Roter Lebenssaft, Spinnweben und Erde vermischen sich und gerinnen zu einem Muster der Freiheit. „So viele Dinge, die die Zeit nicht heilen kann.", denkt sie und legt die Klinge beiseite. Wird es irgendwann aufhören; das Fragen nach dem Warum? Blut und Stahl tanzen im Licht des Mondes – ein Schattenspiel. Mirandas Mantel raschelt, als sie sich nach hinten fallen lässt. Warme Flüssigkeit läuft an ihren vernarbten Armen herunter und färbt das Gras dunkel. Neue Schatten, die zur Musik des Mondlichts tanzen. Sie betrachtet die fernen Sterne. Planeten und Galaxien, die für ihre Augen nichts mehr als winzige Lichtpunkte sind. Die junge Frau streckt die Hände über den Kopf und bewegt sie gleichförmig nach unten. Auf und ab. Sie stellt sich vor, wie das Blut Spuren im Gras hinterlässt und ihre Arme zu Schwingen werden. Die mächtigen Flügel eines gefallenen Engels, die sich in der nächtlichen Brise sanft bewegen. Die Schnitte schmerzen, aber sie geniesst das dumpfe Pochen und Brennen in ihren Armen. Immer wenn sie den Dolch ansetzt fühlt sie sich wie eine Seiltänzerin, die hoch am Himmel tanzt und nur die Balance sie vor dem Fall bewahrt. Frei sein und die Frage nach dem Warum vergessen. Den physischen Schmerz zur Gegenwart machen und den Blick zu den Sternen richten.
Irgendwo dort oben wird er jetzt sein. Bereut er seine Entscheidung und fragt auch nach dem Warum? Oder hat er sie alle vergessen? Seufzend streicht sie sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und richtet sich auf. Die Wunden müssen verbunden werden und dann will sie noch mal versuchen über den Dachboden ins Haus zu kommen. Vorhin hat es nicht geklappt, da sie plötzlich Schritte hörte. Wahrscheinlich die Magd, die etwas für die Herrschaft holen musste. Normalerweise wäre sie einfach an ihr vorbei geschlüpft und hätte ihren Auftrag ausgeführt. Nicht hier, denn dies ist nicht normalerweise und es ist auch kein Auftrag, der Vera ihr gegeben hat. Im Gegenteil, sie wird gegen die einzige Regel der Gilde verstossen: Keine Morde. Vera wird sie wahrscheinlich verstossen, man wird ihr den Siegelring vom Finger reissen, ihr die Augen verbinden und sie in den Sümpfen aussetzen. Alles egal. Es gibt Schlimmeres als von Mücken zerstochen und von den Freunden verstossen zu werden, die die letzten zehn Jahre ihre einzige Familie waren. Ein Versprechen muss gehalten werden, um jeden Preis. Ganz besonders dieses. Miranda hat es sich schon tausendmal ausgemalt, wie sie in das Gebäude eindringen und dann vor ihr stehen wird. Ein Lächeln im Gesicht und der Dolch in der Hand. Sie würde nicht zögern und dem Monster den Dolch ins Herz rammen. Genauso, wie sie es vor zehn Jahren getan hat. Nur würden nicht Schmerzen, sondern der Tod auf sie warten. Dolchstoss für Dolchstoss, Blutstropfen für Blutstropfen. Sie hat es verdient. Nicht wahr?
Mit geschickten Fingern knüpft sie die Verbände zu und befestigt die Armschienen. Im Nahkampf sind diese besonders wichtig, da bei einem direkten Angriff die Arme entblösst sind und jedes Zögern kann kostbare Millisekunden kosten.
Arme sind ihre Schwäche. Wie viel einfacher alles wäre, wenn man Flügel hätte. Niemand würde dann mehr über sie lachen, wenn sie wieder einmal nur einen Bruchteil von dem erbeutet hat, was die Anderen hatten. Sie würde auf die Hausdächer fliegen, hinein und wieder hinaus schleichen und könnte viel mehr Folianten auf einmal mitnehmen, da ihre Hände dann einmal nicht mit Klettern beschäftigt wären. Die Schwingen würden sie nach oben tragen – weg vom Boden, den es nicht gibt. Das Gold, die Juwelen und die nutzlosen Kronleuchter würde sie den anderen überlassen. Vera würde sie grosszügig belohnen und ihr vielleicht sogar den einen Wunsch erfüllen. Der Einzige, der sie sich nie getraut hat zu fragen. Bring mich zu meiner Schwester.
Nach den Armschienen kommt der Dolch dran, den sie mit geübten Bewegungen an ihrem Mantel säubert und dann in den linken Stiefel schiebt. Lautlos schleicht sie über die Wiese auf die grosse Steinmauer zu. Die Spinnweben in ihrem schwarzen Haar und auf dem Mantel glitzern im Mondlicht wie silberne Fäden.
Verärgert schüttelt sie den Kopf, als ihre zittrigen Hände am rauen Stein abgleiten. Die Schnitte müssen tiefer gewesen sein, als sie realisiert hat. Wütend verkrallen sich ihre Hände und Füsse. Flink wie ein Wiesel huscht sie über die Mauer und – Platsch! Prompt hat sie den Teich übersehen, der hinter der Mauer lauert. „Mist!" Fluchend rappelt sie sich auf und flucht gleich noch einmal, als sie realisiert, dass sie wird schwimmen müssen. Zu breit und tief ist der mit Farnen und Trauerweiden gesäumte Teich, als dass sie herauswaten könnte. Mit zusammen gebissenen Zähnen taucht Miranda in das eiskalte Wasser ein. Mit kräftigen Zügen versucht sie die Strecke von wenigen Metern in kurzer Zeit zu überwinden. Plötzlich beginnen Wasserblasen aufzusteigen und die glatte Oberfläche beginnt Wellen zu schlagen. Irgendetwas lauert in diesem Gewässer und sie Tölpel hat es aufgeschreckt! Miranda verdoppelt ihre Anstrengungen, doch zu spät. Etwas Glitschiges, Schleimiges streicht um ihre Beine und verschwindet wieder. Sie will schon erleichtert aufatmen, als das Wasser um sie herum zu brodeln beginnt und kürbisgrosse Wasserblasen aufsteigen. Dem Ding, das diese Blasen produzierte will sie lieber nicht begegnen. Miranda kann noch zwei weitere Züge schwimmen, als sie urplötzlich an den Beinen gepackt und unter Wasser gezerrt wird. Lange, dünne Hände, die sich von allen Seiten an ihren Körper klammern und sie unter Wasser ziehen. „Lasst mich!", versucht sie zu gurgeln und schluckt prompt eine Ladung Wasser. Es riecht faulig und irgendwie falsch. Aus den Augenwinkeln sieht sie eine grausige Fratze mit spitzen Zähnen und Kiemen vorbeischwimmen. Gurgeln und das Aufsteigen von kostbarem Sauerstoff ist das Einzige, was von ihrem Schrei zu sehen ist. Das schleichende und unaufhaltsame Gefühl von Panik beginnt sich in ihre bereit zu machen. Ein Gefühl fast so hungrig und zerstörerisch wie die Nixen selbst. Und wo verdammt noch mal, ist ihr Silberdolch? Ohne eine Silberwaffe hat sie keine Chance gegen diese Ungeheuer. In ihrer Panik beginnt sie wild um sich zu schlagen und teilt ungezielte Kicks aus. Gackerndes Lachen hallt durch die summende Unterwasserwelt. „Nah, wen haben wir denn da? Einen leckeren Mitternachtsschmaus." Immer tiefer und tiefer ziehen die Klauenhände sie hinab, bis das Wasser um sie herum nicht mehr hell und klar, sondern schummrig grün und unnatürlich warm ist. Verzweifelt versucht Miranda den Händen zu entkommen, doch vergeblich. Stattdessen packen die Klauen härter zu und ritzen ihr die Haut auf. Helles Blut schwebt durchs Wasser. Für kurze Zeit lassen die Klauen sie los und sie schafft einen halben Schwimmzug, bevor die roten Augen einer Nixe vor ihr auftauchen. „Diesen Geruch kennen wir.", informiert sie die Nixe aus zusammengekniffenen Augen. „So ein süsser Geruch. Verführerisch und tödlich. Damals. Aber du... deine Kiemen atmen noch. Du wirst uns entschädigen.", zischt sie weiter. Miranda hätte fast hysterisch aufgelacht. Selbst hier, an einem Ort wie diesem holt einen die Vergangenheit ein. Nun würde sie am selben Ort ihr Grab finden. Eine Familienvereinigung im Tode.
KAMU SEDANG MEMBACA
Gargoylisch
Fantasi"Den physischen Schmerz zur Gegenwart machen und den Blick zu den Sternen richten." In der Gilde der Diebe hat sie gelernt zu überleben. Jetzt, geht es ihr nur noch um Rache. Vergeltung für den Tod ihres Vaters, den Lord Winterstern. Wird...
