Harry pov.
Ich bin hier, weil der Nowhere Man mich einbestellt hat. Er sitzt an seinem Schreibtisch und dreht mir halb den Rücken zu, als ich in sein Arbeitszimmer trete. "Ähm, Pa?" Er hält eine Hand hoch und fährt damit fort, etwas auf einen blau linierten Block zu notieren. Das übliche Spiel.
Ich schaue mich im Raum um: der Kaminsims, der Teppich, die Bücherregale, das Fenster; versuche eine Stelle zu finden, wo ich entspannt den Blick ruhen lassen kann. Keine Chance. Ma ist in alles vernarrt , was niedlich ist - Teddys in Latzhosen, Kissen mit Kalendersprüchen und diverser anderer Schrott, den sie online bestellt. das Zeug ist überall im Haus. Nur hier nicht, in diesem von Jalousien abgedunkelten grauen Raum, der wie die Szenerie eines John-Grisham-Romans wirkt. Die Augusthitze, die draußen herrscht, hat hier drin nichts verloren. ich starre auf Pas Nacken, rutsche tiefer in das granitharte Sofa, reibe mir die Augen, überkreuze die Knöchel.
Auf seinem Schreibtisch stehen drei Fotos von meiner Zwillingsschwester Gemma in unterschiedlichen Lebensphasen- mit blonden Kringellöckchen, mit lückenhaftem Milchzahngebiss, dann mit Zahnspange. Der Blick immer besorgt. an der Wand hängen zwei weitere Bilder von ihr - mit geglätteten Haaren und teurem weißen Lächeln-, daneben ein geramter Zeitungsartikel, der sie nach einer Rede zeigt, die sie diesen Sommer am Vierten Juli bei der Parade von Stony Bay gehalten hat.
Von mir gibt es keine Fotos. Hat es je welche gegeben? Ich kann mich nicht erinnern. War bei diesen Vater-Sohn-Gesprächen in seinem Arbeitszimmer früher immer zugedröhnt. Ich räspere mich. Knacke mit den Fingerknöcheln. "Pa? Du wolltest mich sprechen?" Er fährt zusammen. "Harold?" "Jep."
Er schwenkt mit seinem Schreibtischsessel herum und sieht mich an. Seine Augen sind grün, genau wie die von Gemma und mir. Unpassend zu seinem Arbeitszimmer. "Also" sagte er. Ich warte. Versuche die Flasche Macallan-Whisky auf dem - wie nennt man dieses Teil noch gleich... Sideboard? - auszublenden. Wenn er um sechs von der Arbeit nach Hause kommt, bringt Ma ihm mit derselben Zuverlässigkeit, mit der diese gruseliegen Figürchen beim ersten Glockenschlag aus ihren winzigen Kuckucksuhrtüren herauskommen, exakt zehn Minuten später einen kleinen silbernen Eiskübel, damit Pa sich das erste seiner zwei Gläser Scotch genehmigen kann, die er jeden Abend trinkt.
Heute muss ein Besonderer Tag sein. Obwohl es erst drei Uhr ist, steht der Eiskübel schon bereit und sondert genau wie ich, kühlen Schweiß ab. Selbst als ich noch ein kleiner Junge war, wusste ich, dass er den zweiten Drink nur zur Hälfte austrinken würde. Während er sich vor dem Abendessen die Hände wusch, konnte ich also den Rest des Eiswasser vermischten Scotchs hinunterschlürfen., ohne dass er etwas davon mitbekam. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich damit anfing, aber es war definitiv einige Zeit , bevor ich die ersten Schamhaare kriegte.
"Ma sagte, du wolltest etwas mit mir besprechen." Er wischt einen unsichtbaren Fussel von seinem Knie, als wäre er mit den Gedanken schon wieder wo anders. "Hat sie gesagt, warum?" Ich räusperte mich noch einmal. "Weil ich heute ausziehe?" Am liebsten wäre ich schon vor zehn Minuten weg gewesen. Sein Blick kehrt zu mir zurück . "Denkst du das ist die richtige Entscheidung?" Typisch Nowhere Man. Es war wohl kaum meine Entscheidung auszuziehen. Tatsächlich hat er mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Die einzige richtige Entscheidung, die ich in letzter Zeit getroffen habe, war die, mit dem Trinken aufzuhören. Aber Pa steht auf solche Wendemanöver.Es spielt keine Rolle, dass er mich praktisch vor die Tür gesetzt hat, irgendwie schafft er es immer wieder den Spieß umzudrehen und mir das Gefühl zu geben, der letzte Dreck zu sein.
"Ich habe dir eine Frage gestellt, Harry." "Ja, sicher . es ist eine gute Idee." Pa legte die Fingerspitzen aneinander und stützte das Kinn darauf, das wie meins eine kleine Kerbe in der Mitte hat. "Wie lange ist es nochmal her, seit du von der Schule geflogen bist?" "Ähm. Acht Monate" Anfang Dezember . Ich hatte noch nicht einmal den Koffer nach meiner Rückkehr aus den Thanksgiving-Ferien ausgepackt. "Wie viele Jobs hattest du seitdem?" Vielleicht kann er sich nicht mehr genau erinnern. "Drei", schummle ich. "Sieben", korrigiert Pa mich. Shit. "und bei wie vielen bist du gefeuert worden?" "Ich hab immer noch den Job bei..." Er dreht in seinem Schreibtischsessel zur Seite und schaut stirnrunzelnd auf sein Handy. "Wie viele?" "Den Job im Wahlkampfbüro der Senatorin habe ich gekündigt, also eigentlich nur fünf." Pa schwenkt wieder zurück, lässt das Handy sinken und mustert mich über den Rand seiner Lesebrille. "ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass du diesen Job hingeworfen hast. Du benutzt das Wort nur wie etwas, auf das man stolz sein könnte. Seit Februar hast du fünf von sieben Jobs verloren. Bist insgesamt von drei Schulen geworfen worden... Wusstest du, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Job verloren habe? Nie eine einzige schlechte Beurteilung bekommen habe? Keine schlechtere Note als ein B? Genau wie deine Schwester."
Na klar. Die perfekte Gemma. "Meine Noten sind immer gut gewesen", sage ich. Mein Blick verirrt sich erneut zur Whiskeyflasche. Ich muss meine Hände mit irgendwas beschäftigen. Einen Joint drehen wäre jetzt gut. "Vollkommen richtig." Pa steht abrupt auf, wirft seine Brille auf den Schreibtisch und fährt sich durch die kurzen Haare, bevor er Eis in sein Glas gibt und sich zweifingerbreit Whiskey eingießt. Ein leicht nach Moschus und Torf duftender Hauch steigt mir in die Nase. Oh Mann, riecht das gut. "Du bist nicht dumm, Harry. Aber du verhältst dich definitiv so." Den ganzen Sommer über hat er kaum ein Wort mit mir geredet und ausgerechnet jetzt will er mir einen Scheißvortrag halten? Ich zwinge mich, den Blick von der karamellfarbenen Flüssigkeit in seinem Glas loszureißen und wieder ihn anzusehen.
"Pa. Dad. Ich weiß, das ich nicht der Sohn bin, den du dir... gewünscht hast-" "Willst du einen Drink?" Er greift nach einem zweiten Glas, schenkt mit einer für ihn untypischen Achtlosigkeit Whiskey ein, stellt es auf den Untersetzer mit dem Wappen der Columbia University, der auf dem kleinen Tischchen neben der Couch liegt, und schiebt es mir zu. Dann hebt er sein eigenes Glas an die Lippen, trinkt es fast in einem Zug aus und stellt es anschließend bedächtig auf seinen Untersetzer zurück. Okay, das ist echt krank.
"Ähm. Hör zu." Meine Kehle ist so trocken, das meine Stimme seltsam klingt- zuerst heiser, dann viel zu hoch. "Ich habe seit Ende Juli keinen Tropfen mehr angerührt. Das sind jetzt, ähm, neunundfünfzig Tage, nicht dass außer mir irgendjemand mitzählen würde. Ich gebe mein Bestes. Und ich -" Pa mustert prüfend das Aquarium, das an der Wand steht. Ich langweile ihn. "Und ich werde weiter mein Bestes geben und..." Ich verstumme. Es ist ziemlich lange still. Ich habe keine Ahnung, was er denkt. Ich weiß nur das mein bester Freund auf dem Weg hierher ist und dass mein Jetta, der in der Einfahrt steht, mir mehr und mehr wie ein Fluchtwagen vorkommt.
"Vier Monate", sagt Pa plötzlich tonlos, als würde er die Worte von einem Zettel ablesen. Was gar nicht so abwegig ist, da er den Blick vor sich auf seinen Schreibtisch geheftet hat. "Ähm... ja?" "Ich gebe dir vier Monate, um dein Leben in Ordnung zu bringen. Im Dezember wirst du achtzehn. Ein Mann also. Wenn du dich danach nicht auch wie einer verhältst, werde ich dir sämtliche finanziellen Mittel streichen. Ich wede weder deine Krankenkasse noch deine Kfz-Versicherung weiter bezahlen und den Collegefonds deiner Schwester übertragen."
Nicht das ich je auf Rosen gebettet gewesen wäre, aber damit würde mir auch noch das letzte bisschen Boden, das er mir zugestanden hatte, unter den Füßen weggezogen, und eine ziemlich harte Arschlandung wäre die Folge. Bis Dezember ein Mann werden. Als würde so etwas einfach so - zack! - passieren. Als gäbe es ein Verfallsdatum für... keine Ahnung... das, was ich jetzt bin. "Aber - ", beginne ich. Er wirft einen Blick auf seine Seiko und drückt einen kleinen Knopf, vielleicht startet er den Countdown. "Heute ist der vierundzwanzigste August. Du hast also bis Weihnachten Zeit." "Aber - " Er hebt eine Hand, schneidet mir ungeduldig das Wort ab. Keine Diskussion. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll, aber das spielt keine Rolle, die Unterhaltung ist sowieso beendet. Wir sind hier fertig. Ich hieve mich aus der Couch und gehe wie ferngesteuert auf die Tür zu. Kann gar nicht schnell genug den Raum verlassen. Und das war ihm wohl nur recht. Danke, Pa. Für dich auch alles Gute.
BINABASA MO ANG
Larry Stylinson, Mein Leben nebenan
Fanfiction"Mein Leben nebenan" (An die gleichnamige Geschichte von Huntley Fitzpatrick angelehnt) Louis Tomlinsons Leben besteht aus To - do - Listen und der Verantwortung für seine jüngeren Geschwister. Nichts passt weniger in sein Leben als der zu Hause rau...
