Schwarz. Die Farbe der Dunkelheit. Des Düsteren. Des Geheimnisvollen. Des Bösen. Sie schleicht heran und erstickt jeden Funken des Lichts. Schwarz ist gefährlich. Schwarz bedrängt. Bedrückt. Schwarz steht für Tod und Trauer. Das ging mir durch den Kopf, als ich mein schwarzes Kleid glatt strich. Meine Großmutter hatte es mir vor drei Jahren zu meinem 16. Geburtstag geschenkt. Bis heute hatte ich es noch nie getragen, da es nicht besonders schön war. Es war ein einfaches schwarzes Spitzenkleid mit langen Ärmeln. Außerdem war eine riesige silberne Mohnblüte auf die Brust gestickt. Das machte das Kleid so furchtbar. Es sah dadurch aus, wie aus dem letzten Jahrhundert. Heute trug ich dieses Kleid für meine Großmutter. Schließlich war es ihre Beerdigung. Ich wischte eine Träne weg. Der Tod meiner beiden Großeltern ging mir nahe. Mit ihrem Tod brach die Dunkelheit in mein Leben ein. Meine Mutter hat mich und meinen Vater noch am Tag meiner Geburt verlassen. Damit hat meine Oma die Rolle einer Mutter für mich übernommen. Jetzt bin ich 19 und ganz alleine. Mein Leben fing erst an und ich habe niemanden mehr. Naja, ich habe noch meinen Vater. Gerade als ich mir den letzten Ohrring anzog, rief mein Vater mich nach unten. Ich war froh dieses Haus endlich verlassen zu können. In der letzten Woche haben wir im alten Haus meiner Großeltern gewohnt. Für mich roch es hier nach Tod und es war schwer damit umzugehen. Alles erinnerte mich an sie. Ich nahm meinen Mantel und ging nach unten, an der Tür des Schlafzimmers meiner Großeltern vorbei. Ich blieb stehen. Sie war schwarz. Die sonst immer weiße Tür, war schwarz. Verdutzt rieb ich mir die Augen. Sie war wieder weiß. Na toll. Jetzt fang ich an zu spinnen. „April? Bist du fertig?" „Ja.", antwortete ich, zog meinen Mantel an und folgte meinem Vater zum Auto.
---
Die Kirchenglocken läuteten und wir standen still vor dem Grab. Ich ging nach vorne und legte eine rote Rose auf das Grab, die Lieblingsblume meiner Oma. Weinen wollte ich nicht. Ich nahm zwei Finger, küsste sie und legte sie dann auf das Grab. Dann machte ich Platz. Es war ein schöner Sommertag und mir war warm. Plötzlich aber wurde jede Faser meines Körpers von Kälte erfasst. Sie kam von innen. Als hätte man jeden meiner Knochen für einen Tag in die Gefriertruhe gelegt. Die Wärme der Sonne spürte ich nicht mehr. Ich schaute mich um, suchte nach etwas, nach einem wieso. Mein Blick blieb an einem Mann hängen. Da er schwarz gekleidet war, musste er zur Trauergesellschaft gehören. Er stand jedoch abseits, gute zehn bis fünfzehn Meter entfernt. Ich fokussierte ihn weiter. Seine Augen suchten etwas. Sie betrachteten jeden Menschen der Gruppe ganz genau. Er analysierte kurz jeden Trauernden und ging dann zum nächsten weiter. Bei mir verharrte sein Blick. Unsere Blicke trafen sich und eine Weile starrten wir uns gegenseitig an. Wieso ich? Weil ich so verängstigt aussah? Oder weil meine roten Haare unter all den grauen Köpfen einfach auffielen? Seine Augen wanderten an mir herab. Sie suchten meinen ganzen Körper ab. Ich drehte mich ihm ein bisschen zu. Gerne wäre ich auf ihn zugelaufen, um ihn zu fragen, was er von mir wollte. Doch ich konnte mich nicht bewegen. Sein Blick war so starr auf mich gerichtet, dass ich Angst hatte auch nur den Fuß zu heben. Sein Blick war so fest auf mich gerichtet. Aber auf was nur? Ich versuchte seinen Augen zu folgen. Es war die Mohnblüte. Sie war das, was ihn so anzog. Ich wandte meinen Blick ab. Nachdem ich eine ganze Weile runter auf den Boden geschaut hatte, näherte sich jemand von hinten und umarmte mich. Erleichtert stellte ich fest, dass es mein Dad war. Der schwarze Mann war weg. „Kommst du mit zum Mittagessen?", fragte mein Vater. „Nein. Ich fahre jetzt. Es ist ja auch mein erster Tag am College. Wie kommst du nachhause, schließlich nehme ich das Auto." „Ich nehme ein Taxi. Mach dir keine Sorgen um mich, fahr ans College und versprich mir wenigstens zu versuchen, den Tag noch zu genießen." Er gab mir zum Abschied einen Kuss auf die Stirn. Ich stieg in mein Auto, in welches ich am Vortag schon mein Zeug verstaut hatte, und fuhr los.
---
Nach einer langen Fahrt kam ich endlich an. Ich wollte versuchen den Tag trotz der Beerdigung zu genießen. Meinen ersten Tag am College. Ich stieg aus. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. College Luft. Yale Luft. Ich holte den Campusplan aus meiner Tasche. Ich hatte keine Ahnung wo ich hin musste. Ich konnte mich noch nie gut orientieren. Ich schaute nach links, ich schaute nach rechts. Hier müsste doch irgendwo ein Erstsemesterbeauftragter sein. „Hi."Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein junger gut aussehender Mann in einem Yale T-Shirt, einer der anderen Studenten. „Was starrst du so verloren in der Gegend rum?" Er lächelte. „Hi", antwortete ich, „ähm ... i ich ..." – ich stotterte weiter vor mich hin, wieso machte er mich so nervös – „bist du ein Erstsemesterbeauftragter?", brachte ich endlich raus. „Nein. Hier sind auch grad keine. Aber ich bin hier." Er grinste noch breiter als davor. „Ist das deine Masche?", fragte ich ihn, „du kommst hierher, suchst nach verlorenen Erstsemestern, bietest ihnen deine Hilfe an und beeindruckst sie so sehr, dass sie sich sofort in dich verlieben?" Perplex schaute er mich an. Diesmal war er es, der nicht wusste, was er sagen sollte. Er öffnete den Mund, als wüsste er es jetzt, verharrte jedoch kurz bevor er sprach. „Ich weiß nicht, ob ich jetzt sagen soll, dass du mich durchschaut hast und, ob es funktioniert hat und wir vielleicht mal einen Kaffee zusammen trinken wollen. Oder, dass ich furchtbar bestürzt bin, für wie primitiv du mich hältst und dass du jetzt mit mir als Entschuldigung einen Kaffee trinken gehen musst." Am Ende schmunzelte er. Mir fiel auf wie süß er aussah, wenn ein Lächeln, um seine Lippen tanzte. Er schaute mir tief in die Augen und sprach: „Kann ich dich trotzdem zu deinem Zimmer bringen? Ich könnte dir tragen helfen." Ich nickte schüchtern. Wir nahmen mein Zeug aus dem Auto. Dabei sagten wir nichts, sondern lächelten uns nur verlegen an. „Wo müssen wir hin?", fragte ich. „Als erstes brauchen wir einen Erstsemesterbeauftragten, da hinten sind bestimmt welche." Er zeigte mit dem Kopf in eine Richtung und ging los. Ich folgte ihm. Er lief auf einen Studenten zu, auf dessen T-Shirt Erstsemesterbeauftragter stand. „Kann ich euch helfen?" „Ja", antwortete ... mir fiel auf, dass ich gar nicht seinen Namen kannte. „Name?" „April Matthews.", sagte ich. Er checkte eine Liste und gab mir dann meinen Schlüssel. „Raum 11 im Branford Haus. Brauchst du eine Wegbeschreibung?" „Nein ich hab ihn. Aber danke." Wir gingen weiter. Es dauerte zehn Minuten, bis er anhielt. Er blieb so abrupt stehen, dass ich volle Kanne in ihn hineinlief und dabei meine Taschen fallen ließ. Er lachte. „Wir sind da." „Wirklich?" „Ja wirklich." Ich ließ mein Zeug auf dem Boden liegen und schloss die Tür auf. Ich stand staunend über das, was für das nächste Jahr mein, naja, zuhause sein würde, da. „Ich muss jetzt leider gehen." Ich drehte mich um, er stand im Türrahmen. Er hatte meine Sachen alle schon in ein Zimmer getragen. „Ich dachte, dass Zimmer würde dir besser gefallen." „Was ist dein Name?" „Anthony. Anthony Witten." Er drehte sich um und ging. Irgendwie vermisste ich ihn jetzt schon. Oder mehr das Gefühl, dass ich hatte, als er noch da gewesen war. Ich hatte kurz vergessen, dass ich heute meine Großeltern beerdigt hatte. Kurz hatte ich die Trauer vergessen. Ich ging in mein Zimmer und schmiss mich aufs Bett und schaute die Decke an. Es war gemütlich. Ich atmete ein paar Mal ein und aus und schloss die Augen. Dann klopfte es an der Tür. Nicht meiner Zimmertür, sondern an der Eingangstür. Ich erhob mich seufzend von meinem Bett und lief zur Tür. Mit jedem Schritt kam das mulmige Gefühl von heute Vormittag zurück. Als der schwarze Mann mich angeschaut hat. Kurz zögerte ich, ob ich die Tür wirklich öffnen sollte. Es kam mir so vor, als ob dieser kleine normale Moment, in dem ich einfach nur auf meinem Bett gelegen habe, der letzte normale Moment für eine lange Zeit sein würde. Aber ein innerer Trieb zwang mich förmlich sie zu öffnen. Der schwarze Mann stand davor. Ich hatte jedoch keine Angst. Obwohl die Tatsache, dass er mir anscheinend vom Friedhof zu meinem Wohnhaus am Campus der Uni gefolgt sein musste, mich hätte beunruhigen sollen. Ich wusste aber, er würde mir nichts tun. Diese Gewissheit beruhigte mich. „Sind Sie April Quinn?" „Nein. April Matthews. Quinn ist der Mädchenname meiner Mutter." „Also sind Sie die Enkelin von Mary Luise Quinn." „Sind Sie mir deshalb gefolgt?", mir brannte es auf der Zunge zu wissen, was seine Absichten waren. „Nein. Aber deswegen bin ich hier." „Wenn Sie mir nicht gefolgt sind, woher wissen Sie dann wo Sie mich finden können." „Ihre Großmutter hat mich in einem Brief ausreichend über Sie informiert. Abgesehen davon, wissen wir immer, wo Leute unsere Art sind." Leute unserer Art? Was meinte er? Bevor ich ihn fragen konnte, zog er einen Brief aus seiner Jackentasche und gab ihn mir. „Der ist für Sie. Mary Luise Quinn schrieb ihn für Sie. Sie haben sicher viele Fragen. Sie will, dass sie ihn so schnell wie möglich lesen." „Sie meinen wollte ", stammelte ich, „sie ist tot." Er lachte kurz. „Sie haben wirklich von nichts eine Ahnung.", sagte er. „Wovon denn?!", fragte ich ihn in der Hoffnung, dass er meiner Verwirrung ein Ende bereiten könnte. „Sie haben wirklich keine Ahnung?" Ich schüttelte den Kopf. „Oh Mary Luise! Womit hast du mich hier nur alleine gelassen?", seufzte er und schaute hoch.
YOU ARE READING
Mohnblüte
FantasyEs ist komisch, wie sich das Leben verändern kann. Mit einem Moment ist alles anders. Mit jeden Wimpernschlag ändert sich die Sicht der Dinge. Für April ist es das Herz ihrer Oma, das nicht mehr schlägt. Die Dunkelheit, das Böse kommt in ihr Leben...
