1 - Tag der Auswahl

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Ich saß in der Küche und schälte eine Kartoffel nach der anderen.
Immer wieder aufs neue entfernte ich die erdige Schale und brachte den goldenen, reinen, fast strahlenden Kern der Kartoffel zum Vorschein.
Dabei türmten sich die Kartoffelschalen auf der verschmutzten Arbeitsplatte, die man nur noch unter den Schalen vermuten konnte.
Nach einer guten Stunde hatte ich die Hälfte der Kartoffeln geschält. In meinem Dorf ist es Tradition, dass wir wenn möglich jeden dritten Tag für alle kranken und alten warme Suppe zubereiten. Mit der Zubereitung wechseln wir uns im Dorf täglich ab. Für uns ist es immer eine große Freude wenn wir sie zubereiten dürfen. Die Zutaten werden von den Bauern gespendet und die Familie, die die Suppe zubereitet darf sich eine Portion pro Familienmitglied nehmen. So unterstützen wir uns gegenseitig in der Dorfgemeinschaft. Die Suppe ist unsere einzige  Chance auf eine warme Mahlzeit und ist gerade für meine Mutter und meinen kleinen Bruder sehr wichtig um bei Kräften zu bleiben.


„Aaaaaarrrgghhh neeeeiiiin nicht schon wieder!!!"

Aus dem nichts hörte ich einen verzweifelten Schrei der mir durch Mark und Bein ging.
Dieser Schrei konnte nur von meiner Mutter stammen. 
Das direkt darauf folgende Geläute der Kirchenglocken ließ keine andere Vermutung mehr zu. Die Vampire kommen heute, um sich ihren Tribut zu holen. Ich ließ das Messer sofort fallen und rannte so schnell ich konnte aus der Küche zu meiner Mutter. Diese saß zusammengekauert und leise schluchzend in ihrem Sessel am Fenster. Mein kleiner Bruder saß vor dem knisternden Kamin und spielte mit seinen Soldatenfiguren.

Meine große Schwester wurde uns vor fast 6 Jahren von den Vampiren genommen. Sie wurde von ihnen am Tag der Auswahl als Tribut gewählt. Und doch kam es uns allen so vor als wäre es gestern gewesen.
Und Heute ist es also wieder soweit. Wieder wird irgendeine junge Frau den bösartigen Vampiren übergeben.

"Wenn sie mir dich auch noch nehmen, überlebe ich das nicht!"
Schrie meine Mutter aus Verzweiflung, als sie mich den heruntergekommen Salon betreten sah. Mein kleiner Bruder ließ seinen Spielzeugsoldaten fallen, fing an zu weinen und lief aus dem Raum.
"Sie werden mich nicht nehmen! Wir haben unseren Anteil bereits geleistet." Ich musste sie irgendwie beruhigen. Denn jeder wusste das die Vampire keinerlei Rücksicht darauf nahmen welche Familie bereits eine Tochter abgab und welche nicht. Dazu kam noch das mein Vater vor einem Jahr an Fieber starb und wir jede Arbeitskraft brauchen um zu überleben...
"Geh, du musst dich fertig machen." Sagte sie mit zittriger Stimme.

Leider musste man zur „großen Auswahl" das beste anziehen was man besitzt, um den örtlichen Fürsten und seine Handlanger nicht zu verärgern. Am liebsten würde ich mit einem Kartoffelsack als Kleidung dorthin gehen! Aber wenn man so zur Auswahl erschien wird man direkt hingerichtet, das kann ich meiner Mutter nicht antuen. 

Somit verließ den Salon und lief in den Waschraum. Dort wusch ich mich und kämmte mir die Haare. Ich legte mir mein schönstes Kleid heraus und zog es mithilfe von Marie an. Sie war eine unserer Mägde, blieb nach dem Tod meines Vaters als einzige und arbeitete mehr als zuvor für uns. Obwohl wir sie nicht mehr bezahlen konnten... Sie gehört mittlerweile zur Familie. Als ich fertig war, lief ich mit meiner Mutter zum Marktplatz. Dort würde in ein paar Minuten der Vampirfürst mit seinem Gefolge ankommen. Marie kümmerte sich in der Zwischenzeit  um meinen kleinen Bruder.


Der Bürgermeister war bereits vor Ort und stellte sicher, dass keine junge Frau im Alter von 16 bis 22 Jahren fehlte. Er stellte uns alle in einer ordentlichen Reihe auf. Das war ebenso wie unsere beste Kleidung eine Auflage des Vampirfürsten. Wenn eine von uns fehlen würde, würde es sowohl der Bürgermeister als auch das ganze Dorf mit dem Leben bezahlen müssen. So sah es der Ältestenrat als das kleinere Übel an, eine zu opfern. Denn die Alternative wäre, dass das ganze Dorf das Leben verliert. Diese Entscheidung empfanden die meisten Einwohner für gut. Aber auch die, die dagegen waren fügten sich der Mehrheit, um die anderen aus dem Dorf zu schützen. Außerdem kannten viele es nicht anders und nahmen die Auswahl als normal hin. An die Zeit, als die Vampire noch als ausgerottet galten und die Menschen noch frei waren, können sich nur noch die ältesten der Alten erinnern. Wodurch die Vampire wiederkehrten und an die Macht kamen ist ein Rätsel. Es gibt lediglich Geschichten, dass Bergleute unwissend den Stein der Macht fanden, ihn aufnahmen und das den Vampiren ihre Lebenskraft zurück gab. Aufzeichnungen darüber, wie es die Menschen vor mehreren Hundert Jahren schafften die Vampire auszurotten gibt es nicht. Mit der Machtübernahme wurde es verboten Bücher zu besitzen, zu schreiben oder anderen das Lesen und Schreiben beizubringen. Die Vampire setzten die Todesstrafe auf den Besitz, den Erwerb und sogar auf das beibringen der Lese- und Schreibkunst.

Als die Kutsche des Fürsten in Sichtweite kam rannte meine Mutter auf mich zu und zog mich in eine feste Umarmung. Diese erwiderte ich und schloss auch sie fest in meine Arme.
Kurz bevor die Kutsche den Marktplatz erreichte wurde sie von zwei Wachen zu den anderen Dorfbewohnern gebracht. Alle Blicke waren nun auf die Kutsche gerichtet.

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⏰ Last updated: Feb 14, 2024 ⏰

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