Missverständnis auf dem Botschaftsgelände
Hinter uns schwang die Drehtür des Hotels aus. Die Sonne schien und hatte die meisten Pfützen der Regennacht verdampft. Es würde ein warmer, schwüler Tag werden.
Carlo knickte den kleinen und undeutlichen Stadtplan unseres verjährten Reiseführers so zusammen, dass er in seiner Hand Platz fand. So würden wir nicht sofort als Touristen erkannt werden.
Carlo deutete nach rechts und sagte, „Da lang.“
Wir wollten zur Deutschen Botschaft, um uns vor Ort über aktuelle Geschehnisse vor allem im nördlichen Albanien zu informieren. Das hatten wir uns gut überlegt, schließlich riskierten wir hier, entdeckt zu werden, aber zum einen glaubten wir nicht, dass nach einem Baumarktraub die Deutschen Botschaften informiert würden und schon gar nicht die Albanische, und zum anderen tobte im Norden in Jugoslawien der Krieg. Hinzu kamen möglicherweise schwer zu bereisende Pässe, denn wir wollten zunächst Richtung Norden in die Berge reisen. Shkodra hieß die Stadt, die wir als erstes Reiseziel aufgrund des Basarviertels und der dortigen Burg auserkoren hatten.
Wir hatten schon lange vor unserem Coup das Für und Wider diskutiert. Aufgrund des anhaltenden Krieges war es einfach vernünftiger, als in eine unbekannte Gegend zu reisen, ohne die möglichen Gefahren zu kennen. Was nützte uns das Geld, wenn unser Leben auf dem Spiel stand? Und weil so weit alles geklappt hatte, zogen wir auch diesen Punkt durch.
Mit der veralteten Stadtkarte Tiranas lotsten wir uns durch die Hauptstadt, vorbei an kleinen Geschäften und Straßenverkäufern, und umrundeten die quadratmetergroßen Löcher im Bürgersteig und im Asphalt, wo die Gullideckel fehlten.
Nach einer halben Stunde hörten wir eine laute Menschenmenge. Und als wir um die nächste Ecke bogen, blieben wir beide überrascht stehen.
„Was ist das denn jetzt?“, fragte ich.
Carlo warf seine Kippe auf den Boden und trat sie aus, ohne hinzuschauen, „Das wird interessant.“
Wir staunten über die haushohen Stahlgitter am Ende der Straße, hinter denen zwei Spähpanzer standen, und ein Pulk von einhundert Menschen rüttelte brüllend auf unserer Seite an dem Gittertor. Bewaffnete Soldaten schwangen ihre Gewehre und riefen den Menschen Befehle zu, auf die niemand reagierte.
„Ist das der einzige Eingang zum Botschaftsviertel?“, fragte ich.
„Ja.“
„Was machen die da alle?“
„Weiß nicht, aber wir müssen da mitmachen.“
„Mit unseren Rucksäcken?“
Jetzt überlegte auch Carlo. Wie hoch war das Risiko, dass in dem Getümmel jemand unsere Rucksäcke stehlen würde? Aber wie hoch war das Risiko in eine Gegend zu reisen, die an ein Kriegsgebiet angrenzte? Jugoslawien zerfiel vor den Augen Europas.
„Ich würde gerne wissen, wie es im Norden aussieht, bevor wir dorthin reisen.“
„Aber den Menschenauflauf hatten wir nicht erwartet.“
„Bis jetzt ist alles glattgegangen. Lass uns nicht abweichen vom Plan.“
Unsere Blicke trafen sich, und wir marschierten geradewegs in die Menge und setzten wie alle anderen unsere Ellenbogen ein. Nach einiger Zeit standen wir in zweiter Reihe am Gatter. Das Stahltor klirrte im Rhythmus der wogenden Menge. Es bog sich nach innen und wieder zurück, als würde es atmen.
Vor uns sah ein Soldat gelangweilt auf einige zerknitterte Papiere, die ein Mann armlang in das Botschaftsviertel hineinreichte und dabei wie ein Wasserfall auf den Uniformierten einredete. Der Soldat blickte auf die Papiere ohne sie anzufassen, als trügen sie einen hochansteckenden Virus.
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Flirren
RomanceDie Studenten Tina und Carlo sehen keine berufliche Zukunft und rauben die Einnahmen eines Baumarktes. Sie fliehen über Italien nach Albanien, wo sie untertauchen wollen. Um kein Risiko einzugehen, verkleidet sich Tina sogar als Tim. Hauptsache, all...
