Es wäre wohl eine gewaltige Untertreibung zu behaupten, dass ich den Winter hier in London über alles hasste, doch nun war dem nun einmal so.
Ich konnte es nicht ausstehen, wenn leuchtend weiße Schneeflocken in meinen goldblonden Haaren klebten und diese dazu veranlassten sich gegen jegliche Gesetzte der Physik aufzulehnen.
Das alles wäre ja noch halbwegs erträglich, wenn mich mein Schulweg nicht mehrere Kilometer durch die Stadt führen würde, wo immer derart reges Treiben herrschte, dass ich mich oftmals fragte, wie es überhaupt möglich war, dass sich so viele Menschen an ein und demselben Ort befinden konnten.
Ein weiterer Grund für mich diese Jahreszeit zu hassen, waren die Feiertage, da sich das Gedränge auf den Straßen in dieser Zeitspanne erheblich erhöhte. Demnach war es ein Ding der Unmöglichkeit in diesem Haufen nicht wenigstens dreimal angerrempelt zu werden und das war eigentlich noch ein Minimum.
Schmerzhaft war das für mich allemal, doch andererseits zeigte es mir, dass ich noch am leben war, jedenfalls im biologischen Sinne. Oder auch doch im mentallen Sinne? Es war unsinnig mir über etwas dergleichen den Kopf zu zerbrechen.
Heute war der letzte Schultag, das bedeutete zwei grausame Wochen mit meinem Onkel, ehrlich gesagt wäre ich lieber stundenlang der Menschenmenge ausgeliefert, anstatt mich mit ihm herum zu schlagen.
Um den Moment meiner Ankunft heraus zu zögern, ging ich jeden Tag die längste Strecke zurück nach Hause, von Bus fahren hielt ich nicht besonders viel, ich hatte lieber meine Ruhe und eingequetscht zwischen gackernden Schülern war mir die nicht vergönnt. Zumal dies wesentlich qualvoller war, als das Rempeln der Passanten.
Bloß eine Sache gab es da, die mich heute störte. Seitdem ich das Schulgelände verlassen hatte, fühlte ich mich beobachtet. In einer Studie hatte ich einmal gelesen, dass man es sich nicht einbilden konnte, verfolgt zu werden, deswegen keimte ein winziger Anflug Panik in mir auf. Aber vermutlich war ich einfach paranoid.
Auch jetzt noch als ich in die ruhig daliegende Straße einbog in welcher ich seit meinem 5. Lebensjahr wohnte.
Na ja, als wohnen konte man es schon gar nicht mehr bezeichnen, das wirklich einzige was ich dort freiwilig tat, war schlafen und duschen. Selbst das Essen behielt ich mir für die Schule vor, denn sonst bekäme ich regelrecht die üblichen Passagen zu hören.
Einen letzten Blick hinter mich werfend, nahm ich die Stufen hinauf zu meiner Haustür, den Schlüssel kramte ich aus meiner Hosentasche. Keine zehn Sekunden war ich bereits im Warmen, wofür ich auch ausnahmweise mal dankbar war.
Es war nicht so, dass ich es nicht zu schätzen wusste ein Dach über dem Kopf zu haben, meine momentane Lage verlangte mir nun mal zu viel ab.
Mit einem wohligen Seufzer, hängte ich meine durchlöcherte Jacke an den schiefen Haken der Gaderobe, kaum noch etwas in diesem Haus war heil, dasselbe galt auch für die Menschen die hier ein und aus gingen. Also: Ich, derjenige, der sich mein Vormund schimpfte, sowie letztendendlich die jungen oder teils auch älteren Frauen, die er im Zwei-Tages-Takt anschleppte. Keine von ihnen war in meinen Augen in irgendeiner Weise hübsch gewesen, doch Geschmäcker waren bekanntermaßen verschieden und vermutlich war ihm das Aussehen egal, solange er etwas Weibliches in seinem Bett hatte, das er ordentlich vögeln konnte.
Ich selbst hatte noch nie eine Beziehung gehabt, geschweige denn Sex, aber mir konnte es egal sein, schließlich würde die Person sicherlich ohnehin alles andere als begeistert von meinem Körper sein.
Ethan war wohl noch nicht aus der Bar zurück gekommen, mir sollte es recht sein. Rein aus Prinzip schon, weigerte ich mich ihn "Onkel" zu nennen, denn für mich war er bloß ein verdammtes Arschloch, dass mir das Leben zur Hölle machte.
Als ich gerade einmal 7 Jahre alt gewesen war, hatte ich immer mit einem kleinen Teddybär, namens Mr. Twinkle geredet, solange bis er ihn eines Tages einfach verkauft hat, um so an Geld für Bier zu gelangen, dabei nahm er keinerlei Rücksicht auf meine Gefühle.
Wie denn auch? Er selbst schien überhaupt gar keine zu besitzen. Jedenfalls würde es mich nicht wundern, würde sich diese Theorie als wahr heraus stellen.
Mein Zimmer ansteuerend, warf ich einen kurzen Blick in die Küche, um sicher zu gehen, dass er tatsächlich nicht anwesend war. Danach zog ich mir das verwaschene und etwas zu große Shirt über den Kopf, na ja, Oversize war momentan ja in, soweit ich das mitbekommen hatte. Einen Überblick konnte ich eh nicht behalten, so schnell, wie die Trends hier kamen und gingen.
Einen Blick in den Spiegel später, musste ich schockierenderweise feststellen, dass mir der Anblick, der sich mir gerade bot, nicht länger etwas ausmachte. Es war zur Routine geworden, dass ich jeden Freitag nach sah, wie mein Oberkörper zugerichtet war.
Blaue Flecken, sowie Blutergüße, überzogen meinen ganzen Rücken, samt Vorderansicht, die Narben an meinen Handgelenken waren hingegen mittlerweile gut ausgheilt. Ein bisschen zu gut für meinen Geschmack.
Er schlug mich, jeden Tag, wenn er nach Hause kam, um sich mit Genugtuung zu erfüllen, keinem sagte ich etwas davon, denn die Situation würde sich dadurch keineswegs bessern.
Die einzige Person, der ich mein Geheimnis jemals anvertraut hatte, war tot. Der Fall war vor drei Jahren zu den Akten gelegt worden, viele schlossen auf Selbstmord, doch ich war mir zu nahezu 100% sicher, dass es vorsetzlicher Mord gewesen sein musste.
Manchmal besuchte ich ihr Grab, einfach, weil ich der Meinung war, ihr das schuldig sein, nach all dem, was geschehen ist.
Jedes mal wenn ich dort war, lag eine rote Rose dort, wer auch immer sie dort platziert hatte, musste öfters dort sein. Eonmal hatte ich eine ganze Nacht dort verbracht, das war auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem Tod. Beziehungsweise ebenso der meiner Eltern, was mich bereits mehr als nur ein einziges mal zum stutzen gebracht hatte.
Freya ...
Sie war haargenau so ungewöhnlich, wie ihr Name. An sie hatte ich damals meinen ersten Kuss verloren. Und anscheinend auch meinen Letzten, denn seither war in solchen Sachen Flaute bei mir gewesen.
Mir das Oberteil wieder über streifend, wanderte mein Blick zu meinem Wandkalendar, direkt über meiner Matratze, denn so etwas, wie ein Bettgestell besaß ich nicht.
Ein weiterer Grund, weswegen ich den Winter hasste.
In dieser schrecklichen Zeit, gab es einen gewissen Tag.
Der 19. Dezember.
Nicht nur das Datum des schrecklichen Schicksals dreier Menschen, die mir nahe gestanden hatten, sondern auch mein baldiger 17. Geburtstag.
Und morgen würde es so weit sein ...
YOU ARE READING
Two Faces
Romance[MenxBoy] Kiki hat schon länger mit der Gewalt seines drogenabhängigen Onkels zu kämpfen, denn dieser ist sein einziger noch lebender Verwandter. Seine Eltern hat er bereits früh bei einem tragischen Unfall verloren von welchem er zu allem Überfluss...
