Willkommen im Hinterland

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Ich fuhr schon eine ganze Weile durch das finnische Niemandsland. Obwohl ich nur 30 Minuten von der Stadtgrenze Helsinkis entfernt war, hatte ich das Gefühl gleich würden Dornenbüsche meinen Weg kreuzen. Mein Navi brüllte mich zum wiederholten Mal durch die Boxen an: „Kein GPS Signal". Wundern tat mich das gar nicht. Hier war weit und breit nichts. Ab und zu kam ich an ein paar Holzhäusern vorbei und sonst sah ich nur Wald, Bäume oder Wiesen. Ich lebte bereits mein ganzen Leben in Finnland und kannte Helsinki und seine Randgebiete in- und auswendig, aber hier war ich noch nie gewesen. Ich stoppte den Wagen, griff in das Handschuhfach auf der Beifahrerseite und zog die Straßenkarte raus. Als dieser Typ den Termin mit mir ausgemacht hatte, hatte er mir eine genaue Beschreibung durchgegeben und ich hatte sofort gesagt, dass ich im 21. Jahrhundert im Besitz eines Navigationsgerätes war, aber schon da hatte er mir gesagt, dass es wohl nicht funktionieren würde. Ich hatte das nicht so richtig glauben wollen und ihm bei der Wegbeschreibung nicht mehr so genau zugehört. „Was ist das denn für ein Hinterwälder?" hatte ich gedacht. Tja, der Eingeborene hatte Recht behalten. Ich suchte die Karte ab und fand am oberen Ende die Straße in der ich mich befand und auch die Map zeigte mir hier nur grün, links und rechts. Ich legte das Papier auf meinen Schoß und fuhr weiter, bis ich endlich in die richtige Straße gefunden hatte, wo wir uns treffen wollten.

Seit nunmehr 5 Jahren arbeitete ich in meiner eigenen Firma. Was vielleicht von vielen als „Entrümplungsunternehmen", „Antiquitätenhändler" oder „Trödelsammlerin" betitelt wurde, bildete den Grundstein meiner Existenz. Mich riefen Leute an, die etwas loswerden wollten, aber entweder nicht wussten wie, oder sich nicht sicher waren, wieviel man für ihren Trödel bekam. Ich hatte in den letzten Jahren viele Kontakte geknüpft und diese reichten vom Schmuckhändler, über Musikhäuser bis hin zum Möbelbauer oder Autohändler. Wenn jemand nicht wusste, ob er vielleicht einen Schatz hegte, sah ich mir die Dinge an, fand den Wert heraus, wenn ich ihn nicht kannte und sagte ihm, was ihm das gute Stück bringen würde und konnte ihm meistens auch sagen, wo er es loswurde. Von der 5-Euro-Halskette bis zum 10tausend Euro Klavierflügel oder Opas wertvoller Münzsammlung war schon alles dabei gewesen. Vor 2 Wochen hatte mich dieser Kerl angerufen. Er hatte eine große Scheune, die voller alter Sachen stand, die er verkaufen wollte. Über den Wert war er sich noch nicht ganz im Klaren, aber er schlug vor, dass ich mir das erstmal anguckte, um zu entscheiden, ob ich den Auftrag annehmen wollte oder nicht.

Endlich bog ich in die kleine Auffahrt des Hauses und schaltete den Motor aus. Als ich aus dem Wagen stieg sah ich mich auf dem Grundstück um. Das große rote Holzhaus mit den weißen Fensterrahmen sah eher aus wie ein riesiges Mökki. Direkt an die Hauswand grenzte die Scheune, die mich an die Gebilde aus amerikanischen Filmen erinnerte. Das Haus hatte eine kleine Veranda mit einer Hollywoodschaukel, einer kleine Essecke und um das Grundstück herum stand ein ordentlicher, sauberer, weißer Gartenzaun. Überall blühten Blumen, die Hecken waren gestutzt und akkurat geschnitten und in der Einfahrt vor mir stand ein großer, dunkelroter, amerikanischer Pick-Up. Alles wirkte ein wenig als sei ich bei den Waltons auf der Ranch gelandet. Als ich Richtung Veranda und Haustür ging, sah ich, dass das Grundstück noch weitaus größer war und der Garten, mit dem gepflegten Rasen sich noch weit hinter dem Haus erstreckte. Dort standen Gewächshäuser, Bäume, eine großer Tisch mit Stühlen und ein riesiger, gemauerter Grill, bei dem wohl jeder Mann schreiend im Kreis gelaufen wäre. Ich lehnte den Kopf ein wenig zurück und lugte weiter um die Ecke, wo ich noch eine Feuerstelle entdeckte und den Anfang einer großen Terrasse mit großzügigen Rattan-Möbeln. An Geld schien es hier nicht zu mangeln, allerdings hatte ich auch keine Vorstellung, was mich hier erwarten würde. Wahrscheinlich ein älteres Ehepaar, dass seine Zeit in Gartenarbeit investierte und den Weg nur in die Stadt fand, um sich Terrassenmöbel für mehrere tausend Euro zu kaufen, weil es sich sonst aus dem eigenen Garten ernährte und hinter dem Grundstück noch ein paar Kühe und Hühner versorgte. Die Kinder und Enkelkinder kamen regelmäßig vorbei, um die Pferde, die vielleicht hier noch irgendwo untergebracht waren zu bewegen und abends grillte die glückliche Farmfamilie zusammen und saß am Feuer, um Lieder zu singen. „Gute Nacht John-Boy!" hallte es in meinem Kopf und ich betrat grinsend die Veranda und drückte auf die Klingel, über der, der Name Vaasmaa in ein Metallschild geprägt war. Ein Türklopfer hätte mich hier auch nicht verwundert, aber das Handy in meiner Hand vibrierte, um mich darüber zu informieren, dass es sich in ein WLAN-Netz verbinden könnte, wenn ich denn wollte.
Die Tür öffnete sich und mir sprang ein Golden Retriever entgegen, der kurz aufbellte und schwanzwedelnd um meine Beine lief, um mich freudig zu begrüßen.
„Karhu, komm her!" brummte es lachend aus Richtung Türrahmen.
Ich strich dem Hund kurz über den Kopf und sah auf. In der Tür lehnte ein großer Mann - bei weitem nicht so alt, wie ich vielleicht erwartet hatte. Von der Rente war er noch weit entfernt und er grinste etwas hilflos und gab dem Hund Zeichen, die dieser komplett ignorierte. Der Kerl sah so gar nicht aus wie ein Einsiedler. Er trat ein Stück heraus, griff nach Karhus blauem Halsband und schon, drehte der Hund sich um, lief zurück ins Haus und legte sich in einen großen Korb im Flur.
„Hallo!" sagte der Hüne mit der schwarzen Schirmmütze. „Bist du Kiira?"
„Ja. Kiira Lagerbloom. Dann bist du Aleksi?"
Er nickte und griff nach meiner Hand.
„Keine Angst vor Karhu, der tut nichts."
„Ich habe keine Angst. Meine Mutter hat auch so einen, Allerdings heißt er nicht wie eine Biermarke." Lachte ich. „Und wir ein Bär sieht es ja nun auch nicht aus."
Aleksi zuckte grinsend die Schultern und versteckte die Hände in seinen Hosentaschen.
„Karhu ist wie ich. Wir sehen nicht so gefährlich aus, wie wir sind."
„Sehr beruhigend zu hören. Ein Mann lockt mich in den Wald und sagt mir er sehe nicht so gefährlich aus, wie er ist. Das ist der Moment, wo in Horrorfilmen die Machete hervorgekramt wird."
Aleksi lachte laut und schüttelte den Kopf.
„Vielleicht trinken wir auch nur gern Bier."
Er war locker einen Kopf größer als ich, unter dem schwarzen Kappy lugten im Nacken blonde Haare hervor und er sah so ganz anders aus, als der Mann, den ich mir ausgemalt hatte, als wir telefoniert hatten und nochmal ganz anders als der Mann, der hier, soweit außerhalb, in der finnischen Einöde residierte. Ich schätze ihn auf irgendwas zwischen Mitte 30 und Anfang 40. Je nachdem wie gut er in der Genlotterie gewonnen hatte. Er trug ein schwarzes T-Shirt, darüber ein offenes rot-schwarz-kariertes Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, schwarze Jeans und schwarze Converse-Turnschuhe. Unter dem Schatten des Mützenschirm blitzen blaue Augen hervor und ein heller, nicht ganz so voller Bart zog sich durch sein Gesicht und die schmalen Lippen. In die helle Haut seiner Unterarme waren diverse Dinge tätowiert, die ich auf die Schnelle aber nicht entziffern konnte und er trug Ohrstecker in beiden Ohren. So einen Bauern hatte ich noch nie gesehen.
„Komm rein!" meinte er und betrat vor mir den kleinen Flur, ließ mich passieren und schloss die Tür hinter mir.
„Du kannst die Schuhe anlassen, wir gehen eh gleich in die Scheune rüber." Brummte er und ging vor.

Direkt hinter der Dielentür erstreckte sich ein riesiger Wohnbereich, durch den er mich in die offene Küche führte. Das Haus war hell und durch die große verglaste Hinterfront sah ich, wie groß der Garten tatsächlich war. Dieser reichte bis kurz vor den Rand des nächsten Waldes und die großen, gemütlichen Möbel auf der Terrasse rundeten das Bild der Idylle ab. Der Wohn- und Essbereich war modern eingerichtet. Ein hellgraues Sofa mit vielen grauen und weißen Kissen und ein Fernseher, der so groß war, dass das weiße Bord, auf dem er stand drohte nachzugeben. An den Wänden hingen schwarz-weiß-Fotografien, auf Leinwände gezogen. Eines von einem Boxer, der sich anscheinend sehr über seinen Sieg freute, ein anderes zeigte die Skyline irgendeiner Großstadt und auf dem Dritten war ein kleines Boot auf einem See abgebildet. Überall hingen Boxen an den Wänden. Hier legte man wohl Wert auf guten Sound. Ein großer Esstisch aus weißem Holz mit 6 Stühlen rundete das Bild ab. Es gab viele Pflanzen, die auf den Regalen standen und ein paar Orchideen genossen die Sonne auf der Fensterbank. Die Dame des Hauses hatte offenbar einen grünen Daumen.
„Möchtest du etwas trinken? Wasser? Saft? Kaffee?" fragte er und öffnete einen der Küchenschränke.
„Ja gern. Kaffee." Antwortete ich und sah mich weiter im Raum um. Es gab einen cremefarbenen Teppich, bis an den Rand der Küche, deren Boden mit großen, matten, dunkelgrauen Fliesen bestückt war. Alle Geräte waren aus Edelstahl, bis auf die Schränke, die in weiß und auf hochglanzpoliert in der Sonne glänzten. Einen Putzfimmel schien sie also auch zu haben. Und Zeit.
Aleksi drückte einen der vielen Knöpfe auf dem Kaffeevollautomaten und stellte einen Becher darunter.
„Milch?"
„Ja bitte."
Er öffnete den zweitürigen Kühlschrank, der auf einer Seite anscheinend nur Flüssigkeiten beherbergte. Im Inneren türmten sich Wasserflaschen, Bierdosen, Saftpakete und Weißwein. Anscheinend auch Milch, denn die goss er jetzt in den Becher. Neben dem großen Kühlschrank stand ein Weinkühler, der offensichtlich teure Rotweine perfekt temperierte.
„Schönes Haus." Meinte ich und sah zu ihm rüber, als er sich an den Küchentresen lehnte und zusah, wie der Kaffee in den Becher lief und nach seinem eigenen rot-weiß-blauen IFK-Kaffeebecher griff, der neben ihm auf der schwarzen Arbeitsplatte stand.
„Danke."
„IFK, mmh?"
Er grinste. Ich kannte dieses stolze Grinsen. Mein Bruder hatte denselben verklärt, stolzen Gesichtsausdruck, wenn es um diese Mannschaft ging.
„Fährst du auch immer zu den Spielen?"
„Manchmal", meinte er und reichte mir meinen Kaffee, „nicht oft. Wenn ich Lust habe. Früher bin ich öfter hingefahren und habe selten ein Spiel verpasst, wenn ich Zeit hatte. Jetzt gucke ich es meistens im Fernsehen."
„Ist ja auch immer ne Strecke von hier draußen."
Aleksi nickte.
„Ja, das auch. Wollen wir in die Scheune gehen, dann zeig ich dir mal, wobei ich vielleicht Hilfe brauchen könnte."
„Klar."

Ich folgte ihm zurück in den Flur, durch einen Hauswirtschaftsraum mit Wäscheleinen, einer Maschine und einem Trockner. Daneben standen allerlei Gartengeräte und Werkzeug. Er öffnete eine weitere Tür und wir standen in der großen Scheune, deren Licht er einschaltete. Von innen wirkte es eher wie eine Garage mit sehr hoher Decke. Fehlte eigentlich nur noch der Heuboden, aber den gab es nicht. Ich sah zur Decke hoch und ließ meinen Blick durch den Raum wandern.
„Das war mal ein kleines Silo. Ich habe es umbauen lassen. Eigentlich sollte es nur als Garage dienen, aber hier ist so viel Krempel drin, dass der Wagen nun draußen steht. Im Winter wollte ich ihn nun endlich mal drinnen haben, weil er jedes Mal zufriert und das nervt mich einfach tierisch. Also dachte ich, dass es Zeit wird sich von einigen Dingen ein für alle Mal zu verabschieden und ich würde das alles gern verkaufen. Ein paar Dinge bin ich schon losgeworden. Habe etwas gespendet und einiges auch einfach weggeworfen, aber das hier ist zu schade, um es auf den Müll zu werfen und ich kann nicht alle 2 Tage irgendwas mit in die Stadt fahren. Ich dachte du hast da vielleicht einen besseren Plan. Nicht nur, was den Wert angeht, sondern auch den Transport. Ich könnte mich auch selbst darum kümmern, aber einige Sachen haben auch einen emotionalen Wert und ich will mir das nicht alles jeden Tag angucken müssen. Außerdem bin ich faul geworden, was das angeht. Es ist zumindest alles sortiert. Also alles was hier auf der Seite steht", er breitete den Arm aus und zog eine unsichtbare Grenze, „kann weg. Wie ist mir egal. Hauptsache es landet nicht auf dem Müll."
Der halbe Raum war voller Kisten, Koffer und Kartons, die ordentlich auf Regalen standen oder daneben aufgereiht waren.
„Puh!", machte ich und blies die Wangen auf, „Ich dachte ich komme her, gucke mir ein paar Sachen an, nehme vielleicht was mit und nächste Woche sage ich dir Bescheid, aber das hier..." Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. „Das wird ein wenig länger dauern."
„Ich weiß. Kein Stress. Mach das so wie du es schaffst, Hauptsache ich kann meinen Wagen hier drinnen parken, wenn es anfängt zu frieren und das ist ja noch ein paar Monate hin. Ich bin meistens zu Hause. Wie du vielleicht gesehen hast ist hier viel zu tun auf dem Gelände. Guck dir alles in Ruhe an und wenn du Bock hast das zu machen, dann sag mir Bescheid. Dann kannst du auch einfach vorher anrufen, wann du Zeit hast und kommst her. Wie läuft das eigentlich mit der Bezahlung?"
„Also ich nehme 25 Prozent vom Erlös."
Aleksi nickte.
„Sagen wir 35. Ich weiß, dass ich dir enorme Umstände mache und du musst ja auch hierher fahren. Kommen da noch andere Leute, die hier gucken müssen?"
„Nein. Eigentlich nicht. Normalerweise hole ich die Sachen ab und bringe sie hin."
„Okay. Falls doch mal jemand mitkommen muss, dann wäre es nett, wenn du mir Bescheid sagst. Zumindest hab ich hier noch etwas, was vielleicht mal ein Händler angucken sollte und da die letzte Inspektion schon etwas her ist, wäre es vielleicht besser, wenn du damit nicht in die Stadt fährst."
Er ging um die Kisten herum und zog an einer Plane, die offensichtlich ein Auto verdeckte. Mit einem Schwung, zog er den Stoff vom Wagen und ich machte große Augen. Ein schwarzer 4er BMW 435M. Cabrio. Sportausstattung. Ledersitze. Alles an Heckmeck, was man in ein Auto packen konnte.
„Warum verkaufst du den?" meinte ich. „Ist der Motor kaputt? Der sieht doch noch gut aus."
„Nein. Mit dem Wagen ist alles in Ordnung. Der braucht nicht mal neue Reifen. Vielleicht eine neue Batterie. Keine Ahnung ob er anspringt. Ich brauche ihn nicht mehr. Er ist unpraktisch. Ich kann damit nichts transportieren."
„Den fährt man auch nicht, um etwas zu transportieren."
„Glaub mir, das weiß ich. Aber ich fahre ihn nicht mehr. Jetzt steht er nur rum und vielleicht hat jemand anderes da mehr Spaß dran."
„Okay. Wie du willst." Nochmal pustete ich die Luft aus und sah kopfschüttelnd auf das Auto.
Aleksi schlug die Plane wieder über das Geschoss.
„Wie gesagt, das ist alles sortiert. Vielleicht sind noch ein paar Kisten mit Kleinkram dazwischen oder Bürosachen. Dafür wirst du keine Verwendung haben. Wenn da Sachen sind, womit du nix anfangen kannst, einfach ignorieren. Über die Jahre ist vielleicht doch mal was durcheinander geraten. Also alles, was du nicht irgendwie gebrauchen kannst, kannst du einfach stehen lassen. Darum kümmere ich mich dann selbst. Guck dir alles in Ruhe an. Ich bin draußen, falls du Fragen hast. Wenn du Bock hast, das zu machen, dann sag mir einfach Bescheid."
Ich nickte und sah zu, wie er den Stoff auf dem Auto wieder zurecht zog, an der Seite über den Lack strich und sich mit einem nostalgischen Blick in der Scheune umsah. So ganz hatte er anscheinend mit den Dingen nicht wirklich abgeschlossen.
„Kennst du dich auch mit Instrumenten aus?"
„Ja, ein bisschen. Ich kenne aber auch einen Musikhändler. Der guckt sich das auch gern an und schätzt das. Was für ein Instrument ist es denn?"
„Da hinter dem Vorhang, hinter den Kisten sind welche. Wirf einfach einen Blick drauf! Wenn du meinst, dass du einen Abnehmer dafür hast, dann gib es mir einfach durch. Egal, guck dir alles in Ruhe an. Ich bin hinten."
Er deutete mit dem Daumen auf die Tür und ging rückwärts hindurch.

Wieder sah ich mich in dem sortierten Chaos um. Vielleicht hatte er was geerbt oder war krank und hatte niemanden, dem er was hinterlassen konnte. Vielleicht war er auch einfach nur stinkreich, weil mal eine gute Idee gehabt hatte und hatte dann sein Hobby, das Gärtnern, zum Beruf gemacht. Seit wir in der Scheune angekommen waren, hatte er ernster gewirkt und anscheinend war das hier kein Raum, in dem er sich gern aufhielt. Ob das an den Sachen lag? Vielleicht war seine Frau gestorben. Er hatte gesagt, dass vieles einen emotionalen Wert hatte und er sich das nicht nochmal angucken wollte. Und egal wie wertvoll es war, vielleicht hatte er einfach keine Verwendung dafür.
Ich nahm mir einen Klappstuhl von der Wand, platzierte ihn vor einer der Kisten und öffnete den Deckel. Darin lagen diverse CD's und T-Shirts. Damit konnte ich nicht viel anfangen. Außer es wäre vielleichte eine handsignierte Vinylplatte von den Stones dabei. Ich nahm die nächste Kiste, aber auch darin befand sich nur Kleinkram. Eine hässliche Kette mit einem Lederband, Kaffeebecher, ein paar Sonnenbrillen, die damals vielleicht mal 100 Euro gekostet hatten, aber für die man im Secondhandladen auch nur noch 10 bekam und die auch niemand mehr trug. Drumsticks, Kugelschreiber, ein Karton mit In-Ear-Monitoren, auf denen Hieroglyphen gedruckt waren. F.Y.H., D.L.A.C, W.H., B.H.. Aha. Viele Kabel und Zubehör für Gitarren. Eine Schachtel mit Plektren, Kapodaster, Gitarrensaiten und Kopfhörer. Anscheinend kam ich den Instrumenten näher und höchstwahrscheinlich fand ich 2 alte Gitarren, die seit 20 Jahren nicht bespielt worden waren und über die sich irgendwann eine Schule für den Musikunterricht freuen konnte. Ich stand vom Stuhl auf, schob 2 Koffer und einen großen Karton beiseite und öffnete den Vorhang, der eine Nische in der Scheune bedeckte. Dahinter standen Gitarrenkoffer. Schwarz. Weiße Schrift. Gibson. Ich musste gucken, als hätte ich die zerstückelte Leiche seiner Frau in der Gefriertruhe gefunden. Da stand nicht eine alte Gitarre. Da standen genau 8. Vorausgesetzt in den Koffern war etwas drin. Nach und nach öffnete ich jeden der Behälter und unter jedem Deckel versteckte sich eine wertvolle Gitarre. Von der Country-Akustik-Gitarre, bis zur roten E-Gitarre, war einmal das ganze Sortiment in allen Farben vertreten. Ich hatte nicht von allem eine Ahnung, aber Musik war in meiner Familie immer ein großes Thema gewesen und ich wusste, was eine Gibson-Gitarre war und was sie kostete. Mein Vater hatte eine besessen und sie wie seinen Augapfel behütet. Wo war ich hier gelandet? Woher hatte er das alles und warum stand es in dieser Scheune rum? Im finnischen Hinterland. Mit wem war der Kerl verheiratet? Carlos Santana? Slash? Keith Richards? Wahrscheinlich holte er doch gerade die Machete.
Nachdem ich alle Koffer vorsichtig wieder geschlossen hatte, musste ich mir die anderen Inhalte nicht mehr ansehen. Ich wollte den Auftrag unbedingt. Und selbst wenn in den anderen Boxen nur noch Kugelschreiber wären, hätte ich hier eine riesige Ausbeute gemacht. Die Gitarren hatten fast den Wert des Wagens. Das wusste ich, ohne einen Fachmann draufgucken zu lassen. Wer wusste, was sich hier noch anfand. Wahrscheinlich wirklich eine Leiche. Vielleicht war sein Vater ein erfolgreicher Musiker gewesen? Aleksi Vaasmaa. Vaasmaa. Sagte mir nichts. Vielleicht hatte er den Namen seiner Frau angenommen oder seine Frau war die Tochter eines bekannten Gitarristen. Solche Instrumente hob kein Hobbymusiker auf. Jedenfalls nicht in der Menge.
Ich stellte die Koffer zurück und sah auf die Uhr. Ich hatte später noch einen weiteren Termin bei einer Familie, die diverse Erbstücke der Großmutter schätzen lassen wollten und Angst hatte, dass man sie im Geschäft übers Ohr haute. Also verließ ich die Scheune wieder, machte das Licht aus und ging den Flur entlang. Durch die Glasfront im Wohnzimmer entdeckte ich Aleksi, der auf einem der Rattan-Sofas auf der Terrasse saß. Er hatte wackelte mit dem Fuß, der auf sein Knie gestützt war, las Zeitung und neben ihm lag Karhu in der Sonne, der sofort schwanzwedelnd aufsprang, als ich Richtung Terrassentür ging. Er sah von seiner Zeitung auf und erhob sich aus den Polstern.
„Also... ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ähhm...."
„Musst du nicht." Er lächelte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Woher sind die Gitarren?"
„Aus diversen Gibson Stores von Berlin bis Los Angeles. Ich hab die mal gesammelt."
„Du weißt schon, dass man die nicht einfach so sammelt und dann in die Scheune stellt."
„Ja, das weiß ich. Deswegen sollen sie da auch nicht länger stehen. Ich denke es wird diverse Musikhändler geben, die sich darüber freuen und mir ein gutes Angebot machen."
„Davon gehe ich aus."
Er schien nicht wirklich darüber reden zu wollen und ich bohrte nicht weiter nach. Vielleicht war es ihm auch unangenehm weil es Schulden hatte. Vielleicht brauchte er deswegen Geld. Vielleicht hatte er sein Geld in eine blutjunge Dame investiert, die jetzt mit neuen Brüsten und vollen Lippen in einem Lamborghini und ihrem gleichaltrigen Lover in den Sonnenuntergang fuhr. Zugern hätte ich gewusst, woher all diese Dinge kamen und was für eine Geschichte sie erzählten, aber er schien nicht gewillt mir das zu erzählen.
„Okay. Also ich würde mich wirklich gern darum kümmern. Ich habe heute noch einen Termin, aber ich könnte übermorgen wiederkommen und die anderen Sachen durchgucken."
„Ja. Gern. Wann denn?"
„So gegen 11?"
„Klingt gut. Danke."
„Ich sage Danke. Auch für das Vertrauen. Das ist alles sehr wertvoller Kram."
„Ich weiß. Ich habe auch kein gutes Gefühl dabei, wenn er alles nur rumsteht und ich habe ein paar gute Dinge über deine Firma gehört. Die Sachen hat sich bisher noch niemand angeguckt und ich lasse da auch nicht jeden ran. Also gehe ich davon aus, dass das mit Diskretion behandelt wird und morgen keiner hier war, der meine Scheune ausgeräumt hat."
„Um Gottes Willen. Natürlich nicht!" sagte ich mit aufgerissenen Augen. „Ich rede darüber nicht. Da musst du dir keine Sorgen machen."
„Okay. Dann sehen wir uns übermorgen."

Aleksi brachte mich zur Tür. Karhu folgte ihm auf Schritt und Tritt und setzte sich neben ihn, als er im Türrahmen meine Hand schüttelte und die Tür schloss, als ich an meinem Auto angekommen war.

After Wonderland - Als das Licht ausgingCerita yang bikin terobses. Temukan sekarang