimlich aus dem Staub zu machen. Damals in der DigiWelt warst du wenigstens so fair, uns zu erklären, warum du fortgehst. Jetzt sind wir dir offensichtlich nicht einmal eine Erklärung wert. "
"Verdammt, lass die DigiWelt aus dem Spiel," brüllte ich zurück. Mir macht keiner Vorschriften, was bildete sich der Kerl eigentlich ein! "Das hat nichts mit irgendwas zu tun!"
"Doch, es hat damit zu tun, dass du immer wieder in dieselben Muster zurückfällst. Du vergräbst dich und wirst aggressiv, anstatt mit deinen Freunden über deine Probleme zu reden. Und dann, wenn du es endlich geschafft hast, alle die dir helfen wollen, erfolgreich von dir wegzustoßen, redest du dir ein, dass dich ohnehin keiner braucht und nimmst das als Vorwand, um dich noch tiefer in deine Höhle aus Selbsthass und Selbstmitleid einzugraben. Es ist ein Teufelskreis, Yamato-san, und du unternimmst seit Jahren nichts, um ihn zu durchbrechen."
"Halt endlich die Klappe, du verdammter Klugscheißer! Du hast doch keine Ahnung, wie ich mich fühle!"
Autsch, das war ein echter Tiefschlag, selbst für meine Verhältnisse. Füße hoch, Yamato, damit du nicht aufs Niveau trittst.
Ich schluckte heftig, aber irgendwie war meine Kehle zu zugeschnürt für eine Entschuldigung, geschweige denn, dass mein Kopf klar genug gewesen wäre, um die richtigen Worte zu finden. Ich komm' ja nicht mal mit mir selber klar, wie kann Koushirou da erwarten, dass ich das Trümmerfeld hinter mir aufräume! Selbst wenn ich's versuchen würde, so viele Trümmer wie ich tagtäglich fabriziere, kann ich gar nicht aufräumen. Ich wüsste ja nicht mal, wo ich überhaupt anfangen soll. Bei Sora? Die hat selbst gesagt, dass sie mich momentan nicht sehen will. Bei Taichi? Das würde nur mit einer Prügelei enden und da Taichi vom letzten Digi-Kampf sowieso noch in der Klinik liegt, schenk' ich mir das lieber. Der soll erst mal wieder gesund werden und da braucht er den mit mir verbundenen Stress nicht.
"Du tust mir leid, Yamato-san." Weder verlor Koushirou die Beherrschung, wie Taichi das in dieser Situation wahrscheinlich getan hätte, noch brach er in Tränen aus, so wie Sora vermutlich reagiert hätte, wenn man ihr mal eben im Vorbeigehen einen symbolischen Tritt in den Magen verpasst hätte. Koushirou drehte sich nur ganz ruhig von mir weg und begann seine Schuhe wieder anzuziehen.
"Hier." Er hielt kurz inne, um mir einen Umschlag in die Hand zu drücken. "Ich habe Taichi versprochen, dass du ihn bekommst, und zwar bevor du auf Nimmerwiedersehen in deine Höhle der Dunkelheit verschwindest."
Er ließ mir nicht wirklich die Gelegenheit für eine dramatische Erwiderung, ja nicht einmal für ein beleidigtes "Taichi kann sich seine Briefe sonstwohin stecken!" Und da er sich bereits wieder von mir weggedreht hatte, war mir trotz meines verzweifelten Zustands klar, dass ein theatralisches Zerknüllen und in die Ecke werfen dieses Briefs einfach nur der Gipfel aller Peinlichkeit gewesen wäre. Und peinlich hatte ich mich gerade schon genug aufgeführt.
So stand ich letztendlich einfach nur da wie ein begossener Pudel, während Koushirou's Schritte sich entfernten und das Surren von Tentomon's Flügeln immer leiser und leiser wurde wie ein Bienenschwarm, der langsam in der Ferne verschwindet...
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Walkabout
FanfictionAls Yamato sich nach einem Streit mit den anderen DigiRittern wieder mal aus dem Staub machen will, weiß Taichi, dass es nicht viel bringen würde, ihn aufzuhalten. Aber er stellt ihm eine Bedingung... Disclaimer: Moshi Moshi. Hier ist Yamato's anruf...
