Die erfreuliche Leere des blauen Himmels war schon hypnotisierend. Das Geräusch der Wellen hallte in seinen Ohren, als ob er direkt daneben sitzen würde. Er erinnerte sich an das Gefühl des warmen Sandes am Strand. Es war so friedlich, so ruhig. Er genoss es in vollen Zügen. Er atmete tief und schweifte dadurch mit seinem Blick ab, bis er bemerkte, dass er sich in seinem Bild vom Karibikstrand verloren hatte. Er zuckte und schüttelte kurz den Kopf, um die Schläfrigkeit und Träumerei abzuwerfen. Er blickte noch einmal kurz auf das Strandbild, das inmitten seines dunklen Spinds hing, gleich daneben ein Spiegel, in dem er sein schmales Gesicht, seine klaren grauen Augen und sein dunkelblondes, kurzes Haar sehen konnte. Leicht verträumt benötigte er noch ein paar Sekunden, um sich selbst zu erkennen. „Wach auf, Nick!", sagte ihm eine Stimme in seinem Kopf. „Wach auf!!!" Plötzlich, während er noch verträumt über sein Aussehen nachdachte, traf ihn ein Football mit einer solchen Wucht, dass es ihn nicht nur in einem Ruck aus seinem Traumzustand riss, sondern ihn in seiner Überraschung von den Füßen warf. In einem Sekundenbruchteil erlangte er seine Wahrnehmung für seine Umgebung wieder. Völlig überrascht stürzte Nick in den langen und engen Korridor, mitten in eine Gruppe von tratschenden Mädchen. Der Flur war ohnehin schon zu schmal für all die Schüler, doch die Spinde machten ihn noch wesentlich unbequemer. Nick fand sich auf seinem Rücken wieder und starrte an die Decke des Korridors. Er hätte glatt wieder träumen können, als sich ein Mädchen über ihn beugte und die Sicht auf die Decke unterbrach. „Nick? Was machst du da unten?", fragte das Mädchen. Ihr dunkelrotes Haar hing herunter und warf seine Schatten auf jenes Gesicht. Es erschwerte Nick, sie sofort zu erkennen, bis sein Blick, der zunehmend konzentrierter wurde, die Schatten um ihr Gesicht durchdrangen. „H-h-hey, Sam... Naja, ein Football hat mich umgehauen...", sagte Nick, als er in seiner Scham rot anlief. „Verdammt, auch das noch!", ärgerte er sich in Gedanken. Dass man ihn so ausknocken musste, und das noch vor Sam, für die der sichtlich eingeschüchterte Nick viel übrig hatte. Während im langen Engpass-Korridor alle Stimmen verstummt waren, drang aus Richtung der Eingangstür grölendes Gelächter. Tyler, der Footballstar der Oberstufe, und seine ständigen Mitläufer. Als ob Nick es gewusst hätte. Tyler war der typische Oberstufen-Protzer, wie man sie aus den klischeehaften Teenie-Filmen kennt: Groß, muskelbepackt und mit kurzen, dunklen Haaren und, wer hätte es gedacht, mit Sportjacke unterwegs, auf der ein Aufdruck der Schulmannschaft prangte. Und mal wieder hatte er sich von diesen hirnlosen Angebern zum Gespött machen lassen. In Nick kochte eine unmenschliche Wut hoch, wie auch die anderen Male zuvor. Er stand langsam auf, klopfte sich den Schmutz von seinem weinroten Pullover und ging zurück zu seinem Spind, um den Football aufzuheben, der ihn vor nur wenigen Sekunden von eben diesen Spind wegschoss. Sam, die nicht einmal einen Meter entfernt von Nicks Spind in ihrer Gruppe von vier weiteren Mädchen stand, war die Sorge ins Gesicht geschrieben, da sie schon eine düstere Ahnung von dem hatte, was nun folgen könnte. Nick hielt den Football in der Hand und blickte zu Tyler und seinen mitlaufenden Hohlköpfen, wie er sie nannte, hinüber. „Ey Nicki, wirf den Ball rüber!", brüllte Tyler im strengen Ton. Nick war Tylers Sticheleien seit fünf Jahren müde, und nun schrie sein Hass in seinem Inneren nach Vergeltung. „Was hätte ich davon, ihn dir zurückzugeben?", fragte Nick in einer schon vorwurfsvollen Tonlage. „Wenn du Glück hast bekommst du ihn nur ein weiteres Mal an den Kopf, kleiner Wicht!", protzte Tyler. „Wenn dem so ist glaube ich, dass ich ihn lieber behalte. Macht sich bestimmt gut in meinem Regal.", grinste Nick Tyler an. Tylers Gesichtsausdruck verzog sich immer mehr von einem breiten Grinsen in ein verärgertes Schmollen. Mit langsamen, strengen Schritten näherte sich Tyler Nick, der bereits ein paar Schritte auf ihn zugegangen war. Nick begann zu lächeln, denn ihn amüsierte Tylers leicht reizbare Natur sehr. Nick warf den Ball immer wieder mit seiner linken Hand in eine geringe Höhe und fing diesen wieder auf. Seine rechte Faust brachte er bereits in Breitschaft, bereit, Tylers Übermut sprichwörtlich aus seinem Gesicht zu wischen. Sein freches Grinsen verwandelte sich langsam in ein teuflisches, böses Lächeln. Sam, die sein Gesicht von der Seite klar deuten konnte, fühlte sich in ihrer Befürchtung bezüglich Nicks Vorhaben bestätigt. Tyler war gerade so eine Armlänge von Nick entfernt, beide hatten bereits ihre Schultern angespannt, um zum Schlag auszuholen, als Sam sich zwischen die beiden feindseligen jungen Männer stellte und sie mit den Händen voneinander entfernte. Die beiden Jungs drängten sich jedoch weiter aufeinander zu, so dass Sam sichtlich Schwierigkeiten hatte, die beiden auf ihrer momentanen Distanz zu halten. „Hey, lasst den Blödsinn! Ihr wollt nicht ehrlich noch am Freitag zum Nachsitzen, oder?" Nick ignorierte in seiner Wut Sams Versuche, die Situation an einer Eskalation zu hindern und war drauf und dran, Sam beiseite zu drücken und sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Doch Nick spürte einen Hauch hinter sich, als ob jemand hinter ihm stünde. Es war, als ob ihn jemand sanft auf die Schulter fasste, ihn zu besänftigen versuchte und da hörte er eine dunkle, aber irgendwie auch vertraute Stimme, die ihm zuflüsterte: „Nick, beruhige dich!" Nick zögerte, stoppte seine Bewegung, und blickte hinter sich. Als er jedoch sah, dass niemand dort zu sehen war, wendete er sich Sam zu, die ihn mit einem wütenden, aber auch um Vernunft bittenden Blick ansah. Nick konnte nicht anders, entspannte sich und entfernte sich von Sam und Tyler. „Hier!", murmelte er und warf Tyler den Ball zu. „Dein Glück, dass sie hier ist...", fügte er hinzu. Tyler war überrascht von Nicks plötzlichen Sinneswandel und ihm fiel kein Spruch ein, den er Nick noch hätte hinterherwerfen können. Nick nahm sich seine Bücher aus dem Spind und schloss ihn, hob seine Tasche auf, die er beim Sturz verlor, steckte seine Bücher hinein, schulterte die Tasche und ging in Richtung der Tür, durch die Tyler und seine „Freunde" gekommen waren. Sam wusste nicht, was gerade passiert war, aber sie wusste, dass sie nichts mit Nicks Stimmungswechsel zu tun hatte. Also nahm sie ihre Tasche, verabschiedete sich flüchtig von ihren Freundinnen und lief Nick hinterher. Tyler hatte sich inzwischen gefangen und ärgerte sich, Nick trotzdem nicht geschlagen zu haben. Er beschuldigte in Gedanken Sam dafür, da Nick sich ohne ihr Einmischen auf eine Schlägerei eingelassen hätte, was Tylers eigentliches Ziel war. Nachdem er seinen Gedanken zu Ende führte, packte er seine zwei Begleiter und zerrte sie zur Ausgangstür. Währenddessen stand eine Vielzahl von Schülern im engen Korridor, die schweigend versuchten, die vergangenen drei Minuten zu verarbeiten. Nach und nach lösten diese sich aus der Starre und dem Schweigen und gingen ihren eigentlichen Unterhaltungen und Vorhaben nach. Der Lärm der sich immer lauter unterhaltenden Schülermassen kehrte in den Korridor zurück, als ob rein gar nichts geschehen wäre. Nick flüchtete förmlich durch die Tür. Im Stechschritt ging er die Treppe der Eingangstür hinunter über den riesigen Parkplatz der Schule, auf dem ein Großteil der Oberstufenschüler seine Autos parkte. Im Vorbeigehen stach Nick sofort die rote Dodge Viper ins Auge. Tylers Mutter war recht spendabel, wenn es darum ging, ihrem Sohn alle Wünsche zu erfüllen, dachte sich Nick im Stillen. Ihm zuckte regelrecht der Finger, seine angestaute Wut am Wagen auszulassen. Je mehr er drüber nachdachte, desto verlockender wurde es für ihn. Doch Sam hatte schon aufgeschlossen, nachdem Nick in Gedanken versunken sein Tempo drosselte. Er hatte sie nicht bemerkt, bis er den letzten Schritt, den sie machte, hörte, bevor sie ihn von hinten anstupste und ihn aus seinen Gedanken riss. „Schlag's dir aus dem Kopf, Nick!", grinste Sam ihn an. Nick war wenig erstaunt, dass Sam seinen Gedanken deuten konnte, schließlich kennt sie ihn länger als jeder andere. Nick war noch immer ernüchtert, es Tyler nicht heimgezahlt zu haben. „Du hättest dich nicht einmischen sollen, Sam.", gab Nick enttäuscht von sich. „Das ist es ja!", entgegnete Sam. „Auch mein Einmischen hätte dich nicht davon abgehalten, dich mit Tyler anzulegen. Dafür kenn ich deinen Dickkopf zu gut. Was war mit dir los?" Nick wusste nicht, wie oder womit er anfangen sollte. Er blickte auf den Asphalt des Parkplatzes, um seine Gedanken nicht an Sam zu verraten. Diese wusste jedoch, dass sie ihn nur ansehen musste, um es in Erfahrung zu bringen. Sie stellte sich direkt vor ihm, beugte sich etwas ab und blickte ihm in sein Gesicht. Sein Gesicht, aus dem sie wie aus einem Buch alles herauslesen konnte, was sie wissen wollte. Sie sah in sein nachdenkliches Gesicht, in die leeren Augen, die erneut in Gedanken versunken waren. „War es wieder die Stimme?", fragte Sam in mit hochgezogener Augenbraue. Nick schwieg, blickte hoch und ging, ohne Sam einen weiteren Blick zuzuwerfen. Sam wusste, dass sie ihn nun besser in Ruhe lassen sollte. Sie ging auf die Bushaltestelle zu, direkt gegenüber des Parkplatzes auf der anderen Straßenseite. Jedoch wunderte sie sich, als sie Nick hinterher sah. Statt die nördliche Straße nach Hause zu gehen, ging er nach Süden in Richtung Stadtzentrum. „Was will er denn da? Das einzige, was in dieser Richtung liegt ist doch..." Sam musste kurz nachdenken, um sich an einen Ort zu erinnern, an dem Nick sich aufhält, wenn er in solch einer schlechten Stimmung ist. „Die Kirche?", traf es sie wie ein Gedankenblitz. Wenn er wirklich zur Kirche gehen würde, wusste Sam, dass sie sich nicht sorgen musste. Sie hoffte nur, dass sie ihn morgen wiedersieht, da Nick, wenn er in einer solchen Stimmung türmt, für gewöhnlicher Weise 2 bis 3 Tage die Schule schmeißt. Die Sonne ging bereits unter und tränkte den blauen Himmel und die weißen Wolken in ein helles Rot. Nick lief im Feierabendverkehr die Südstraße entlang. Eine breite Straße, mit Gehwegen, umgeben von schon prunkvollen Ein-Familien-Häusern, jedes eine andere Farbe. Der Gehweg war leer, doch auf den Straßen rauschten unzählige Autos an Nick vorbei. Er hasste den Lärm auf den Straßen, das Gedränge, die hupenden und ungeduldigen Autofahrer. Aber vor allem hasste er die Angeber auf ihren Motorrädern, die, als ob sie irgendwas zu beweisen hätten, beim Vorbeifahren aus dem Nichts alles aus ihrer Maschine rausholen. Um dem Lärm entgegenzuwirken, holte Nick sein Handy aus der Hosentasche, stecke seine Kopfhörer rein, die er aus der anderen Hosentasche holte, zog sich die Schnur mitsamt dem Handy unter dem Pullover durch, tippte noch ein paar Mal auf sein Handy, bevor er es in die Hosentasche zurücksteckte und sich seine Kopfhörer in die Ohren steckte, um sich mit Musik vom Straßenlärm abzulenken. Der Gehweg war nach wie vor leer, abgesehen von einer Person hinter Nick, die ihn, wie er bereits bemerkte, seit 3 Blocks in einem mittleren Abstand folgte. Nick hatte sich nicht so sehr darauf fokussiert, trotzdem spürte er zu jeder Zeit seinen Verfolger in seinem Rücken. Er wusste nicht wie, doch er hatte irgendwie das Gefühl, eine gewisse Aura, die von seinem Verfolger ausging, spüren könnte. Es war wie ein Sonar, er fühlte in mehreren kleinen Impulsen die Leute in seiner Umgebung, als würde er inmitten eines großen, stillen Sees treiben und die Energien wahrnehmen, die bei jeder Bewegung entstanden und auf seinen Körper prallten. Es war ein Gefühl, das er nicht einmal fühlen konnte. Er spürte keinerlei Reiz oder Kontakt an seinem Körper, er wusste einfach, wer oder was um ihn herum war. Nick wusste nicht, ob dieses Gefühl echt oder nur Einbildung war, doch je mehr er darüber nachdachte, desto weniger wurde ihm bewusst, dass er während seines Gedankens aufgehört hatte zu gehen. Nach und nach bemerkte Nick, dass sich etwas während der letzten Sekunden geändert hatte. Er erschrak leicht, als er seine still stehenden Füße sah, blickte auf und nahm Notiz von der Kirche, vor der er wahrscheinlich schon einige Minuten stand. Nick sah sich um. Die Straßen waren plötzlich wie leer gefegt, kein Auto und kein Fußgänger weit und breit, abgesehen von seinem Verfolger, der sich in seiner grauen Montur, einem langen Mantel mit aufgezogener Kapuze und rotem Gürtel, einige Meter entfernt an ein Bushaltestellenschild lehnte. Er stand auf einem Bein, die Arme verschränkt und sein Gesicht durch die Kapuze verhüllt. Misstrauisch verzog Nick das Gesicht. Er versuchte, die Person zu erkennen, doch alles was er erkennen konnte, war das Kinn und der Mund, auf dem sich ein leichtes Lächeln abzeichnete. Die Person nahm leichten Schwung, richtete sich vom Schild auf, um sich auf beide Beine zu stellen. Auf dem blanken Pflasterstein der Bushaltestelle quietschten die schwarz-weißen Sneakers. Die Person steckte sich mit einem auffälligen Armschwung die Hände in die Manteltaschen. Das leichte Lächeln war immer noch sichtbar, bis sich die Person wegdrehte und ging. Nicks Körper entspannte sich, er holte darauf kurz Luft und ging die Treppe zur Kirchentür hoch. Die große Holztür war mit vielen Mustern verziert und knarzte laut, als Nick sich gegen sie lehnte, um sie zu öffnen. Nick spürte die Frische der kühlen Kirche, als er seinen ersten Schritt hineintat. Hinter dem kleinen Flur hinter der Tür erstreckte sich der gewaltige Saal der Kirche. Große Säulen stützen die Balkone, auf denen Orgelinstrumente im Westen und Osten des Saals standen. Das Sonnenlicht fiel durch die bunten Fenstergläser und erhellte den Saal in vielen Farben. Zum anderen Ende des Saals erstreckten sich unzählige Bankreihen. Am Ende des Saals stand ein kleines Pult und dahinter das auffällige und große Kreuz. Nick ging langsam den Gang zwischen den Bänken entlang auf das Pult zu, stoppte auf halben Wege und setzte sich auf die Bank links von ihm. Er lehnte sich entspannt in die Bank und starrte an die Decke der Kirche. Die prachtvollen Säulen liefen an der Decke zusammen und ergaben etwas wie ein Sternmuster. Nicks Gedanken trieben dahin. Er ließ sie einfach los. In völliger Gedankenleere döste er in der Stille der Kirche vor sich hin. Doch statt einzuschlafen ließ er die Augen offen, blieb wach, denn er wollte einfach nur die Ruhe und den Frieden genießen. In seiner Träumerei merkte er nicht, wie sich in der letzten Bankreihe die Person in Grau setzte. Sie schlug die Beine übereinander, verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete Nick. Die Kapuze warf ihre Schatten über die Augen der Person, nur der Mund war sichtbar. Während Nick mit einem breiten Lächeln in seiner Ruhe schwelgte, merkte er, wie eine Person sich neben ihn hinsetzte. Nick richtete sich langsam auf, nahm seinen Kopf runter und blickte einige Sekunden später zu seiner Rechten. Ein älterer Herr mit einer dunklen Robe mit roten Verzierungen, kurzen und dunklen, im Ansatz grauen Haar und faltigen, aber freundlichen Gesicht mit einer Brille mit runden Gläsern sah ihn lachend an. "Mein Sohn. Du solltest mal Sonntags herkommen. Ich sehe dich nie beim Gottesdienst.", sprach der alte Mann mit ruhiger Stimme. "Hallo, Pater George.", entgegnete Nick erfreut. "Mein Junge, was ist denn los?", fragte der Mann. "Immer wenn du hier bist, siehst du bedrückt oder besorgt aus." "Mir geht es gut, Pater. Ich genieße nur die Stille hier. Und den Frieden.", antwortete Nick. Der Pater lächelte leicht, als er seinen Blick zum Kreuz am Ende des Saals wendete.
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Der Sohn des Todes - Der Kreuzzug der Vier Reiter
FantasyNick hielt sich selbst für unscheinbar. Er war ein ganz normaler Junge, der sich durch seinen Alltag schleppte und das tat was jeder Junge seines Alters tun würde, etwa dem Traummädchen hinterherschauen. Doch als er in Kontakt mit übernatürlichen Kr...
