1. Das gespielte Wunschkind •

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• Kapitel 1

Riley

"RILEY! Bist du wach? Es ist schon 10 Uhr." kam eine mir sehr bekannte Stimme. Ich merkte, ohne die Augen zu öffnen, dass diese Person direkt vor mir stehen musste. "Riley, wir müssen zum Flughafen!" tauchte die Stimme erneut auf. Langsam wachte ich aus meinem Halbschlaf auf und sah meine hysterische Mutter direkt vor mir. In ihrer Hand ein großer Koffer. Offensichtlich war es der meines Vaters. Immer noch vollkommen schlaftrunken rieb ich meine Augen. "Bitte zieh dich an. In 30 Minuten kommt das Taxi." rief sie. Mit dem Koffer in der Hand rannte sie hektisch aus meinem Zimmer. Gott war diese Frau stark, wenn sie im Zeitdruck war. Sie würde jederzeit ein Auto von mir runter hieven -sollte ich irgendwann mal unter einem Auto stecken- wenn sie einen Flug oder eine Bahn erwischen musste.

Genervt schlug ich meine Decke über meinen Kopf. Ich wollte nicht nach Amerika. Ich war hier in Deutschland geboren und musste alles hinter mir lassen? All' meine Freunde, all' meine allzu vertrauten Umgebungen und vor allem ließ ich Logan zurück. Logan und ich waren seit 6 Monaten ein Paar. Ich genoss jede Sekunde, die ich mit ihm verbrachte. Er war immer lieb und zuvorkommend zu mir. Schon als Kinder mochten wir uns und verbrachten viel Zeit miteinander. Allerdings glaubte ich nicht, dass eine Fernbeziehung klappte. Er wollte es unbedingt ausprobieren, also stimmte ich zu. Alle die, die mich und ihn kannten, dachten immer, dass ich sie anlog, dass ich ihn so sehr liebte. Er war das komplette Gegenteil von mir. Er war eher dunkel gekleidet. Mein Kleidungsstil war schrill, bunt und verrückt. Sein Kleiderschrank bestand meist aus Bandshirts, schwarzen skinny-jeans und ebenfalls schwarzen Chucks. Er hörte Metal, Rock und Punk. Ich war eher der Klassik Mensch. Man hörte sich ein Lied an und schon war man in seiner eigenen Welt. Da, wo niemand hetzte. In der Welt, wo man einfach die Augen schloss und sich sicher war, dass nichts und niemand diesen Moment zerstören konnte.

"RILEY!!!" ich erschrak. Ja, war klar, dass meine Mutter sogar diesen Moment zerstörte. "JA DOCH!" rief ich genervt zurück. Ich widersetzte mich dem Willen, einfach im Bett zu bleiben und abzuwarten. Vielleicht würden wir ja das Taxi und somit auch den Flug verpassen. Dann müssten wir wahrscheinlich nur umplanen und einen Flug später nehmen. Ich musste so oder so nach Amerika. Ich würde zwar in einem Jahr 18 werden, das war jedoch meinen Eltern egal. Solange ich meine Beine unter ihrem Tisch hatte, musste ich auf jedes einzelne Wort hören, was sie sagten. Sie waren sehr konservativ. Sie hatten ein klares Bild. Ich hingegen war komplett anders. Ich wollte mein Leben noch nicht bis zur letzten Sekunde geplant haben. Ich wollte mich überraschen lassen. Ich wollte nicht jetzt schon wissen, wen ich heirate, ob und wie viele Kinder ich haben werde und wie mein Leben in zehn Jahren aussieht, wollte ich sowieso nicht wissen. Meine Eltern wollten aber, dass ich mein Abitur mache, Medizin, Jura oder so eine andere spießige Sache studiere, dann einen Geschäftsmann heirate, drei Kinder bekomme und in einem fetten Haus in einer Großstadt lebe. Wenn ich denen sagen sollte, das ich mir so gerne ein Tattoo wünschte oder dass ich nicht vor hatte zu studieren, dann würde es großen Ärger geben. Meine Mutter würde einen hysterischen Heulkrampf bekommen und mein Vater würde kopfschüttelnd daneben sitzen und überlegen, wie viele Wochen Hausarrest nötig wären, damit ich diesen "Unfug" aus meinem Kopf verbannte. Aus diesem Grund sagte ich kein Wort und spielte das Wunschkind, was die beiden wollten.

Meine Füße berührten den kalten Parkettboden und ein leichter Schauer durchfuhr mich. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass bereits die ersten Umzugshelfer im Flur standen. Ich wusste zwar seit 2 Monaten, dass wir auswandern würden, jedoch ging das alles viel zu schnell vorbei. Ich kann mich noch daran erinnern, als sei es gestern gewesen, als wir drei zusammen unten am Esstisch saßen und mein Vater mir diese "freudige" Nachricht überbrachte. Ich wollte keine falschen Unterstellungen machen, jedoch glaubte ich, dass der plötzliche Entschluss was mit Logan zutun hatte. Sie mochten ihn von Anfang an nicht und ließen auch nicht zu, dass ich mich mit ihm traf, seitdem wir ein Paar sind. Jeden Tag in der Schule verabredetet wir uns in den Pausen und versteckten uns, damit es auch niemand mitbekam und es niemand meinen Eltern sagen konnte. Ein Nachteil in einem kleinem Dorf: Jeder kannte jeden.

Nachdem ich mich aus meinem Zimmer in das Badezimmer schürfte, blickte ich in den Spiegel und verharrte einen Moment. Ich sah ziemlich schlimm aus. Meine schulterlangen blond-braunen Haare fielen ungewollt in mein Gesicht. Müde nahm ich ein Haargummi und fasste sie zu einem Dutt zusammen, in der Hoffnung, dass ich danach weniger katastrophal aussah. Aber es brachte nichts, ich sah immer noch aus als wäre ich vor wenigen Minuten von den Toten auferstanden. Meine grünen Augen leuchteten in der Morgensonne. Ich werde das Wetter so sehr vermissen.  Ich liebte die verregneten Tage, die so üblich für Deutschland waren. Man konnte kaum beschreiben, was ich fühlte, wenn ich aus dem Fenster sah und der Nebel so dicht über dem Boden war, dass man das Gefühl hatte, man würde über Wolken laufen.

Ich befolgte meine morgendliche Routine und kam anschließend frisch, sauber und fertig angezogen aus dem Badezimmer. Meine Mutter hasste meinen Kleidungsstil. Andererseits hielt sie ihn nur für eine Phase, also sagten sie keinen klaren Ton dagegen.

Ich ging die Treppe hinunter und erblickte meinen Vater. Mit einem breiten Grinsen unterbrach er dabei die Koffer Richtung Haustür zu stellen und sah mich an. „Guten Morgen, Schatz." sagte er liebevoll und kam auf mich zu um mir einen Kuss auf die Stirn zu geben. Er freute sich jeden Morgen mich zu sehen.

Verbotenes VerlangenWhere stories live. Discover now