K a p i t e l 1. Jung und unschuldig

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- Geld regiert die Welt




Seattle - November, 2009

$ex anzubieten, damit man ein regelmäßiges Einkommen erhält, sehen die meisten unter uns als ungebührlich, oder um es deutlich zu sagen: Als dreckig, ekelhaft, peinlich und dumm ... nicht zuletzt, weil die meisten sich niemals ernsthaft damit auseinandersetzen müssen und zudem mit etlichen Vorurteilen belastet sind.
Mein Standpunkt zu diesem Thema ist klar: Geld regiert die Welt!
»Mein Körper ist käuflich, aber meine Liebe nicht!« Ein beliebter Spruch, ja beinahe ein Mantra in der Frauenwelt, doch das ist Schwachsinn!
Seit ich auf dieser Welt bin, musste ich am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, arm zu sein.
Wenn man nicht einmal genug Geld besaß, um sich etwas Anständiges zwischen die Zähne schlagen zu können, konnte man sich sicherlich vorstellen, dass man zu vielem bereit war.
Meine Eltern scherte es bei sieben Kindern einen Dreck, ob ich als Jüngste gut wegkam. Quasi war ich für sie gar nicht existent. Ich war lediglich Ballast und wenn meine Mutter gekonnt hätte, wäre ich schon als Baby an irgendjemanden weggegeben oder verkauft worden, doch mein Vater hatte mich zu sehr geliebt, als dies zu erlauben.
Einige mögen dies jetzt als hart und ungerecht erachten, aber nicht nur mir erging es so. Für mich ist nur wichtig, was ich aus meinem Leben mache. Der Rest interessiert mich nicht, denn niemand ist für mein Leben verantwortlich, außer ich selbst. Zumindest dachte ich dies seit jeher...
Als ich 21 Jahre alt geworden und mein Vater schon seit über zwei Jahren verstorben war, verschwand ich. Ich hinterließ nicht mehr, als eine kleine Notiz. Meiner Ansicht nach hatte ich mein Soll zu genüge erfüllt.
Doch ohne finanzielle Unterstützung kam ich nicht weit, und so etwas wie Ersparnisse besaß ich nicht. Das Leben außerhalb meiner Familie konnte gleichermaßen grausam sein, wie ich schnell am eigenen Leibe zu spüren bekam.
Nach über einer Woche fast ohne Essen, klappte ich in einer Fußgängerzone zusammen. Die Menschen gingen an mir vorbei, tuschelten und zeigten mit dem Finger auf meine dreckige Kleidung ... doch es interessierte mich nicht. Tief in mir hatte ich immer noch die Hoffnung, mein Leben selbst in den Griff zu bekommen.
Mit geschlossenen Augen lag ich da, blendete alle Geräusche um mich herum aus und atmete die kalte November Luft ein, die durch den feuchten Stoff meiner Kleidung kroch.
Plötzlich hob mich jemand auf die Arme und trug mich weg, fort von der gaffenden Menschenmenge, für die ich wohl eine Art Zirkusnummer darstellte.

Ich öffnete nicht einmal meine Augen, da diese schwer wie Blei waren. Erst als ich einen warmen Luftzug spürte, öffnete ich schwerfällig meine Lider und blinzelte, weil mir grelles Licht ins Gesicht schien.
Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, erblickte ich einen Mann. Er war noch relativ jung, vielleicht Anfang 30. Seine dunkelbraunen Augen waren beinahe schwarz und sein Dreitagebart lag wie ein Schatten auf seinem Gesicht. Eine kleine markante Narbe war an seinem Kinn zu erkennen, eine ähnliche hatte ich auch. Meine stammte von einem spitzen Stein, mit dem mein älterer Bruder Marvin Indianer gespielt hatte. Als Jüngste musste ich irgendwie immer das Opfer spielen. So ging es wahrscheinlich vielen. Meine Gedanken drifteten ab. Die Umgebung verschwamm allmählich.
»Kann das Mädchen sprechen, oder ist es stumm?«, wollte der Fremde wissen und seine sanfte Stimme überraschte mich, denn seine Gesichtszüge waren hart. Das passte so gar nicht zusammen.
»Heben Sie oft Müll von der Straße auf und schleppen ihn mit nach Hause?«, entgegnete ich stattdessen erschöpft und lächelte gleichwohl in mich hinein. Ich liebte es, Menschen aus der Fassung zu bringen und sie sprachlos zu machen, doch mein fremder Müllsammler ließ sich von mir nicht beirren.
»Hin und wieder«, beantwortete er meine Frage bedächtig, als würde es tatsächlich eine Lappalie für ihn sein.
Diesmal war ich es, die die Sprache verloren hatte, denn zum ersten Mal fragte ich mich, ob dieser Kerl ungefährlich war. Vielleicht war er ein Psychopath, der Obdachlose zum Spaß mit nach Hause nahm, um...
»Keine Sorge, ich habe nicht vor dich zu kochen. An dir ist sowieso kaum etwas dran«, grinste er und legte mich behutsam auf ein dunkelbraunes Sofa. Ich lachte, allerdings skeptisch.
»Da bin ich aber beruhigt.«
Nachdenklich sah er mich an, fast so, als versuchte er meine Gedanken zu erraten.
»Warum bist du auf der Straße zusammengebrochen?« Seine Stimme war auf einmal härter, aber dennoch mitleidig, was ich auf den Tod nicht ausstehen konnte.
»Das geht Sie nichts an!« Ich war mir meines schnippischen Tonfalls durchaus bewusst, doch ich würde einem völlig Fremden sicherlich nicht auf die Nase binden, dass ich eine Versagerin war. Obwohl man das offensichtlich wohl kaum verbergen konnte.
»Na schön ...«, begann er und fuhr sich mit den Händen durch sein dunkles Haar, dessen Farbe ich schwer definieren konnte. Vielleicht ein dunkles braun, oder doch schwarz? »Dann verrate mir doch zumindest deinen Namen.«
Ich zögerte einen Moment und antwortete kaum hörbar: »Shirin.«
Er lächelte zufrieden.
»Mein Name ist Jereth Gage. Möchtest du vielleicht duschen?« Er rümpfte die Nase. »Würde dir nicht schaden, Shirin.«
Eine Welle der Scham überkam mich und ich nickte kraftlos. Meine Körperpflege hatte ich den letzten Tagen zugegebener Maßen ziemlich vernachlässigt.
Benommen stellte ich mich unter die Dusche, in die mich Jereth bugsiert hatte. Meine Beine machten die ganze Prozedur schleppend mit.
»Soll ich hierbleiben und dir helfen?«, fragte er und ich ignorierte das schelmische Blitzen seiner Augen, die wie ein Spiegel waren, in denen ich eine ärmliche Gestalt erkannte. Dürr, farblose Wangen und strähnige rotbräunliche Haare, die erahnen ließen, dass sie einmal ein wenig heller gewesen waren. Ein dunkles Blond mit leicht rötlichem Schimmer.
»Danke, aber das schaffe ich gerade noch so alleine«, brachte ich leise über meinen trockenen Lippen und wandte mich auf wackligen Beinen von ihm ab. Er akzeptierte es vorbehaltlos und verließ ohne ein Wort zu sagen das Bad.
Ich seufzte, befreite mich von meiner dreckigen Kleidung, die ich achtlos aus der Dusche warf und zog die undurchsichtige Glastür zu.
Als das warme Wasser über meinen erschöpften Körper strömte und ich meine Haare mit Jereths Shampoo eingeschäumt hatte, welches den männlichen Duft von Moschus besaß, gelang es mir zu vergessen und einfach den Augenblick zu genießen.
Die Zeit schien stehen zu bleiben und nichts, außer meinem Herzschlag, rührte sich in mir.
Allerdings verstrich die Zeit schneller als erhofft, und irgendwann hörte ich Jereths Stimme, die leise in mein Bewusstsein eindrang.
»Alles in Ordnung bei dir?«
Ich zuckte etwas zusammen und stützte mich an den kalten Wandsteinen ab, damit ich mein Gleichgewicht beibehielt.
»Ja«, krächzte ich und kniff meinen brennenden Augen zusammen, weil ein wenig von dem Shampoo in diese hineingeraten waren.
Was tat ich hier eigentlich? Mein Kopf begann heftig zu pochen, weil sich die unangenehme Frage aufdrängte, wo ich die kommenden Nächte verbringen würde. Meine Zukunft war ungewiss – und das hasste ich! War ich wirklich so abhängig von meiner Mutter und meinen Geschwistern? Musste ich dorthin zurück?
Auf wackligen Beinen verließ ich die Dusche und sah mich in dem noblen Badezimmer um, welches geräumiger war, als das Zimmer, das ich mir damals mit meinen zwei Schwestern teilen musste.
Eine eierförmige Badewanne, welche auf einem dunklen Podest platziert war, vereinnahmte den größten Teil des Raumes und lud zum Entspannen ein. Die Wände waren in einem gräulichen Naturstein gehalten und strahlten eine angenehme Kühle aus. Kleine Lampen waren in größeren Abständen verteilt in die Steine eingesetzt und ließen den Raum in einem sanften Licht erstrahlen. Der Dampf, der durch das warme Wasser entstanden war, lag wie ein Schleier um mich herum und verschluckte mich förmlich. Ich glaubte, noch nie einer angenehmeren Umgebung ausgesetzt gewesen zu sein und Neid zeigte sein hässliches Gesicht.
Meine Stirn legte sich in Falten ... Wo waren meine Sachen?
Nachdem ich das gesamte Bad danach abgesucht hatte, öffnete ich vorsichtig die Tür und spähte heraus. Niemand war zu sehen.
Unmittelbar rechts von dem Badezimmer aus befand sich eine bereite massive Holztür, vermutlich der Wohnungseingang.
»Entschuldigung?«, rief ich, »Wo haben Sie meine Sachen hingetan? Ich hatte sie auf den Fußboden gelegt.«
»An der Wand neben der Tür hängt etwas, das kannst du dir anziehen!«, rief er mir zu und ich schaute nach. Dort hing ein weißes Hemd und eine graue Boxershorts. Vermutlich von ihm.
»Das sind nicht meine Sachen!«, protestierte ich. Sekunden vergingen. Es kam keine Antwort.
Zähneknirschend sah ich mich erneut in dem Bad um und schnappte mir ein langes weißes Handtuch und trocknete mich sorgsam damit ab. Für einen Moment erwog ich die Möglichkeit, die Sachen nicht anzurühren ... doch was blieb mir anderes übrig? Ich sollte einfach dankbar sein, doch es lag halt in meiner Natur Misstrauen zu empfinden.
Mit nackten Füßen tapste ich anschließend über den spiegelpolierten Parkett im Flur. Nur vage kam die Erinnerung zurück, wo Jereths Wohnzimmer gewesen war. Ich schlich wie eine Diebin und rieb mir meine kalten Hände. Mein Magen beschwerte sich höllisch mit einem lauten Knurren.
Im Wohnzimmer fand ich ihn schließlich, er saß mit dem Rücken zu mir an einem Schreibtisch, welcher direkt vor einem mannshohen Fenster stand. Draußen hatte bereits die Dämmerung eingesetzt und der Himmel leuchtete in einem zarten Rosa, vermischt mit einem kräftigen Rot.
Nervös fummelte ich an dem Saum des viel zu großen Hemdes und räusperte mich fast unmerklich.
Schwungvoll drehte er sich zu mir und starrte mich schweigsam an. Vielleicht kam es mir nur so vor, doch seinen Augen hatten sich ein Ticken geweitet.
»Schön das man dein hübsches Gesicht nun endlich erkennen kann. Unter dem ganzen Dreck hatte man es gar nicht vermutet«, meinte er, ohne eine Miene dabei zu verziehen, erhob sich langsam und kam auf mich zu.
Ungewollte schreckte ich ein Stück zurück und sah zu meinen nackten Füßen, die allmählich ebenfalls kalt geworden waren.
»Ich möchte mich Ihnen nicht weiter aufdrängen. Sie waren wirklich sehr freundlich zu mir. Ich bedauere, dass ich Ihnen nicht mehr als meinen Dank dafür aussprechen kann«, murmelte ich verlegen und fügte etwas lauter hinzu: »Geben Sie mir nur meine Klamotten und schon bin ich weg.«
Nachdenklich sah er mich an und ich erwiderte seinen intensiven Blick.
»Wo willst du übernachten?«
»Hier und dort«, antwortete ich knapp, ich wusste es ja selber nicht besser.
»Deine Sachen sind noch in der Waschmaschine. Ich denke, mit nichts weiter als meinem Hemd und meiner Boxershorts, willst du nicht auf die Straße zurück, oder?«
Ich nickte und begann zu zittern. Meine feuchten Haare schafften da keine Abhilfe. Vereinzelte Wassertropfen rannen an meinen Rücken und meinem Brustkorb herunter. Peinlich berührt verschränkte ich die Arme vor meiner Brust, weil der dünne Stoff des Hemdes begann transparent zu werden. Deutlich konnte ich spüren, dass meine Brustwarzen sich, der Kälte halber, verhärteten.
»Du hast sicher Hunger was?«
Bei dem Wort Hunger begann mein Magen erneut schmerzhaft zu knurren und jeglicher Scham war über Bord geworfen.
»Dachte ich mir schon«, grinste er und verschwand kurz in einem angrenzenden Nebenzimmer. Geistesabwesend wickelte ich eine Haarsträhne um meinen Zeigefinger und zog den Duft der Frische tief ein.
Jereth musste gut verdienen, wenn er sich eine Wohnung über den Dächern von Seattle leisten konnte. Das Panoramafenster hinter seinem Schreibtisch wirkte wie gemalt und lud zum Träumen ein. Stundenlang hätte ich einfach so dastehen und diesen herrlichen Ausblick genießen können.
»Atemberaubend, nicht wahr?«, fragte Jereth, als er meinen träumerischen Blick sah.
»Das ist es ...«, hauchte ich und wandte mich ihm zu, sein Blick war undefinierbar. Er trug eine weiße Suppenschüssel, aus welcher ein köstlicher Geruch zu mir herüberdrang. Das Wasser lief mir im Munde zusammen.
»Auf Besuch war ich nicht eingestellt, daher habe ich kaum etwas Essbares im Haus. Aber ich habe mal aus ein paar Sachen was gezaubert.«
»Danke«, sagte ich ehrlich und schenkte ihm das einzige, das ich besaß ... mein Lächeln.
»Setz dich hier her und nach dem Essen bist du mir ein paar Erklärungen schuldig.«
Was für Erklärungen?, Dachte ich argwöhnisch, setzte mich neben ihn auf die dunkelbraune Sofalandschaft und begann die Schüssel eifrig leer zu löffeln. Etwas Besseres hatte ich noch nie gegessen. Eine Kartoffelsuppe mit Rosmarin und etlichen anderen köstlichen Dingen.
Meine Mutter kam mir in den Sinn ... Hatte sie überhaupt jemals für uns gekocht? Meine älteste Schwester Amalia hatte das meistens übernommen, und auch ihr hatte dies keiner beigebracht.
»Die Suppe ist köstlich«, lobte ich und trank den letzten Rest aus der Schüssel. Genüsslich leckte ich über meine Lippen und stellte die Schale auf einen kleinen runden Tisch vor mir ab.
Aus meinen Augenwinkel heraus erkannte ich, dass er mich beobachtete. Ein merkwürdiger Mann. Vielleicht gab es ihm einen Kick, Obdachlose von der Straße einzusammeln und zu füttern.
»Deine Haare sind noch ganz feucht«, bemerkte er tadelnd und erhob sich. »Du wirst dir eine Lungenentzündung zuziehen.«
Bitter lachte ich auf.
»Was ist so lustig daran?«, fragte er verwirrt und legte die Stirn in Falten.
»Glauben Sie wirklich, dass es mich kümmert, ob ich krank werde?«
»Das sollte es zumindest.«
Seufzend lehnte ich mich ein Stück zurück und schloss die Augen. Eine Lungenentzündung würde wenigstens schnell gehen. Eine plötzliche Müdigkeit überfiel mich, doch ehe ich einnickte, hüllte mich eine angenehme Wärme ein.
»Danke«, nuschelte ich schläfrig und murmelte mich in die Decke ein, die Jereth über mich gelegt hatte.
»Schlaf, wir werden später reden«, hörte ich ihn wie aus weiter Ferne und fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

$ex $ell$Where stories live. Discover now