23.06: Montag

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Mein ganzes Leben läuft in letzter Zeit drunter und drüber. Seit meine Mutter schon verstorben ist, ist mein Vater so anders. Irgendwie fremder. In sich geschlossener. Nicht, dass ich mir da wirklich sicher sein kann, vielleicht erinnere ich mich auch nicht mehr richtig, ich war schließlich gerade sechs, als sie verstorben ist. Es zerreißt mir bis heute das Herz. An Brustkrebs. Musste es unbedingt Brustkrebs sein? Meine Mutter war viel eher der Typ, der das Abenteuer suchte, die Freiheit. Mein Vater erzählt mir bis heute voller Stolz Geschichten mit ihr, über sie. Das sind die einzigen Augenblicke, in denen er richtig auflebt, kurz stolz lächelt. Wo die dunklen Ringe unter seinen Augen für einen winzigen Moment verschwunden scheinen. Wo er kurz wieder er selber ist. Doch dann, dann holt ihn immer die Realität wieder ein. Die Realität, in der er die Frau, für die er fünfzehn Jahre lang gekämpft hat, verloren hat, nachdem sie nicht einmal zehn Jahre haben miteinander verbringen können. Er hat früher viel mit ihr gescherzt, gemeint, sie würde früh draufgehen, wenn sie so weitermache. Er schildert es immer ausführlich. Wie sie da zusammen saßen, sich auseinander gesetzt und mächtig gestritten haben, nur um sich dann wieder zu vertragen und zu einander zu finden, sich noch mehr zu lieben als sie es vorher schon taten, obwohl dies jedes Mal aufs Neue unmöglich erschien. Meine Mutter ist nicht gestorben, als sie versucht hat, von einer viel zu hohen Wand herunter zu springen, ohne irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Nicht, dass sie das nicht getan hätte. Sie ist von einer viel zu hohen Wand gesprungen, hat sich dabei aber nur den linken Arm und drei Rippen gebrochen. Das hat ihre Abenteuerlust für eine Weile gestillt. Nicht, weil sie nicht mehr rausgehen und die Welt erkunden wollte, sondern weil sie es schlichtweg nicht konnte. Meine Mutter war vielleicht waghalsig und hat das Leben geliebt, aber sie war nicht dumm. Sie hat die Herausforderung gesucht, nicht aber den Tod. Sie wollte es mit alles und jedem anlegen, nicht aber alles dafür aufs Spiel setzen. Und doch, doch hat sie so verrückte Sachen gemacht. Sie hat sich einen Flugschein gemacht und jahrelang gespart, um sich einen eigenen Helikopter anzulegen. Damit sie verrückte Stunts durchführte, die sie noch gar nicht gescheit umsetzen konnte, weil es ihr an Erfahrung fehlte. Wieder so ein Dilemma wo sie nur knapp dem Tod entkam. Dabei dachte sie, sie hätte alles richtig gemacht. Sie hatte schließlich schon einen Flugschein. Vielleicht hätte sie auch mehr Wert auf Erfahrung legen sollen. Das ist schließlich nicht ganz außer Acht zu lassen, wenn man bedenkt, was für verrückte Manöver manch ein Kunstflugpilot zustande bringt. Und woran ist sie letzten Endes gestorben? An einem Schlangenbiss im Dschungel? Durch einen blutig ausgetragenen Kampf mit einer Wildkatze? Durch das Reißen des Seils beim Bungee-Jumping? Nein, an einem stinklangweiligen Brustkrebst in einem Bett im Krankenhaus.


Mein Vater ruft mich gerade, er meint, das Essen sei fertig. Ich schreibe bald weiter. Versprochen!


Mein VorbildKde žijí příběhy. Začni objevovat